Organspende: Für Widerspruchslösung

Der 121. Deutsche Ärztetag hat sich für die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung bei der Organspende in Deutschland ausgesprochen. Von Stefan Rehder

Erfurt (DT/reh) Der 121. Deutsche Ärztetag hat sich für die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung bei der Organspende in Deutschland ausgesprochen. Danach gilt jeder künstlich beatmete Patient, bei dem der sogenannte Hirntod diagnostiziert wurde, automatisch als Organspender, der einer Entnahme von Organen zuvor nicht ausdrücklich widersprochen hat. Bei ihrem Treffen in Erfurt (8. bis 11. Mai) forderten die Delegierten des Ärztetags den Deutschen Bundestag auf, das Transplantationsgesetz (TPG) entsprechend zu ändern.

In dem – nach kurzer Debatte – mehrheitlich angenommenen Antrag heißt es: „Es kann von jeder Bürgerin und jedem Bürger nach der gesetzlich in § 2 Abs. 1 Transplantationsgesetz geregelten Aufklärung durch die Krankenkassen erwartet werden, dass sie sich mit der Problematik auseinandersetzen und im Falle einer tatsächlichen Ablehnung ihr Nein zur Organspende formulieren.“

Seit dem 1. November 2012 gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungsregelung. Gemäß dieser sind die Krankenkassen verpflichtet, alle zwei bis fünf Jahre sämtliche Mitglieder anzuschreiben und über die Möglichkeit der Organspende zu informieren. Auf diese Weise sollen die Versicherten zu einer „ergebnisoffenen“ Entscheidung für oder gegen die Organspende gewonnen werden. Tatsächlich entscheiden muss sich jedoch niemand.

Geht es nach dem Willen der Ärzte, soll das jetzt anders werden. Begründet wird die Forderung nach dem Systemwechsel mit der seit zehn Jahren kontinuierlich sinkenden Zahl von Organspendern. „Dieses Problem, das jedes Jahr den Tod für viele Patienten auf der Warteliste bedeutet, muss durch viele verschiedene Maßnahmen angegangen werden. Eine dieser Maßnahmen ist die Einführung der in fast allen europäischen Ländern üblichen Widerspruchslösung“, heißt es in der Begründung des in Erfurt angenommenen Antrages.

In der Europäischen Union verfahren inzwischen 16 der 27 Mitgliedsstaaten nach diesem Modell. Namentlich sind das Bulgarien, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn und Zypern. Außerhalb der Europäischen Union gilt die Widerspruchsregelung auch im Fürstentum Liechtenstein sowie in der Türkei. In Nachbarland Schweiz sollen die Wähler darüber demnächst im Rahmen einer Volksbefragung entscheiden.

Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD sieht keinen Systemwechsel bei der Organspende vor. Stattdessen einigten sich die Koalitionäre darauf, in der laufenden Legislaturperiode organisatorische Verbesserungen in den Entnahmekrankenhäusern auf den Weg bringen. Diese sollen dazu führen, dass die Zahl der Organspenden wieder steigt.

Siehe Seite 25

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Stefan Rehder Deutscher Bundestag SPD Transplantationsgesetze

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