Würzburg

Ohne Maß und Mitte

Jürgen Habermas wähnt den Staat verpflichtet, zum Schutz der Gesundheit der Bürger jedes Mittel einzusetzen. Dabei sind Umsicht und verbale Abrüstung gefragt. Ein Kommentar.
Coronavirus
Foto: Sebastian Kahnert (dpa-Zentralbild) | Eine Tafel vor einem Restaurant an der Hauptstraße informiert die Gäste über die 2G-Regel mit der Aufschrift „Geimpft Genesen“.

Man muss kein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, um am Umgang der Politik mit der COVID-19-Pandemie zu verzweifeln. Es reicht, Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Beispiel Australien: Im März 2020 riegelte die Regierung das Land vollständig ab. Niemand kam mehr rein, keiner mehr raus. Vergangene Woche verkündete Australiens Gesundheitsminister Greg Hunt, mehr als 70 Prozent der Bevölkerung seien vollständig geimpft. Und doch meldeten die Behörden des Bundesstaates Victoria Anfang Oktober für den Großraum Melbourne 1 763 Neuinfektionen binnen 24 Stunden. So viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Und das, obwohl die Metropole mit 262 Tagen den längsten Lockdown der Welt ihr Eigen nennt.

Impfstoffe schützen kaum vor Infektionen

Beispiel Island: Als der Impfweltmeister (über 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung waren hier schon im August vollständig geimpft, bei den über 60-Jährigen betrug die Quote sogar mehr als 90 Prozent) alle Maßnahmen aufhob, schnellten die Neuinfektionen in die Höhe. Anfang August betrug die 14-Tage-Inzidenz 390 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner. Wie sich herausstellte, war die Mehrzahl der Infizierten vollständig geimpft. Nun wird dort auch wieder getestet. Beispiel Israel: Seit Anfang Oktober sind dort 35 Prozent der Menschen dreifach geimpft. Weitere 60 Prozent sind zweifach geimpft. Dennoch zählt Israel mit 7-Tage-Indizenzen von mehr als 700 pro 100.000 Einwohnern zu den Ländern mit den meisten Neuinfektionen weltweit.

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All das bestätigt nur, was derjenige, der auf Fachleute zu hören bereit war, bereits Ende letzten Jahres wissen konnte: Die Impfstoffe schützen einen Großteil der Risikogruppe vor einem schweren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung. Vor einer Infektion schützen sie kaum. Mehr noch: Im Falle einer (Re-)Infektion können Genese und Geimpfte genauso infektiös sein wie Ungeimpfte, wenn auch nicht so lange. Hinzu kommt, dass dieser Schutz von einem Teil der Menschen mit zwar seltenen, aber heftigen Nebenwirkungen erkauft wird. Auch die Weltgesundheitsorganisation räumt inzwischen ein, dass die vermehrte Beobachtung von Herzbeutel- und Herzmuskelentzündungen „wahrscheinlich“ in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Impfung mit mRNA-Impfstoffen steht.

Habermas' verbale Aufrüstung

Besonders betroffen davon sind junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren. Herzmuskelentzündungen, die bei Leistungssportlern das Ende der Karriere einläuten können, sind auch der Grund dafür, dass viele Profisportler zögern, sich impfen zu lassen. Bayern München-Star Joshua Kimmich ist gar kein Einzelfall.

In diese Gemengelage hinein tönt nun der Philosoph Jürgen Habermas, der Staat habe nicht das Recht, „Politiken“ zu verfolgen, die „vermeidbare“ Infektionen in Kauf nähmen. Das verbiete die Verfassung. Und als wäre das nicht genug, bringt der 92-Jährige, der bereits qua Alter zur Hochrisikogruppe zählt, gleich noch die Menschenwürde in Anschlag. Geht es nicht eine Nummer kleiner?

Die verbale Aufrüstung und das ständige Bemühen von Extremen haben bisher ein erfolgreicheres Pandemie-Management verhindert. So wenig wie COVID-19 auch nur eine Grippe ist, so wenig führt Impfen allein aus der Pandemie. Nun gilt es, Maß und Mitte wiederzufinden. Im Kampf gegen die anrollende vierte Welle. Und vor allem auch: Im Umgang untereinander.

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