„Österreich-Ungarn hatte Modellcharakter“

Kaiserenkel Karl von Habsburg über den Untergang des Reiches seiner Ahnen, über die Wiederkehr des Nationalismus und Europas. Von Stephan Baier
Karl von Habsburgs Großvater Karl I. war der letzte regierende Kaiser von Österreich und König von Ungarn.
| Karl von Habsburgs Großvater Karl I. war der letzte regierende Kaiser von Österreich und König von Ungarn. 2004 sprach Papst Johannes Paul II. ihn selig

Kaiserliche Hoheit, 100 Jahre nach Ende der Habsburger-Monarchie wird Österreich von Buchneuerscheinungen und Veranstaltungen überflutet. Findet da eine Neubewertung der Geschichte, vielleicht gar eine Klärung des Verhältnisses zur eigenen Geschichte statt?

Mir scheint, dass die meisten Veranstaltungen mehr auf 100 Jahre Republik ausgerichtet sind als auf die Konsequenzen des Ersten Weltkriegs. Wenn man die Geschichte nüchtern betrachtet, muss man feststellen, dass wir den Zweiten Weltkrieg viel besser verarbeitet haben als die Konsequenzen des Ersten. Gerade heute wäre es jedoch notwendig, sich damit auseinanderzusetzen, weil wir dessen Konsequenzen heute stark spüren.

Ist Ihr Großvater, der selige Kaiser Karl, 1918 politisch gescheitert? Statt eines Verständigungsfriedens kam die Niederlage, statt einer Reform des Reichs dessen Zerfall.

Er hat seine Ziele nicht erreicht, das muss man klar sagen. Er kam 1916 an die Macht, als viel für einen militärischen Erfolg sprach. Damals gehörte er zu den wenigen, die von einer Katastrophe überzeugt waren. Er hat realistisch vorausgesehen, dass der Kriegseintritt der USA die Niederlage der Mittelmächte bringen würde. Aus seiner religiösen Einstellung heraus war für ihn zudem klar, dass die Opfer des Krieges einfach untragbar waren.

1918 versuchte Kaiser Karl noch eine föderalistische Reform der Donaumonarchie. Warum waren die Zentrifugalkräfte stärker?

Es war einfach zu spät dafür. Der Nationalismus war so stark geworden, dass solche Pläne nicht mehr umsetzbar waren. Erzherzog Franz Ferdinand hatte vor 1914 als Thronfolger seine Pläne ja in Friedenszeiten gemacht – die waren 1918 nicht mehr anwendbar. Clausewitz sagte einmal, dass die beste Planung für eine Schlacht mit dem ersten Schuss über den Haufen geworfen wird. Die Notwendigkeit einer Föderalisierung hat Kaiser Karl klar gesehen, weil Österreich-Ungarn im Gegensatz zu anderen Staaten auf den Kulturerhalt all der Völker, Sprachen und Religionen, die ihm angehörten, ausgerichtet war. Die Frage des kulturellen Erbes war die Basis der staatlichen Struktur.

1918 hatten viele Völker Mitteleuropas eine Sehnsucht, die nicht mit Wien und der gemeinsamen Vergangenheit verbunden war. Wurde Österreich-Ungarn am Ende doch von zu vielen seiner Völker als „Völkerkerker“ betrachtet?

Viele sahen, dass der Krieg verloren war, also zogen sie kleine Einheiten, die sie kontrollieren zu können meinten, der größeren Einheit vor. Bei manchen Nationen, etwa bei den Serben, war der Nationalismus sehr stark. Andere hofften auf eine Verwirklichung ihres Selbstbestimmungsrechts.

Aber wurde das von US-Präsident Wilson versprochene Selbstbestimmungsrecht für irgendein Volk Mitteleuropas verwirklicht?

Tatsächlich wurden alle Völker früher oder später fremdbestimmt, sogar Österreich ab 1938. Innerhalb der Monarchie hatte es interessante Ansätze zu kultureller und administrativer Selbstständigkeit gegeben, etwa den Mährischen Ausgleich von 1905. Österreich-Ungarn hatte Modellcharakter für Europa! Hier gab es das erste Sozialministerium Europas, eine funktionierende Witwen- und Waisenversorgung, ein in jener Zeit bahnbrechendes Wahlrecht. Österreich-Ungarn hatte viele moderne Gedanken, hat diese aber zu langsam umgesetzt.

Der Nationalismus, der in den Ersten Weltkrieg geführt hatte, ging auch als Gewinner daraus hervor. Die Vielvölkerstaaten zerbrachen, doch die nationalistische Ideologie wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg überwunden.

Der Nationalismus war schon vor dem Ersten Weltkrieg da, und wir haben ihn heute wieder! Wenn man die Französische Revolution ohne rosa Brille betrachtet, sieht man hier die Geburtsstunde des nationalistisch-militanten Geistes. Vor der Französischen Revolution hatten die Bretonen oder Okzitanen in Frankreich kulturelle Eigenständigkeit. Durch die Revolution wurden sie hinweggeschwemmt zugunsten eines nationalistischen Geistes, der später zum Ersten Weltkrieg führte.

Reist man heute durch Mitteleuropa, dann gibt es in manchen Gegenden eine sehr lebendige Habsburg-Nostalgie, etwa in Galizien, Ungarn und Kroatien. Woran liegt das?

Dazu muss man wissen, was nach 1918 in diesen Ländern geschah. Verglichen mit dem, was nachher kam, gab es in der Monarchie eine vernünftige Verwaltung, wenig Korruption und relativ große Selbstständigkeit. Ich sehe meine eigene Familiengeschichte keineswegs durch die rosa Brille, sondern versuche, realistisch zu bleiben. Doch bei allen Schwächen, die es gab, ging es vielen Völkern in der Monarchie besser als nach ihrem Zerfall. Aber der Blick zurück ist nicht bloße Nostalgie. Viele erkennen, dass diese Zeit für ihre Entwicklung von Bedeutung war. 1918 war noch nicht absehbar, was sich aus der staatlichen Neugestaltung entwickeln würde. Österreich hatte ein schweres Identitätsproblem, zumal Wien als alte Reichshauptstadt und Repräsentant des alten Reiches eine ganz andere Dimension verkörperte.

Zieht sich durch die Erste wie die Zweite Republik Österreichs so etwas wie ein anti-habsburgischer Grundton?

Das heutige Österreich hat sich weithin definiert aus dem Gegensatz zur Monarchie. Deshalb war das Verhältnis der Republik zur Familie Habsburg lange gestört. Ein Großteil meiner Familie lebte im Exil und durfte jahrzehntelang nicht nach Österreich einreisen. Auch gibt es bis heute rechtliche Beschränkungen für Habsburger, was eine historische Absurdität ist. Von denen, die im Exil geboren sind, bin ich als erster wieder nach Österreich zurückgekehrt, um in meiner Heimat aktiv zu sein. Ich brauche keine Aussöhnung mit der Republik, weil ich mich immer als Österreicher verstanden habe. Aber ich spürte, dass manche in Österreich sich nicht mit der größeren Geschichte identifizieren wollen. In Ungarn ist das anders, hier sieht man die Gesamtgeschichte in einem positiveren Licht. In Ungarn lebt man mit der Geschichte, in Österreich von der Geschichte.

Gibt es für Habsburger eine aus der Geschichte erwachsene Verantwortung?

Meine Familie hat sich über Jahrhunderte als politische Familie verstanden. So etwas verschwindet nicht von einer Generation zur nächsten. Ich empfinde das ähnlich wie mein Vater, der in einer anderen Situation aufwuchs und politisch tätig wurde. Verantwortung für Mitteleuropa zu übernehmen, war für ihn und ist für mich etwas Selbstverständliches. Mein Vater dachte früher als andere über die Zeit nach dem Kalten Krieg nach und wollte Europa als eigenständige Friedensmacht etablieren. Er dachte an eine supranationale Rechtsordnung, die nach dem Prinzip der Subsidiarität nur auf spezifische Bereiche anzuwenden ist. In der alten Reichsidee waren die Prinzipien schon grundgelegt, nach denen das moderne Europa funktionieren sollte: die Herrschaft des Rechts und die Subsidiarität.

Ihre Familie regierte ein Reich vieler Völker und Religionen, doch das Kaiserhaus war dezidiert katholisch. Was bedeutet das für die Habsburger heute?

Die christlichen Werte haben den europäischen Kontinent geformt. Doch diese Werte waren immer inklusiv. So verhindert der christliche Wert der Toleranz, dass andere Religionen und Kulturen ausgegrenzt werden. Für mich sind die christlichen Werte jene, auf denen das vereinte Europa aufgebaut werden muss. Es gibt aber auch nicht-christliche Nachbarn Europas, mit denen uns Geschichte und Kultur verbinden.

Heute wird Religion wieder instrumentalisiert für politische Machtansprüche: in Osteuropa, in Südosteuropa, im Orient.

Der machtpolitische Missbrauch der Religion ist historisch nicht neu. Heute ist das in Russland besonders deutlich. Hier ist die Orthodoxie zum Spielball der Politik geworden. Das wurde bei den Kämpfen in der Ostukraine sichtbar, wo russische Kämpfer mit Hilfe der Orthodoxie eingeschleust wurden. Wenn man durch Bosnien fährt, kann man neu gebaute Wahhabiten-Moscheen sehen, die von Saudi-Arabien finanziert wurden. Da sieht man, wie nahe das an uns herangerückt ist.

Sie sind mit Ihrem Engagement für den Kulturgüterschutz auch im Orient tätig. Dort tobt eine Art Dreißigjähriger Krieg der islamischen Welt.

Es sind schon dreißig Jahre, deshalb wäre es spannend zu sehen, ob wir zu einem Westfälischen Frieden kommen. Damals, 1648, haben die Niederländer als Handelsmacht auf ein Ende des Krieges gedrängt, weil Krieg schlecht ist fürs Geschäft. Die Kriege heute sind eine Katastrophe für die Bevölkerung, sie zerstören die Infrastruktur und behindern die geordnete Nutzung von Ressourcen. Die Grundstruktur des Nahen Ostens wurde nach dem Ersten Weltkrieg zerstört, indem man das Osmanische Reich aufteilte, dessen historische Rolle darin bestand, die radikalen Kräfte im Islam niederzuhalten. Das Osmanische Reich war im Inneren so verrottet, dass es nicht zu retten gewesen wäre. Aber es hätte die Möglichkeit einer Weiterentwicklung der Idee des Osmanischen Reichs gegeben. Stattdessen hat man einen säkularen Staat geschaffen, der seinen historischen Aufgaben in der Region nicht mehr gerecht wurde. Viele Probleme, die wir heute im Nahen Osten haben, haben damit zu tun.

Droht die heutige Ordnung im Orient am saudisch-iranischen Konflikt zu zerschellen?

Ich möchte hier unterscheiden: In Syrien kämpfen heute verschiedene kriminelle Organisationen und religiöse Fanatiker. Der Konflikt im Jemen ist jedoch anders gelagert, denn Saudi-Arabien ist einfach nicht bereit, einen schiitischen Einfluss auf der arabischen Halbinsel zu akzeptieren. Nun hat aber der kleine Jemen etwa die gleiche Bevölkerungszahl wie das große Saudi-Arabien – und rund die Hälfte der Einwohner des Jemen ist schiitisch. Hier droht von saudischer Seite der größte Genozid seit dem Zweiten Weltkrieg, und das mit westlicher Hilfe. Dass sich das die Schutzmacht der Schiiten, der Iran, nicht gefallen lässt, ist klar. Eine absolut faszinierende Überlebensfähigkeit hat der Libanon gezeigt. Dass das labile Gleichgewicht dort über Jahrzehnte funktioniert hat, ist wie ein Wunder. Das ist momentan bedroht durch den Krieg in Syrien. Die Hisbollah, die in Syrien kämpft, hat ihre Basis im Libanon. Nun scheint der Krieg in Syrien sich aber dem Ende zuzuneigen, und dann muss Bashar al-Assad die beiden Mächte, die ihn an der Macht hielten, bezahlen: die Russen und die Hisbollah. Russland bekommt Stützpunkte am Mittelmeer, um Einfluss in der Region zu haben, aber die Hisbollah möchte eine Art staatlicher Struktur, wenigstens ein autonom verwaltetes Gebiet. Aber eines ist klar: Israel kann kein autonomes Hisbollah-Gebiet in der Nähe seiner Grenzen akzeptieren. Deshalb ist für mich eine militärische Intervention Israels im Libanon nur eine Frage der Zeit. Damit ist das Potenzial für einen neuen Krieg gegeben.

Wie kommt der Chef des Hauses Habsburg dazu, sich nicht nur in und für Europa, sondern auch im Orient zu engagieren?

Historisch betrachtet spielte für meine Familie immer eine Rolle, im Bereich der Monarchie die Identität der kulturellen, religiösen und sprachlichen Einheiten zu erhalten. Österreich-Ungarn war der einzige Staat, dessen Hymne in mehr als einem Dutzend Sprachen gesungen wurde. Für mich ist das Ausdruck dieser Identität. Die Vielfalt kultureller Identitäten ist in unserer Zeit durch Kriege in Gefahr, denn Kriege haben heute eine interreligiöse, interkulturelle oder interethnische Dimension. Immer also ist die Identität des Gegners das primäre Ziel. Ich will mich für die Identität von Völkern, Volksgruppen und Sprachgruppen einsetzen. Der Orient bietet sich dafür an, weil hier derzeit die meisten Konflikte stattfinden.

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