Tel Aviv

Noch immer mehr Raketen als Mehlsäcke

Nach drei Tagen hatte Israel den Mini-Krieg gegen die Terror-Organisation "Palästinensisch-Islamischer Dschihad" gewonnen. Aber es wird wahrscheinlich nicht die letzte Raketen-Runde gewesen sein.
Konflikt in Nahost
Foto: Tsafrir Abayov (AP) | Das israelische Raktenabwehrsystem „Iron Dome“ fängt über der Stadt Ashkelon am 7. August Raketen ab, die aus dem Gaza-Streifen von dem PIJ abgefeuert sind.

Der Rauch der rund 1.100 Raketen von Gaza in Richtung Tel Aviv abgefeuerten Raketen ist verflogen. Geblieben sind Kollateral-Schäden in Gaza, verpulverte Hunderte Millionen US-Dollar auf israelischer Seite und eine einseitige internationale israelfeindliche Endlos-Debatte, wer die Schuld am Tod von 48 Menschen und zahlreichen Verletzten auf der arabisch-palästinensischen Seite trägt. In Israel gab es keine Toten und eine geringe Anzahl Verletzter.

Die Reste der Terror-Organisation Palästinensisch Islamischer Dschihad (PIJ) müssten bei ihren regelmäßigen Treffen in Gaza eigentlich zum Ergebnis kommen, dass sich der seit Jahrzehnten eingeschlagene Weg der Gewalt gegen Israel spätestens jetzt nicht mehr lohnt. Sich nie gelohnt hat. Die Millionen auf Westbank, Gaza, Libanon, Syrien und Jordanien von der Geschichte verteilten Palästinenser sind von einem eigenen Staat Lichtjahre entfernt. Erpressungsversuche gegen Israel laufen ins Leere. Die letzten Raketen-Scharmützel 2014 und im Mai 2021 dauerten zwischen 53 und 14 Tage, die aktuelle Auseinandersetzung war in drei Tagen vorbei.

Israel hat alle gesetzten Ziele erreicht

Israel hat alle gesetzten Ziele erreicht: Die Terror-Führung der PIJ ist vorerst ohne jede Orientierung. 170 PIJ-Einrichtungen wurden ausgebombt, darunter Tayseer Jabari, lange gesuchter Chef der PIJ im Norden Gazas, der durch einen treffsicheren Raketen-Angriff in seiner Wohnung in einem 14-stöckigen Haus ausgeschaltet wurde. Die Aktion dauerte laut Angaben israelischer Militärs 170 Sekunden. Die Tore für arbeitswillige Palästinenser in Richtung Israel sind inzwischen wieder geöffnet. Denn Israel bekämpft Terroristen, aber nicht die Zwei-Millionen-Bevölkerung. Übergriffe sind freilich unvermeidlich, weil Raketen-Abschussrampen in Gaza im zivilen Umfeld, nicht selten in Schulen und Krankenhäusern liegen.
Es müsste sich in Terrorkreisen in der Region langsam herumgesprochen haben, dass die israelische Technologie inzwischen so ausgefeilt und verfeinert ist, dass militärische Auseinandersetzungen mit Jerusalem sinnlos sind.

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Das „Iron Dome“-Abwehr-System hat 96 Prozent aller auf besiedeltes Gebiet zufliegende Raketen abgefangen. Das Abhörsystem mittels Drohnen, die unsichtbar und unangreifbar über Gaza stehen und fliegen, verrät haargenau den Tages- und Nachtablauf der Terroristen und ihrer Familienangehörigen. Das hochentwickelte High-Tech-Land Israel ist eine wesentliche Grundlage der wachsenden Überlegenheit und hat das  Geschäftsmodell Terror zu einem für alle sichtbar gewordenen Verlustgeschäft degradiert.

Israel steht nicht alleine in Nahost

Der Staat der Juden mit seinen 9,5 Millionen Einwohnern und einem Brutto-Inlandsprodukt von über 520 Milliarden US-Dollar jährlich (Schweiz: 750), einem gesunden Bevölkerungswachstum von fast zwei Prozent, einer gesicherten Trinkwasser-Versorgung und als wachsendes Gas-Exportland, steht seit langem nicht mehr alleine in der Nahostregion. Die Abraham-Accords aus dem Jahr 2020 mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Bahrein, Marokko und Sudan haben politisch und wirtschaftlich Fahrt aufgenommen. Von arabischer Seite spricht man von schwindelerregenden Handels-Zahlen in Höhe von einer Billion-US-Dollar in den nächsten zehn Jahren. Saudi-Arabien sieht die Entwicklung zurückhaltend, aber wohlwollend. Anzeichen dafür sind die ersten genehmigten ELAL-Flüge im Luftraum des ölreichen Landes.

Die jahrzehntelange finanzielle Unterstützung an palästinensische Organisationen haben dramatisch abgenommen. Niemand außer dem größten Terrorförderer Iran, den politischen Blindfliegern im Nahen Osten, EU und UN sowie einige ihrer Unterorganisationen, investieren noch in das Fass ohne Boden. Finanzmangel  haben größere Imperien wie die Sowjetunion im 20. Jahrhundert zusammenbrechen lassen. Der versiegende Dollarfluss in Richtung Ramallah und Gaza hat zu einem rücksichtslosen Konkurrenzkampf zwischen PIJ, Hamas, Hisbollah und PLO geführt.

Die Hamas hielt sich zurück

Die in Gaza dominierende Hamas hielt sich an den drei Raketen-Tagen im August zurück. Sie leckt noch an ihren Wunden vom Mai 2021. In Israel und der Westbank gab es nicht einmal erkennbare Zustimmungs-Demos unter der arabischen Bevölkerung. Die arabische Welt außer dem Propaganda-Sender „Al Jazeera“ im Fußball-WM-Land Katar nimmt die Dinge im Vergleich zu Zeiten vor den Abraham-Accords fast schweigend zur Kenntnis.
Natürlich ist die jetzige Raketen-Runde nicht die letzte. Man muss kein Nahost-Kenner sein, um zu wissen, dass es in Gaza auch nach diesem Mini-Krieg mehr Raketen als Mehlsäcke gibt. Die extreme Rechte in Israel, eine lautstarke, aber verschwindend geringe Minderheit, fordert eine viel härtere Gangart gegenüber den Terroristen in Gaza.

Wie widersprüchlich jedoch die Gesamtlage in der Region ist, beweist die jüngste Anstrengung Israels, die Lebensbedingungen der Palästinenser in Judäa und Samaria, besser bekannt als Westbank, zu verbessern. Noch in diesem Sommer sollen sie die Möglichkeit bekommen, von dem neuen internationalen Ramon-Flughafen in der Negev-Wüste ins Ausland fliegen zu können. Bisher müssen sie unter erschwerten Bedingungen zeitaufwendig über den israelisch-jordanischen Grenzkontrollpunkt „Allenby-Brücke“ nach Amman reisen, um einen Flughafen zu erreichen.
Die türkische Fluggesellschaft Atlas übernimmt noch im August die Organisation der Flüge nach Anatolien. Die Initiative für diesen Durchbruch - so wurde verlautet - geht vom „IDF Coordinator of Operations in the Territories, General Rassan Aliyan“ auf Bitten der palästinensischen Führung in Ramallah aus. Man muss nur miteinander reden.

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