Lagos

Nigeria: Ein gefährliches Land für Christen

Christenverfolgung in Nigeria: Im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 18. Juli letzten Jahres wurden im Schnitt täglich 17 Christen im Land von dschihadistischen Islamisten getötet.
Terrorangriff in Nigeria
Foto: Audu Marte (AFP) | Seit 2009 führt Boko Harma im Nordosten einen Krieg der verbrannten Erde. Hier sieht man den Tatort nach einem Anschlag im Jahr 2019.

Lagos ist die bevölkerungsreichste Stadt Nigerias. Mit einer geschätzten Bevölkerung von über 15 Millionen Einwohnern aller Ethnien, Sprachen und Völkern ist diese Stadt ein Kaleidoskop von Vielfalt. An Sonntagen sind die Kirchen voll von in vielen Farben gekleideten, singenden und tanzenden Gläubigen. Aus Lautsprechern ertönt das Evangelium aus allen Kirchen. Ein Spektakel, das sich sehen lassen kann! Das Christentum, das sich hier zeigt, ist lebendig und elektrisierend. Der nigerianische Christ ist keiner, der seinen Glauben versteckt. Er ist ein überzeugter Christ und er ist stolz darauf. In Lagos, Enugu, Abuja oder Port Harcourt kann er ohne Angst seinem Glauben nachgehen und sich dazu bekennen.

Doch dieser Eindruck täuscht. In den meisten Städten im Süden Nigerias können Christen ihre Religion frei ausüben. Hier herrscht relativer Friede. Dies lässt sich jedoch vom Nordosten Nigerias nicht behaupten. Hier führt Boko Haram seit 2009 einen Krieg der verbrannten Erde mit dem Ziel, ein islamisches Kalifat zu errichten.

Das religiöse Leben der Christen wird beschnitten

Das gilt ebenso für die zwölf nördlichen Bundesstaaten, die 1999 unter Verstoß gegen Artikel 10 der nigerianischen Verfassung die islamische Scharia in ihr Strafgesetzbuch aufgenommen haben. Das Strafrecht und die Strafgerichtsbarkeit fallen in Nigeria in die Zuständigkeit der Länder. Das bedeutet – streng genommen – eine Kriminalisierung der christlichen Glaubenspraxis dort, wo die Scharia gilt. Das religiöse Leben der Christen wird beschnitten. Diese Einschränkungen betreffen auch die Ausübung wirtschaftlicher Aktivitäten und entziehen dadurch den Christen ihre Lebensgrundlage und ihre Existenzsicherung. Aus diesem Grund ist Nigeria auch heute noch einer der gefährlichsten Orte der Welt für Christen. Laut Intersociety, einer nigerianischen Nichtregierungsorganisation, hat die Christenverfolgung in Nigeria im Jahr 2021 sprunghaft zugenommen. In den 200 Tagen zwischen dem 1. Januar und dem 18. Juli 2021 wurden insgesamt 3.462 Christen von islamischen Dschihadisten ermordet. Das waren nur 68 weniger als die Gesamtzahl der im Jahr 2020 getöteten Christen.

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In diesem Zeitraum von 200 Tagen wurden in Nigeria durchschnittlich jeden Tag 17 Christen von islamischen Dschihadisten getötet. Nicht weniger als 3.000 Christen wurden entführt. Die Zahl der christlichen Kirchen, die bedroht oder angegriffen, geschlossen, zerstört oder niedergebrannt wurden, wird auf 300 geschätzt, und mindestens zehn Mitglieder des Klerus wurden entführt und getötet. Im Jahr 2022 setzt sich dieser Trend fort. Aus den Statistiken von Christian Solidarity International (CSI) geht hervor, dass vom 1. bis 21. Januar mindestens 615 Menschen von „Banditen“, „Hirten“, „Bewaffneten" und „Fulani“-Militanten ermordet, 231 Personen entführt und etwa 13 050 Nigerianer durch Gewalt aus ihren Häusern vertrieben wurden.

Christentum in Afrika auf dem Vormarsch

Während das Christentum im Westen nach fast 2.000 Jahren Einflussnahme auf die westliche Zivilisation seinen Zenit überschritten zu haben scheint, ist es in Afrika auf dem Vormarsch. Der Kontinent hat die am schnellsten wachsende katholische Bevölkerung der Welt. Prognosen zufolge werden bis 2060 mehr als vier von zehn Christen in Afrika südlich der Sahara leben.

Wenn dieses schnelle und konstante Wachstum Menschen wie Papst Franziskus dazu veranlasst hat, Afrika als die Zukunft und Hoffnung des Christentums zu betrachten, so ist dies auch den Dschihadisten nicht entgangen. In vielen afrikanischen Ländern erleben wir heute einen Aufschwung islamischer Extremisten, die versuchen, viele strukturell schwache afrikanische Länder zu destabilisieren und anschließend die Führung zu übernehmen.

Während das Christentum in Afrika wächst, werden Christen auf dem ganzen Kontinent verfolgt. Das Aufkommen des islamischen Terrorismus mit dem Ziel, den gesamten afrikanischen Kontinent in ein islamisches Kalifat zu verwandeln, hat zu massiver Verfolgung, Ermordungen und Versuchen geführt, Christen und Minderheiten in Gegenden wie Jos-Plateau, Benue und Kaduna, dem sogenannten Mittleren Gürtel Nigerias und in der Region Cabo Delgado in Mosambik auszulöschen. Afrikanische Christen sind unter den Tausenden von Opfern terroristischer und räuberischer Angriffe, die seit 2001 in ganz Afrika verübt werden.  Diese Angriffe haben vor allem in Nigeria, Mali, Mosambik und Burkina Faso zugenommen. Die Unfähigkeit der Regierung von Burkina Faso, das Land gegen islamistische Angriffe zu verteidigen, wurde übrigens als Grund für den Staatsstreich genannt, der die Regierung im Januar 2022 stürzte.

Nigeria ist eine begehrte Beute für Dschihadisten

Angesichts seiner geostrategischen Bedeutung und seines Bevölkerungsreichtums ist Nigeria eine begehrte Beute für dschihadistische Ideologien auf ihrem Weg zur Eroberung des Kontinents. Nigeria ist das 31. größte Land der Erde und mit über 210 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Es verfügt über eine der größten Volkswirtschaften in Afrika und ist reich an natürlichen Ressourcen. Das Land verfügt über das zweitstärkste Militär des Kontinents. Islamische Extremisten verschiedener Couleur streben daher an, die tektonische Spaltung des Landes in Christen und Muslime auszunutzen.

Seit über einem Jahrzehnt terrorisiert die islamische Terrorgruppe Boko Haram zusammen mit der Islamischer-Staat-Westafrika-Provinz (ISWAP) nigerianische Christen. Sie haben Kirchen bombardiert, christliche Dörfer angegriffen, christliche Geistliche entführt und ermordet, Selbstmordattentäter gegen mehrheitlich christliche Gebiete eingesetzt und christliche Gemeinden überfallen und geplündert. In letzter Zeit haben sich diesen Terrorgruppen Fulani-Hirten angeschlossen, die eine Kampagne der ethnischen und religiösen Säuberung durchführen, um die Christen im gesamten Mittleren Gürtel Nigerias zu verdrängen. Es ist schwierig, die Zahl der seit 1999 durch diese Übergriffe getöteten Menschen zu ermitteln. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) schätzt jedoch, dass Boko Haram mehr als 350.000 Nigerianer getötet hat. Andere Organisationen wie Amnesty International gehen davon aus, dass die Zahl der seit 2009 getöteten Menschen die Zahl der Opfer des Völkermordes in Ruanda von 1994 übersteigt. Der USCIRF-Bericht über Nigeria vom Februar 2021 kam zu dem Schluss, dass die militanten islamistischen Gruppen in Nigeria „ein bemerkenswertes Durchhaltevermögen zeigen und drohen, andere gewaltsame Konflikte in der Region zu übernehmen und zu islamisieren“.

Systematische ethnische Säuberungen

Es ist bekannt, dass die Fulani-Hirten mit Boko Haram zusammenarbeiten, um das lukrative Geschäft mit Entführungen gegen Lösegeld im Norden und im Mittleren Gürtel Nigerias zu sichern. In den Bundesstaaten Plateau, Benue und Süd-Kaduna haben Fulani-Hirten systematisch ethnische Säuberungen gegen Christen und Minderheiten durchgeführt. Es ist bekannt, dass mindestens 108 christliche Dörfer in Süd-Kaduna geplündert wurden und etwa ebenso viele in Jos. Hinter diesen Zahlen stehen einzelne Menschen, die ihr Leben verloren haben, nur weil sie Christen sind oder einer ethnischen Minderheit angehören.
Die nigerianische Regierung hat Boko Haram und ISWAP mit relativem Erfolg bekämpft. Auffällig ist jedoch das wenig beherzte Vorgehen gegen die Fulani-Hirten. Man könnte meinen, dass die staatliche Exekutive es billigend in Kauf nimmt, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen getötet wird. Indessen geht das Töten von Christen unbehelligt weiter. Rätselhaft ist daher, dass Nigeria von der Liste der besonders besorgniserregenden Länder nach dem Besuch des US-amerikanischen Außenministers Antony Blinken im November 2021 gestrichen wurde. Die Hoffnung der nigerianischen Christen auf eine Rettung von außen ist damit enttäuscht worden.

Für die nigerianischen Christen bedeutet das, dass sie dauerhaft zu Freiwild einer systematischen Unterdrückung bis hin zu Opfern eines Massenmords gemacht werden. Für einige Vertreter der nigerianischen Regierung stellt die laxe Haltung des US-amerikanischen Außenministeriums einen Freifahrtschein dafür dar, dass die tagtägliche Verfolgung von Christen in weiten Teilen des Nordens und des Mittleren Gürtels Nigerias geflissentlich – möglicherweise auch absichtsvoll – ignoriert werden darf.


Der Autor ist Direktor für Genozid-Prävention der Hilfsorganisation Christian Solidarity International (CSI).

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