Krieg in der Ukraine

Nie wieder Krieg?

Der deutsche Pazifismus ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Er muss wieder aufgebaut werden.
Ukraine-Krieg - Flucht aus Irpin
Foto: Vadim Ghirda (AP) | Ein Kind blickt aus einem beschlagenen Busfenster mit Zeichnungen, während Zivilisten aus Irpin am Stadtrand von Kiew, Ukraine, evakuiert werden.

Deutschland war bis vor wenigen Wochen ein geradezu pazifistisches, ein antimilitaristisches Land. Die Ablehnung von Krieg und Gewalt, von Rüstung und militärischer Drohung, war im Selbstverständnis der Deutschen scheinbar fest verankert. Dieser Pazifismus hatte seinen Ausgangspunkt einerseits in der Erfahrung der Weltkriege und der deutschen Schuld; er war andererseits das Ergebnis eines politischen Ringens, in dem sich allmählich die pazifistischen Kräfte durchsetzten.

Ukraine-Krieg - Kramatorsk

Die erbitterten Auseinandersetzungen, die die Wiederbewaffnung 1955 begleiteten, aber auch die Nachrüstungsdebatten der 1980er Jahre und den Streit um die ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr, wichen langsam einem Konsens, der sich mit militärischem Minimalismus arrangierte, sich dabei aber pazifistisch gab. Friedensdemonstrationen, Kriegsdienstverweigerung, Proteste gegen die Gelöbnisse von Soldaten oder Rüstungsexporte, all das verlor an Bedeutung, weil alles Militärische ohnehin marginalisiert war. Die Abschaffung der Wehrpflicht musste nicht erkämpft werden, sie fand sang- und klanglos statt. Die Rückführung der Bundeswehr auf das Nötigste hielt die Balance zwischen den Mindestanforderungen der Nato und der pazifistischen Gesinnung der Deutschen. Der Große Zapfenstreich, mit dem Angela Merkel im Dezember 2021 verabschiedet wurde, erregte keinen Widerspruch, weil es ohnehin als anachronistisches Spektakel, ja als reine Folklore wahrgenommen wurde. Mit ihrer Liedauswahl ("Für mich soll's rote Rosen regnen") leistete die Kanzlerin ihren eigenen Beitrag dazu, die militärische Strenge mit einer kessen Note zu konterkarieren.

Der scheinbar solide Pazifismus war eine Selbsttäuschung

Dieser scheinbar solide Pazifismus aber war eine Selbsttäuschung. Den ersten Härtetest hat er nicht bestanden und ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Binnen weniger Tage ist aus dem friedensbewegten Deutschland ein anderes Land, ein Land im Rausch geworden. Wollte man der Ukraine für den Fall der Fälle gerade noch Stahlhelme und Lazarettausstattung liefern, konnte es jetzt mit Waffen aller Art nicht schnell genug gehen. Wie aus dem Ärmel geschüttelt, versprach der Kanzler 100 Milliarden Euro für die Aufrüstung. Die deutschen Bischöfe befürworteten beides, Waffenlieferung und Nachrüstung. Matthias Döpfner, Springer-Chef und einer der einflussreichsten Publizisten des Landes, forderte in der Bild-Zeitung allen Ernstes den sofortigen Einsatz der Nato gegen Russland "mit Truppen und Waffen", ja gegebenenfalls den Alleingang einer Koalition der Willigen, zu der Deutschland unbedingt gehören müsse. 

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Nicht wenige haben, wie Döpfner, in diesen Wochen regelrecht den Verstand verloren. Alles ist Affekt. Nur so ist es zu erklären, dass die Bewaffnung der Zivilbevölkerung in der Ukraine allenthalben bejubelt wird, der Einsatz von Frauen und Jugendlichen als Heldentat gilt. Die Ankündigung, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, wird der Tapferkeit Selenskyjs zugerechnet, während jeder andere Staatsführer für solche Aussagen zu Recht moralisch verurteilt worden wäre. Dass Selenskyj von den Parlamenten Washingtons, Londons und Berlins im digitalen Live-Auftritt mehr Waffen fordern darf und dafür bejubelt wird - all das ist nur durch die Schockwirkung zu erklären, die der russische Angriff im Westen ausgelöst hat. Selbst Söldner und Abenteurer, Desperados und Fremdenlegionäre werden nicht länger als Verrückte abgetan, sondern bewundert. Unter den 30.000 Ausländern, die kampfentschlossen in die Ukraine gezogen sind, stellen die Deutschen die drittgrößte Gruppe. "Selbst Mütter kämpfen mit", titelte die FAZ euphorisch. Hinzu kommt ein neuer Hass auf die Russen, für den man sich nur schämen kann. Russische Musiker werden aus den Orchestern verbannt, russische Waren aus den Regalen genommen. Zum "Kauft nicht beim Russen!" ist es nur noch ein winziger Schritt.

Parallelen zur Stimmung von 1914

Was Deutschland ergriffen hat, ist keine Kriegsbegeisterung wie im Sommer 1914. Der Affekt beruht auf Entsetzen und Mitgefühl, auch auf Angst vor der russischen Aggression. Und doch, mit der Stimmung des verhängnisvollen Sommers 1914 hat das Deutschland dieses Augenblicks viel gemeinsam: den uniformen Konsens darüber, dass die Ukraine sich mit Waffengewalt zur Wehr setzen und wir diesen Kampf militärisch unterstützen müssen; die naive Verkennung, was Krieg in allen Konsequenzen bedeuten wird; ein klares Feindbild, Russland; und weiter: das Dogma, dass es zum Krieg jetzt keine Alternative mehr gibt. Es geht gar nicht anders, der Krieg ist zwangsläufig die einzige Möglichkeit - so dachten schon 1914 die meisten Europäer. Und so denken viele heute. In den Worten von Selenskyj ist nur der Krieg "der Weg zum Frieden"; in den Worten Matthias Döpfners droht ohne einen Kriegseintritt des Westens "eine Eskalation bis zum Dritten Weltkrieg". Der Krieg also als das einzige Mittel, um Schlimmeres zu verhindern? Frieden schaffen mit Waffen? Es ist die alte Logik, die eine lange Blutspur durch die Geschichte gezogen hat.

Ukraine-Krieg - Kiew

 

Die deutsche Zustimmung zum Krieg hat einerseits damit zu tun, dass der Krieg als gerechter Verteidigungskrieg begriffen wird, aber sie hat wohl auch damit zu tun, dass es in Deutschland kaum noch Menschen gibt, die selbst als Soldaten den Krieg erlebt haben. Nicht ohne Grund sind die Amerikaner, auch wenn sie die Ukraine unterstützen und wahrlich kein pazifistisches Land sind, zurückhaltender: 19 Millionen Amerikaner (sechs Prozent der US-Bevölkerung) waren oder sind selbst Soldaten, viele haben in Vietnam, Irak oder Afghanistan gekämpft. Sie wissen, was Krieg bedeutet. In Deutschland hat nur noch eine winzige Minderheit eigene Kriegserfahrungen.

Die Maxime "Nie wieder Krieg!" war richtig

Zur neuen Kriegsrhetorik gehört das übereinstimmende Urteil, dass der Pazifismus gescheitert ist, dass dringend aufgerüstet werden muss und man zu lange zu naiv war. Tatsächlich? Naiv war nur der, der Krieg für unmöglich gehalten und Friedenspolitik als Geschäft auf Gegenseitigkeit verstanden hat. Nein, der Krieg ist nicht abgeschafft, weil wir es uns wünschen, und er findet auch nicht nur am Ende der Welt statt. Der deutsche Salonpazifismus hat seine erste Bewährungsprobe nicht bestanden, das ist wahr. Doch die Maxime "Nie wieder Krieg!" war richtig und ist es immer noch. Naiv sind nicht die, die sich unter allen Umständen für den Frieden einsetzen, sondern die, die Krieg für ein praktikables Mittel halten, sobald es brenzlig wird.

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Pazifisten wird gern entgegengehalten, dass sie für den Konfliktfall keine Lösung haben. Mit Putin verhandeln? Die Ukraine sich selbst überlassen? Lieber rot als tot? Dem ist nur ehrlich zu erwidern, dass nicht immer eine Lösung erkennbar, dass jedes menschliche Leid bedrückend ist und vieles, auch dieser Konflikt, ratlos macht. Die Hilflosigkeit einzugestehen, ist aber keine Bankrotterklärung des Pazifisten, sondern der Realismus, der in ihm steckt. Die beste Antwort ist die Gegenfrage: Ist es wirklich besser, die Hilflosigkeit in Aggression zu verwandeln? Was, wenn die Gewalt zu noch mehr Gewalt führt, wenn der Krieg nicht schnell endet, sondern immer weiter eskaliert? Was soll aus all dem Hass werden, der jetzt gesät wird?

Pazifismus ist Haltung und Leitziel

Ukraine-Krieg - Flucht aus Kiew

Pazifismus ist kein Dogma und keine Lösung für alles. Pazifismus ist Haltung und Leitziel, er ist Bekenntnis und Lebenseinstellung. Das schließt Scheitern, Versagen und Ratlosigkeit nicht aus, doch ändert das nichts daran, dass der Gewaltverzicht, der bis an die äußersten Grenzen gehende Versuch, der militärischen Versuchung zu widerstehen, politisch klug, moralisch geboten und menschlich überzeugend ist. Aus der Geschichte lernen?

Das heißt nicht nur, den Aggressor aggressiv zu bekämpfen. Es heißt auch zu verstehen, dass Gewalt immer Gewalt und Hass immer neuen Hass provozieren wird. Die schlimmsten Kriege der Geschichte haben in sich eine Gewalteskalation, eine Verrohung, eine Radikalisierung erlebt. Diese Spirale dreht sich auch heute, wo immer man sich in die Logik von Gewalt und Vergeltung, Übermacht und Überwältigung hineinbegibt. Um ihr zu entkommen, braucht es einen freien und friedfertigen Geist, der der Logik der Gewalt nicht nur Verhandlungsbereitschaft, sondern ein Wagnis entgegensetzt: Geduld und Gebet, Zuhören und Verstehen, das besänftigende Wort, Feindesliebe, die Offenheit zum Neubeginn und den Mut zum Widerspruch auch dort, wo alle nach den Waffen greifen.

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Markus Günther

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