Leitartikel 

Nicht die Kanzlerin, das Volk ist Souverän 

Die Ära Mekel war Status quo-fixiert. Das liegt auch an der Unlust der Deutschen an der Politik. Christen haben hier eine Aufgabe.
Bundeskanzlerin Angela Merkel
Foto: Kay Nietfeld (dpa POOL) | Bundeskanzlerin Angela Merkel machte nicht alles anders, aber vieles schlechter.

Nicht alles anders machen, aber vieles besser – mit diesem Slogan trat Gerhard Schröder 1998 gegen Helmut Kohl an und gewann. Wie alle Kanzler vor ihm wusste Schröder, dass Kanzlerkandidaten in Deutschland keine Wahlen gewinnen, wenn sie auf politische Brüche setzen. Die Deutschen wollen Kontinuität- sie sorgt aus ihrer Sicht für Sicherheit und Ruhe. Auch Angela Merkel steht in dieser Linie. Doch in ihrer Regierungszeit wurde diese Maxime in einer kleinen, entscheidenden Variante geändert: Nicht alles anders machen, aber vieles schlechter. 

Keine langfristige Strategie

Lesen Sie auch:

Was alles schlechter gelaufen ist, dass wird in diesen Tagen in geradezu verstörender Weise den Bürgern vor Augen gehalten: Ob Afghanistan, Corona oder die Frage, wie politisch auf den Klimawandel zu reagieren ist, nirgendwo ist eine langfristige Strategie oder gar eine Zukunftsvision für dieses Land zu erkennen. Das belegt auch der bisher inhaltsleere Wahlkampf. Deutschland bekam durch die Kanzlerschaft Angela Merkels keine Richtung. Politik unter ihr, das war das virtuose Durchwursteln von Tag zu Tag - handwerklich durchaus effizient, aber eben auch Status quo-fixiert und damit letztlich entpolitisierend. 

Deutschland überwintert

Freilich ist das mehr als nichts – die Deutschen lieben eben ihren Spatz in der Hand und haben entsprechend 16 Jahre lang ihr Wahlkreuzchen gesetzt. Und in ihrem Machtkonservativismus steht die Kanzlerin stärker in der bundesrepublikanischen Tradition als es ihre Gegner, die sich ja gerne konservativ nennen, wahr haben wollen. Doch so sehr die Sehnsucht der Deutschen nach dem Biedermeier vor dem Hintergrund ihrer Geschichte verständlich ist, die Welt ist nicht ruhig und sicher. Rein theoretisch weiß das die Berliner Republik, hundertfach ist es in professoralen Sonntagsreden der letzten drei Jahrzehnte beschworen worden: Deutschland kann nicht auf ewig im Hergottswinkel überwintern  und sich mit der Statistenrolle auf der Weltbühne zufrieden geben.

Dieses Land hat Verantwortung. Aber bevor solche Aufgaben angegangen werden können, müssen die Deutschen erst einmal bereit sein, Verantwortung für ihr eigenes Land zu übernehmen. Doch die Deutschen wissen nicht, wer sie sind. Identität – das ist für sie immer nur eine Frage, auf die sie nicht antworten wollen. Aktuell eindrucksvoll belegt durch die vielen Nonsens-Debatten rund um Cancel Culture. 

Demobilisierung hat funktioniert

Lesen Sie auch:

Aber ist das die Schuld von Angela Merkel? Kann man einer Politikerin vorwerfen, dass sie Wahlen gewinnen will? Ihr Ansatz der Demobilisierung hat funktioniert, weil die Deutschen nicht mobilisiert werden wollten. Wollen sie es jetzt? Vieles spricht dagegen - siehe Wahlkampf. Und so müssen Gegner wie Anhänger endlich aufhören, von Angela Merkel zu sprechen. Die Kanzlerin ist fast Geschichte. Die Unlust an und das Unverständnis der Deutschen für Politik bleibt aber. Die Hoffnung, dass politischer Streit mehr sein könnte, als zu diskutieren, ob Alternativlosigkeit  sich effektiver in der Variante a oder der Variante b durchexzerzieren lässt, stirbt zuletzt.

Da war doch noch die Sache mit dem C.  Christen dürfen vor der Inhaltslosigkeit nicht kapitulieren. Sie können zeigen, was es heißt, aus Prinzipien heraus dieses Land zu gestalten. Einfach ist es nicht. Das war es nicht in der Zeit vor Merkel, es wird nicht anders nach ihrer Ära sein. Es wird aber mit Christen alles anders, es wird besser. Wie gesagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Sebastian Sasse Gerhard Schröder Helmut Kohl Kanzlerkandidaten Völker der Erde Wahlkampf

Kirche

Papst Benedikt XVI. bestand auf einem Priesterbild, das der Lehre der Kirche entspricht – und wurde dafür kritisiert.
24.01.2022, 11 Uhr
Regina Einig