Moskau

Moskau droht mit einem Weltkrieg

Der Kreml betreibt Täter-Opfer-Umkehr, Kyrill beschwört das unbesiegbare Russland. Die Ausweitung der Kampfzone zeichnet sich ab.
Patriarch Kyrill und Wladimir Putin
Foto: Oleg Varov | Täter-Opfer-Umkehr betreibt nicht nur der Kreml, sondern auch der Moskauer Patriarch Kyrill. Er rief am Montag zur Unterstützung der Armee in der "Verteidigung unseres Vaterlands" auf.

Die Gefahr eines Dritten Weltkriegs sei ernst, real und dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Aus seinem Mund ist das eine Drohung. Lawrow wiederholt so Putins Mahnung an den Westen, sich in seine Eroberung der Ukraine nicht einzumischen, garniert mit der Androhung von "Konsequenzen, die sie noch nie in ihrer Geschichte erlebt haben". Moskaus Botschaft an den Westen lautet: Lasst uns freie Hand, sonst ist der Westen an jeder Eskalation schuld. In diesem Sinn sagt Lawrow, westliche Waffentransporte in die Ukraine seien legitime militärische Ziele.

 Im Westen gibt es zwei Philosophien

Aus Moskaus Sicht trägt der Westen alle Verantwortung: Dafür, dass die Ukrainer sich als eigenes Volk verstehen und nicht der russischen Lebensart unterwerfen, dass Kiew Widerstand leistet, dass Putin seine Kriegsziele verfehlte und nun immer härter und hemmungsloser gegen die Zivilbevölkerung wütet. Moskau beschuldigt die Ukraine und alle, die ihre Selbstverteidigung unterstützen - und ließ den schüchternen Vermittlungsversuch von UN-Generalsekretär Guterres eiskalt abblitzen. Täter-Opfer-Umkehr betreibt nicht nur der Kreml, sondern auch der Moskauer Patriarch Kyrill. Er rief am Montag zur Unterstützung der Armee in der "Verteidigung unseres Vaterlands" auf. Wörtlich predigte das Oberhaupt der russischen Orthodoxie: "Solange wir vereint und stark sind, solange wir den Glauben in unseren Herzen bewahren, solange wir uns vom großen Beispiel unserer Vorgänger inspirieren lassen, wird Russland unbesiegbar sein."

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Das glauben viele Putinisten am linken wie am nationalistischen Rand in Europa. Vor allem in den sozialen Medien sind Stimmen vernehmbar, die den Ukrainern zürnen, weil diese sich dem Aggressor nicht widerstandslos ergeben, sondern sich wehren und nach Hilfe rufen. Bei den Entscheidungsträgern im Westen gibt es zwei Philosophien: Die eine - in Berlin und Wien populär - will Putin nicht zu sehr reizen, sondern ihm einen gesichtswahrenden Ausstieg aus seinem Krieg ermöglichen. Die Vertreter dieser Sicht hoffen nicht auf Putins Niederlage, sondern auf einen Kompromiss am Verhandlungstisch - gerne auch auf Kosten der Ukraine.

Die andere, vor allem von Polen, den baltischen Staaten und den USA vertretene Sicht geht davon aus, dass der Kriegsherr im Kreml nur die Sprache der Stärke versteht, also robust in die Schranken gewiesen werden muss. In diesem Sinn sagte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, man wolle "der Ukraine helfen, den Kampf gegen Russlands ungerechte Invasion zu gewinnen und die Verteidigung der Ukraine für die Herausforderungen von morgen aufbauen". Die Botschaft des Außenministers an den Kreml lautet: "Wir wollen Russland in dem Ausmaß geschwächt sehen, dass es die Art von Dingen, die es mit dem Einmarsch in die Ukraine gemacht hat, nicht mehr machen kann."

Putin hat ursprüngliche Kriegsziele nicht erreicht

Putin hat seine ursprünglichen Kriegsziele nicht erreicht. Er hat die Widerstandskraft der Ukraine ebenso unterschätzt wie die Geschlossenheit des Westens. Dennoch lenkt er nicht ein, lässt Vermittlungsbemühungen von Erdoan bis Guterres ins Leere laufen und setzt auf eine Politik der verbrannten Erde. Sein militärisches Vorgehen belegt, dass ihm die Zerstörung des Nachbarlands wichtiger ist als dessen Eroberung. Ein funktionierender ukrainischer Staat scheint für Putin und Kyrill eine unerträgliche Vorstellung, eine Bedrohung für die eigene Autokratie.

Die Erfahrung mit Putins Kriegen gegen die Tschetschenen 1999, gegen Georgien 2008 und die Ukraine 2014 sprechen nicht dafür, dass eine nachsichtige Haltung des Westens für Frieden sorgt. Sie suggerierte Putin, dass er mit jedem Verbrechen durchkommt, und ermutigte ihn zu dem Krieg, den wir jetzt erleben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj versuchte am Dienstag Zweiflern im Westen die Augen zu öffnen: "Das ultimative Ziel der russischen Führung ist nicht nur die Eroberung der Ukraine, sondern die Zerschlagung des gesamten Zentrums und des Ostens Europas." Mit einer Ausweitung der Kampfzone ist jedenfalls zu rechnen.

 

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Stephan Baier Russlands Krieg gegen die Ukraine Russische Regierung

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