Chisinau

Moldau: Ein Land mit zwei Seelen

Durch den Krieg in der Ukraine ist die Republik Moldau in den Blick der internationalen Politik geraten. Moldaus Bischof Anton Cosa erklärt die Lage des Landes und seines russisch kontrollierten Gebiets Transnistrien.
Gipfeltreffen der Außenminister der G7-Gruppe
Foto: Kay Nietfeld (dpa-Pool) | Außenministerin Annalena Baerbock und Nicu Popescu, Außenminister von Moldau, kamen am vergangenen Freitag beim Gipfeltreffen der Außenminister der G7-Gruppe zu einem bilateralen Gespräch zusammen.

Exzellenz, wie viele Katholiken leben in Moldau und wie ist ihre Situation?

Die katholischen Gläubigen in der Republik Moldau machen nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung aus und verteilen sich auf drei Dekanate mit bis zu 20 Pfarreien, die über das ganze Land verstreut sind. Sechs davon liegen auf dem Gebiet von Transnistrien. Die meisten Gläubigen sind russischsprachig und haben polnische, ukrainische, weißrussische oder baltische Wurzeln. Es gibt auch Gläubige rumänischer oder russischer Herkunft, allerdings in geringerer Zahl. Heute nehmen auch viele Ausländer am kirchlichen Leben teil, insbesondere Englisch- und Italienischsprachige. Daher werden die Feiern neben Englisch und Italienisch auch auf Russisch, Rumänisch und Polnisch abgehalten. Es gibt 25 Priester, die neben den Ordensfrauen im Dienst stehen. Wir sind eine kleine, arme Diözese, die – obgleich eine religiöse Minderheit – ihre Ziele der Evangelisierung und der Werke der Nächstenliebe verfolgt.

Wie wirkt sich der Krieg in der Ukraine auf Moldau aus?

"Moldau leistet verdienstvolle Willkommens-
und Hilfsarbeit und wartet, dass sich die Situation
zu besseren, friedlichen Lösungen wendet"

Die Republik Moldau ist nicht an den kriegerischen Aktivitäten beteiligt, die die benachbarte Ukraine betreffen. Auch ist das Land laut Verfassung neutral, und dieser Grundsatz wurde seit Beginn des Konflikts immer wieder bekräftigt, auch wenn verschiedene politische Persönlichkeiten zeitweise die Idee geäußert haben, dass Moldau die NATO-Mitgliedschaft beantragen sollte. Heute wird diese Idee immer weniger unterstützt. Die Abwanderung der ukrainischen Bevölkerung, insbesondere aus dem Süden des Landes, betrifft natürlich auch die Republik Moldau, die seit Beginn des Krieges großzügig Menschen aufgenommen hat. Etwa 400.000 Flüchtlinge sind in dieses Land gekommen; fast 100.000 halten sich noch hier auf. Moldau leistet verdienstvolle Willkommens- und Hilfsarbeit und wartet, dass sich die Situation zu besseren, friedlichen Lösungen wendet. Unsere Kirche hat sich in diesem Bereich engagiert und bietet Aufnahme und andere Dienste zugunsten der ukrainischen Flüchtlinge an. Für uns, eine kleine Kirche, hat diese Situation alle unsere Aktivitäten verändert.

Haben Sie Sorgen, dass Russland über seinen Satelliten Transnistrien auch Moldau angreifen könnte?

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Ich bin kein Experte für militärische oder politische Strategien, aber als Bürger und Christ denke und hoffe ich, dass Russland diesen Plan nicht verfolgt. Zunächst aus Respekt vor der Neutralität, und dann, weil die Politik dieses Landes seit Beginn dieser dramatischen Affäre immer auf Dialog und korrekten diplomatischen Umgang ausgerichtet war. Sicher ist Transnistrien, das seit fast 30 Jahren diskutiert wird, immer ein heikles Thema, das früher oder später, unabhängig vom Krieg angegangen und einer stabilen Lösung zugeführt werden muss.

Was kann der Westen tun, um Moldawien zu stabilisieren?

Jüngst fand ein G7-Gipfel statt, auf dem die Republik Moldau zum ersten Mal mit den „Großen“ der internationalen Politik an einem Tisch saß. Es wurde über Stabilität, wirtschaftliche Unterstützung zur Stärkung der Entwicklungs- und Wachstumsaktivitäten des Landes gesprochen. Ich glaube nicht, und hier lerne ich von Papst Franziskus, dass die Stabilität eines Landes von Waffen oder militärischen Kräften abhängen sollte, sondern vom wirtschaftlichen und sozialen Wachstum. Es ist wichtig, dass die Verfahren für den Beitritt zur EU eingeleitet werden. Das braucht seine Zeit und wird der Republik Moldau mutige Entscheidungen abverlangen.

Wozu benutzt Moskau Transnistrien: gegen die Ukraine oder gegen Moldau?

Bischof Anton Cosa

Darauf sollten andere antworten. Sicherlich ist Transnistrien ein geografisches Gebiet, das aus historischen Gründen unter russischem Einfluss steht, seit 30 Jahren, nicht erst seit Beginn des aktuellen Krieges. Überall wird Russisch gesprochen, obwohl offiziell sowohl Moldauisch als auch Ukrainisch als Amtssprachen anerkannt sind. Es stimmt, dass in Moldawien auch Russisch gesprochen wird, aber nicht so viel wie in Transnistrien. Auch gibt es russische religiöse und sogar volkstümliche Traditionen. Es gibt Bindungen, die aus der Ferne kommen. Die Republik Moldau ist auch ein Land mit zwei Seelen, einer europäischen und einer russischen, die friedlich und im Dialog nebeneinander existieren. Wir brauchen keine Kriege, sondern politische Stabilität, die durch Dialog erreicht werden muss. Das gilt auch für Transnistrien.

Wie ist die kirchliche und humanitäre Lage in Transnistrien?

Wie erwähnt, gibt es auf dem Gebiet von Transnistrien sechs Kirchengemeinden, die dank der Ordensleute und Priester aktiv sind. Darüber hinaus gibt es einige Nonnengemeinschaften, die sich der Seelsorge widmen. Es handelt sich um eine aktive Präsenz, die ihre eigene Geschichte hat, denn im Laufe der Jahre gab es in diesem Gebiet eine Reihe von Priesterberufungen. Neben den pastoralen Tätigkeiten in den Pfarreien widmen sich die Priester und Schwestern den Armen, den älteren Menschen und den Jugendlichen. Die Pfarrei von Tiraspol nimmt auch Minderjährige aus armen oder benachteiligten Familien auf.

Die jüngsten Explosionen in Transnistrien wurden von einer Seite der Ukraine angelastet, doch Kiew gibt Russland die Schuld. Was wissen Sie darüber?

"Es ist unmöglich zu wissen, wie die Zukunft
dieser kritischen Region Osteuropas aussehen wird"

In den Medien wird immer noch darüber diskutiert, wer für diese Taten verantwortlich ist. Es kann sicherlich nicht der Bischof sein, der Licht in diese Ereignisse bringt. Es ist eine schwierige Zeit, und vor allem ist es unmöglich zu wissen, wie die Zukunft dieser kritischen Region Osteuropas aussehen wird. Mein Anliegen ist es, denen nahe zu sein, die im Leid leben. Die Moldauer leiden unter der Armut. Die Ukrainer, die gezwungen sind, aus ihrem Land zu fliehen, und die Bewohner Transnistriens leiden unter der Ungewissheit der Zukunft. Wir, die katholische Kirche in Moldawien, müssen diesem leidenden Volk zur Seite stehen, Hoffnung geben und Nächstenliebe zeigen. Dies sind unsere Waffen.

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