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Mittler zwischen Ost und West?

Aus Präsident wird Ministerpräsident: Rumen Radew hat die Wahl in Bulgarien gewonnen. Russland kennt er noch aus Sowjetzeiten.
Rumen Radew
Foto: IMAGO/Igor Lenkin | Konnte das eher repräsentative Präsidentenamt offenbar nutzen, um beliebt zu werden: Rumen Radew.

Nach einem Erdrutschsieg heißt der neue bulgarische Ministerpräsident Rumen Radew. Lange hat sich das Land nach klaren Verhältnissen gesehnt. Wechselnde Mehrheiten und Regierungskrisen verhinderten, dass nach innen eine stabilisierende Agenda gegen Korruption und Schattenwirtschaft aufgebaut werden konnte. Auch bei außenpolitischer Festlegungen, etwa zu einer EU-abgestimmten Ukraine-Unterstützung, galt Sofia als wackliger Partner. Der frisch gewählte Regierungschef kann sich auf eine Mehrheit im Parlament stützen und bringt aus dem Amt als Staatspräsident einen emotionalen Vertrauensvorschuss mit: Zwei Mal konnte er die Direktwahl zum Staatsoberhaupt gewinnen, ein gewaltiger Erfolg. Politisch ließ er im Amt immer wieder eine gewisse sozialistische Imprägnierung erkennen und formulierte gern Gegenpositionen zur konservativen Regierung. Doch diese waren meist sachlich begründet und nachvollziehbar angesichts von Korruption und Vetternwirtschaft.

Als einstiger Generalmajor der Luftstreitkräfte kennt Radew Russland noch aus sowjetischer Zeit. 1982 bis 1987 hatte er die eng an die „Rote Luftwaffe“ Moskaus angebundene Luftwaffenakademie seines Landes besucht. Es ist daher kein Wunder, dass Radew den Kontakt zum Putin-Regime mit einer gewissen Entspanntheit angehen lassen wird: Man schreibt kyrillisch und spricht russisch. Eine russlandfreundliche Haltung in Fragen des europäischen Zusammenhalts und der NATO sollte man dem parteilosen Politiker dennoch nicht vorschnell zuweisen. So äußerte der bulgarische Honorarkonsul Heiko Schmidt aus Leipzig gegenüber der „Tagespost“, dass für viele Bulgaren Russland eng mit dem Ende von 500 Jahren osmanischer Herrschaft verbunden sei. So steht der Schwarzmeer-Anrainer hier auch und vor allem für Europa und Christentum. Es liegt nahe, dass auf Radew die Funktion eines Mittlers zwischen Ost und West zukommen könnte, die der kluge und unbestechliche Soldat vielleicht überzeugender ausfüllt als Viktor Orbán.

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Im Interview mit einer Berliner Zeitung im Februar erklärte er, die Beendigung des Kriegs in der Ukraine erfordere mehr Diplomatie und Verhandlungen mit Russland. Über eine Integration der Ukraine in die EU zu sprechen, sei verfrüht. Die Unterstützung Sofias für den Friedensrat von Donald Trump sieht Radew kritisch, plädiert jedoch dafür, die „strategischen Beziehungen zu den USA weiter zu festigen, da sie die Sicherheit Europas garantieren“. Deutschland, mit zwölf Milliarden Volumen wichtigster Handelspartner, kann hoffnungsvoll auf eine Zukunft Bulgariens mit Radew blicken. Die Wirtschaft tut es längst. So haben die Commerzbank und die Schwarz-Gruppe wichtige IT-Abteilungen in das schöne Land mit dem Goldstrand verlegt.

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