Johannesburg

Mit einem Lächeln für die Wahrheit kämpfen

Jüngst verstarb der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu. Die besondere Fähigkeit zum weiten Blick auf die Lebenswirklichkeit im Land ist eine seiner großen Hinterlassenschaften.
Desmond Tutu gestorben
Foto: Nic Bothma (EPA) | Für seinen gewaltlosen Kampf gegen die Rassentrennung in Südafrika wurde Desmond Tutu bereits 1984 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Kann ein Land, dass allen gehören soll wie die „Regenbogen-Nation“ Südafrika, wirklich Heimat sein? Ein Mann, der wie kaum ein anderer für den Erfolg des Konzepts „Regenbogen-Nation“ stand, weil er es selbst aus voller Überzeugung vertrat, war der in der vergangenen Woche gestorbene Bischof Desmond Tutu. Dass Heimat – tief empfunden – viel mehr sein kann als der vertraute, aber eben doch manchmal kleinteilige, mitunter muffige soziale Nahraum, wurde von Desmond Tutu vorgelebt. Er habe „durch die Förderung der Gleichheit der Rassen und der Versöhnung in seinem Heimatland Südafrika“ einen Dienst am Evangelium geleistet, hob Papst Franziskus in seinem Beileidstelegramm hervor.

Vielfalt als Geschenk

Tatsächlich ist die besondere Fähigkeit zum weiten Blick auf die Lebenswirklichkeit in seiner jahrzehntelang bedrängten, aber eben auch extrem vielfältigen Heimat Südafrika eine der großen Hinterlassenschaften des Friedensnobelpreisträgers. Ohne diesen weiten Blick wären sein Land, aber wohl auch viele andere multiethnisch und multireligiös geprägte Staaten der Erde kaum überlebensfähig. Tutus Leben zeigt eindringlich: Nur wer Vielfalt als Geschenk, als Garant gegen Langeweile und Monotonie entdeckt, wird sie als Heimat empfinden können – was nicht bedeutet, die schwierigen Aufgaben, die Vielfalt vielerorts mit sich bringt, schön zu reden oder gar auszublenden. Tutu tat dies trotz der großen sozialen Spannungen in Südafrika oft mit einem Lächeln.

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Nach seinem Rücktritt als anglikanischer Erzbischof von Kapstadt 1996 wirkte er als Vorsitzender der südafrikanischen „Kommission für Wahrheit und Versöhnung”, die Verbrechen im Apartheid-Staat zwischen 1960 und 1994 aufklären sollte. Diese Aufgabe bekleidete er bis zur Übergabe des Abschlussberichts im Oktober 1998. Für seinen gewaltlosen Kampf gegen die Rassentrennung in wurde Tutu bereits 1984 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, im selben Jahr wurde er Bischof von Johannesburg.

Franziskus nannte ihn "Quell der Inspiration"

Papst Franziskus hat Tutu in seiner jüngsten Enzyklika „Fratelli tutti” als Quell der Inspiration erwähnt. Tutus Engagement in der Wahrheitskommission machte aber auch deutlich: Heimat kann ohne aufrichtige Aufarbeitung kollektiver Gräueltaten nicht entstehen. „In anderen Ländern brauchen wir ebenfalls ehrliche Aufarbeitung“, sagt der simbabwische Jesuit Oskar Wermter im Gespräch mit dieser Zeitung . In Simbabwe hatte das linkspopulistische Regime Mugabes in den 80er Jahren Massenmorde im Volk der Ndebele begangen. Bis heute werden sie totgeschwiegen, was das Wachsen einer gemeinsamen Heimat blockiert.

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