Kriegsführung

Mit Clausewitz "moderne Kriege" verstehen

Niemand durchdrang das Wesen des Krieges wie Carl von Clausewitz. Anhand seines Denkens lassen sich sogar Cyber-Attacken und der Ukraine-Krieg einordnen.
Carl von Clausewitz
Foto: ANNEES 1810-19 via www.imago-ima (www.imago-images.de) | Gerade mit Blick auf den gegenwärtig tobenden Ukraine-Krieg ist es wichtig, die zentrale Erkenntnis Clausewitz' wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass Kriege umfassend politisch bedingt sind.

Es dürfte nicht zu viel behauptet sein, neben Sunzi (+ um 496 v. Chr.; "Die Kunst des Krieges") Carl von Clausewitz als den weltweit bekanntesten Theoretiker des Krieges und sein Werk "Vom Kriege" als ein bemerkenswertes Stück Weltliteratur zu bezeichnen. Seine zeitlos gültigen Feststellungen - wie beispielsweise die umfassend politische Bedingtheit des Krieges ("Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln") sowie die Erkenntnis, dass Feldzüge nur zu einem sehr geringen Grade geplant werden können, da unkalkulierbare Ereignisse ("Friktionen" und "die Nebel des Krieges") jede zu detaillierte Vorausplanung schon nach kürzester Zeit gegenstandslos machen - haben buchstäblich Schule gemacht: Noch heute sind die Werke Clausewitz'  Pflichtlektüre an zahlreichen internationalen Militärakademien und politisch sowie philosophisch ganz unterschiedlich ausgerichtete Personen wie Raymond Aron, René  Girard, Che Guevara, Karl Marx, Helmut Schmidt oder Mao Zedong schätzten den preußischen Denker. 

Auch Clausewitz kannte Desinformation und Guerilla-Kriege

Wie konnte ein einzelner Denker über tiefste weltanschauliche Gräben hinweg eine geradezu universelle Anerkennung erfahren? Möglicherweise vor allem deswegen, weil Clausewitz keine normativ aufgeladene, sondern vielmehr eine eher faktisch-deskriptiv gehaltene, vielfach "durch Analysen der Feldzüge Napoleons und Friedrichs des Großen gewonnene Kriegs-Theorie" etablierte. "Clausewitz' Verdienst besteht vor allem darin, das Wesen des Krieges und der in ihm komplex wirkenden Elemente mit einer begrifflichen Klarheit und Systematik herausgearbeitet zu haben, wie sie in der kriegstheoretischen Literatur vor ihm und nach ihm nicht mehr erreicht wurde", sagt der Clausewitz-Fachmann Christian Th. Müller. Der habilitierte Historiker und außerplanmäßige Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam sowie Autor der 2021 im "Ferdinand Schöningh"-Verlag erschienenen Monographie "Clausewitz verstehen. Wirken, Werk und Wirkung", betont, dass Carl von Clausewitz entgegen landläufiger Meinung mit "Vom Kriege" ganz bewusst kein sich ultimativ gebendes Kriegsratgeberbuch vorgelegt hat. Vielmehr habe der preußische Denker, der den Krieg als ein "wahres Chamäleon" betrachtet hat, immer wieder ausdrücklich betont, dass man Kriegen mit einem starren Gedanken- und Regelwerk nicht gerecht werden könne - und scheute deswegen auch nicht, um der Komplexität des Krieges annähernd gerecht zu werden, vor mehrdimensionalem sowie dialektischem und paradox anmutendem Denken zurück.

Clausewitz  überzeitliche Theorie des Krieges stellt laut Müller eine große Hilfestellung einerseits bei der geistigen Durchdringung des Phänomens des Krieges im Allgemeinen sowie andererseits bei der Analyse individueller Kriege im Besonderen dar - denn erst seit Clausewitz sei es wirklich möglich, den Krieg in seiner Komplexität, Dynamik und historischen Wandelbarkeit zu denken: "Das ist sicherlich noch nicht hinreichend, um Kriege zu gewinnen. Aber es bietet gute Voraussetzungen dafür, größere strategische Fehler und deren nicht selten gravierende Folgen zu vermeiden", ist sich der Potsdamer Historiker sicher.

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Carl von Clausewitz war nicht nur ein Mann der Theorie, sondern auch ein Mann der Praxis. Denn er kannte den Krieg nicht nur vom Hörensagen, sondern buchstäblich aus nächster Nähe: 1780 in den letzten Regierungsjahren Friedrichs des Großen in Burg bei Magdeburg geboren und 1831 in Breslau an der Cholera verstorben, wurde er bereits mit zwölf Jahren Fähnrich im Infanterieregiment "Prinz Ferdinand" der preußischen Armee. Zudem nahm er 1793 als 13-jähriger Soldat am Ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich teil und trug bis zu seinem Lebensende Uniform - zwischen 1812 und 1814 sogar die russische, um nach der Niederlage Preußens 1806 gegen Frankreich weiterhin gegen Napoleon kämpfen zu können.

Analyse nach Zweck, Ziel und Mittel

Ab 1808 gehörte er zum Kreis der preußischen Reformer um Stein, Gneisenau und Scharnhorst, wobei vor allem Letzterer den jungen Clausewitz besonders prägte. Zudem hielt der durch seinen Lehrer Johann Gottfried Kiesewetter mit den Lehren Immanuel Kants vertraut gemachte Clausewitz (nunmehr auch Mitglied des preußischen Generalstabs) ab 1810 Vorlesungen an der Allgemeinen Kriegsschule zu Berlin, die er später zudem von 1818 bis 1830 leiten und welche unter seiner Führung und der seiner Nachfolger im 19. Jahrhundert zur bedeutendsten Militärakademie der Welt avancieren sollte. Seine Ehefrau Marie, die ihn durch lange Gespräche über Literatur und Politik sowie ihre Kontakte zu führenden Köpfen der damaligen Zeit intellektuell bereicherte und über ein Vierteljahrhundert wie keine andere Person an seinem Denken Anteil hatte, war es schließlich, die nach Clausewitz' Tod dessen "Hinterlassene Werke" Stück für Stück der Öffentlichkeit zugänglich machte.

Clausewitz analysierte den Krieg anhand einer Begriffsachse aus Zweck, Ziel und Mittel: Krieg ist seinem Begriff nach ein von politischen Entscheidungsträgern entfesselter Akt der Gewalt, um, wie es in "Vom Kriege" heißt, "den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen". Der jeweilige "Zweck" des Krieges wird dabei von der Politik bestimmt - das "Ziel" des Krieges wiederum ist, zur Erfüllung ebenjenes Zwecks den Gegner wehrlos zu machen.

Dieses Ziel kann anhand verschiedener "Mittel" beziehungsweise Vorgehensweisen erreicht werden: Beispielsweise durch die Ausschaltung gegnerischer Streitkräfte, wie die Vernichtung des Heeres in einer Schlacht oder das Entziehen der Versorgungsbasis - jedoch auch durch nichtmilitärische Maßnahmen, wie beispielsweise den Verlust des Kampfeswillens im Feindland durch Desinformation und Propaganda oder die politische und wirtschaftliche Isolation des Gegners.

Die physische Gewaltanwendung im Kampf ist dabei jedoch das Definitionsmerkmal des Krieges. Als Mittel zum Erreichen des gesetzten Zieles dienen laut Clausewitz somit sowohl alle militärischen als auch die nicht-militärischen Kräfte eines Staates. Und wer erst das 21. Jahrhundert als das Zeitalter "asymmetrischer Kriege" (schon Clausewitz hielt an der Kriegsakademie Vorlesungen über den "kleinen Krieg" beziehungsweise die Guerilla-Kriegsführung), harter Wirtschaftssanktionen oder sogenannter hybrid geführter Cyber- und Informationsattacken ansieht, darf feststellen, dass vieles, was heutzutage als "neue" oder "moderne" Kriegsführung gilt, zwar dringend ernst genommen werden muss und Abwehrmaßnahmen unausweichlich macht, sich letztendlich jedoch für diejenigen, die sich an die Definitionen Clausewitz' halten, als alter Kriegsführungs-Wein in neuen technologischen Schläuchen entpuppt. 

Der Ukraine-Krieg durch die Brille Clausewitz' betrachtet

Gerade mit Blick auf den gegenwärtig tobenden Ukraine-Krieg ist es wichtig, die zentrale Erkenntnis Clausewitz' wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass Kriege umfassend politisch bedingt sind: "Kriege sind nicht nur politische Akte, sondern sie werden auch durch die ihnen zugrunde liegenden politischen Verhältnisse und politischen Motive geprägt", so Clausewitz-Forscher Müller. "Und so unterschiedlich wie die politischen Verhältnisse und Motive sind dann auch die Kriege", fügt er hinzu - eine Feststellung, die gerade angesichts der diametral kontrastierenden Art und Weise ins Auge sticht, mit der das diktatorische Russland ruchlos und verbrecherisch sowohl Weltmacht zu werden versucht als auch seinen Angriff auf die Ukraine und die eigenen Kriegsziele verfolgt, verglichen damit, wie sich die der Demokratie und der Europäischen Union annähernde Ukraine mit westlicher Unterstützung verteidigt.

Wichtig ist laut Müller: "Ohne den Krieg zunächst politisch zu denken, die politischen Verhältnisse zu analysieren und die politischen Zwecke festzulegen, ist die Entwicklung einer Strategie, die zum gewünschten politischen Ergebnis führt, logischerweise nicht möglich." Das von Clausewitz als notwendig erachtete (interkulturelle) Verständnis des Gegners, aus welchem heraus die Politik realistische Strategien sowie Kriegs- und Friedensziele entwickeln kann, fehlte beispielsweise dem Westen gerade bei seinen Militäreinsätzen in Vietnam, Afghanistan, Libyen und im Irak - weswegen diese Kriege trotz materieller Überlegenheit letztendlich nicht gewonnen werden konnten und besser niemals geführt worden wären.

Im Ukraine-Krieg treten zudem die berühmten Clausewitzschen "Friktionen" und "Nebel des Krieges", vor allem aber die schwer kalkulierbare Dynamik von Aktion und Reaktion, mustergültig zutage: Nachdem bei Kriegsbeginn am 24. Februar international kaum jemand an einem schnellen Sieg Russlands zweifelte, überraschten die Ukrainer sowohl den Kreml als auch den Rest der Welt mit hartnäckigem, vom Westen unterstützten Widerstand, so dass die russische Armee ihren Marsch auf Kiew abbrechen und schwere Verluste an Menschen und Material hinnehmen musste.

An Clausewitz' zeitlosen Gedanken kommt man nicht vorbei

Als dann auch noch der Westen in großer Einigkeit ein umfangreiches Sanktionspaket gegen Russland auf den Weg brachte und die NATO mit Schweden und Finnland neue Mitglieder begrüßen durfte, war der niederschmetternde Auftakt des Krieges aus russischer Sicht komplett. Doch im Anschluss an diese Ereignisse mussten auch der Westen und die Ukraine Rückschläge hinnehmen: Denn Russland leidet zwar in der Tat unter den ökonomischen Sanktionen des Westens, kann aber auf China und Indien als politische und ökonomische Verbündete setzen und verblüfft unter anderem dank der Drosselung der Energielieferungen nach Europa mit erhöhten Einnahmen, einem Haushaltsüberschuss und einem gestiegenen Rubelkurs.

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Gleichzeitig kann Russlands Diktator Wladimir Putin trotz des Sanktionsdrucks auf das Stillhalten der eigenen Landsleute zählen, da sie der Kreml-Propaganda glauben, nach der die NATO der eigentliche Aggressor in der Ukraine sei. Zudem muss Europa - vor allem Deutschland - erleben, dass Putin sich nicht scheut, Energie als Druckmittel gegenüber den EU-Volkswirtschaften einzusetzen und in der Ukraine zahlreiche Kriegsverbrechen zu begehen, um den Willen vor Ort sowie im Westen zu brechen. Eins steht fest: Solange der Ukraine-Krieg weitergeht, werden weitere Unvorhersehbarkeiten vermutlich nicht lange auf sich warten lassen.

Wer also sowohl den Ukraine-Krieg als auch die vermeintlich "neuen" beziehungsweise modernen Kriege verstehen will, kommt an den zeitlosen Definitionen und Gedankengängen Carl von Clausewitz nicht vorbei. "Clausewitz kann uns dabei helfen, mit seiner begrifflichen Klarheit die Komplexität kriegerisch ausgetragener politischer Konflikte intellektuell zu durchdringen und Orientierungspunkte für das eigenständige analytische Denken zu liefern", ist sich Christian Th. Müller sicher. Und er ergänzt: "Das ist nicht nur die entscheidende Voraussetzung für eine adäquate Lagebeurteilung und die Entwicklung einer funktionierenden Strategie, sondern auch eine grundsätzliche Einladung und Hilfestellung zum selbständigen Nachdenken über komplexe Zusammenhänge" - eine Fähigkeit, die gerade in Deutschland seit dem Ende des Kalten Krieges vollkommen aus der Mode gekommen zu sein scheint.

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