Mit drastischen Worten hat der Bischof der Kanarischen Inseln, José Mazuelos, eine heftige Debatte über Migration, Empathie und die Rolle der Kirche ausgelöst. Bei einer Informationsveranstaltung im Rahmen der Vollversammlung der spanischen Bischofskonferenz sagte er mit Blick auf die Atlantikroute nach Europa, man müsse „manche Menschen fünf Tage lang ohne Essen in ein Boot stecken, um zu sehen, wie sie ankommen“.
Nur so könnten wohl einige die Not der Migranten wirklich begreifen. Bischof Mazuelos äußerte sich im Zusammenhang mit der Migrationslage auf den Kanarischen Inseln und dem bevorstehenden Besuch von Papst Leo XIV. im Juni. Er betonte zugleich, Migranten müssten selbstverständlich aufgenommen und versorgt werden. „Wer Christ und Mensch sein will, der muss sich um sie kümmern und sie betreuen“, sagte er. Es sei bedrückend, dass diese Menschen oft nur „wie eine Nummer“ behandelt würden, obwohl hinter jeder Überfahrt ein hartes und gefährdetes Leben stehe.
Auch der Bischof von Teneriffa, Eloy Santiago, hob die dramatische Lage hervor. Die Kanarischen Inseln seien die südliche Grenze Europas und Ankunftsort für viele Migranten aus Afrika. Santiago äußerte die Hoffnung, der Papstbesuch könne das „traurige Drama“ international sichtbar machen und Institutionen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene zu größerer Aufmerksamkeit bewegen. Die Worte Mazuelos’ stießen auf scharfe Kritik und lösten eine breite politische und gesellschaftliche Kontroverse aus. Besonders deutlich reagierte „Vox“-Chef Santiago Abascal.
Er warf „einigen, die mit illegaler Einwanderung Geschäfte machen“, vor, weit entfernt von den Folgen zu leben, die seiner Ansicht nach die spanische Bevölkerung trage. In seinem vielfach geteilten Beitrag verwies er auf Belastungen für Gesundheitswesen, Sicherheit, Löhne und Steuern und verlangte, auch jenen Gehör zu schenken, die sich durch irreguläre Migration unter Druck gesetzt sähen. Der Schlagabtausch verbreitete sich rasch in den sozialen Netzwerken.
Philosoph wirft schlechte Argumentation vor
Grundsätzliche Kritik kam vom Philosophen Miguel Ángel Quintana Paz, der sich unter anderem mit Klerikalismus und der Rolle der Katholiken im öffentlichen Raum beschäftigt. Er warf dem Bischof vor, „sehr schlecht“ zu argumentieren. Der erste Fehler liege im emotionalen Zugriff: Statt sachlich zu argumentieren, arbeite Mazuelos mit einer drastischen Betroffenheitsrhetorik. Ein zweiter Fehler sei der Rekurs auf Empathie als moralische Waffe. Wer andere dazu auffordere, erst selbst extreme Erfahrungen zu machen, bevor sie sprechen dürften, bewege sich nicht auf der Ebene des Arguments, sondern der Einschüchterung. Quintana Paz wirft dem Bischof zudem vor, Scheingefechte zu führen.
Die Debatte bestehe nicht darin, ob man einen hungrigen oder dehydrierten Migranten versorgen solle; das stelle kaum jemand in Frage. Der politische Streit beginne dort, wo es um Unterbringung, Integration, Sozialleistungen, Wohnungsmarkt, Sicherheit und langfristige Folgen irregulärer Migration gehe. Indem der Bischof diese Ebene ausblende, ersetze er die reale Debatte durch eine moralisch vereinfachte Gegenüberstellung: hier die Gutmenschen, dort die Hartherzigen.
Scharf kritisiert der Philosoph die Formulierung des Bischofs, nur wer sich um Migranten kümmere, sei wirklich „menschlich“ oder handle als Christ. Ein Bischof habe nicht das Recht, festzulegen, wer menschlich sei und wer nicht. Erst recht könne er nicht bestimmen, wer Christ sei. Christ werde man durch die Taufe und nicht durch Zustimmung zu einer bestimmten politischen Haltung. Darin sieht Quintana Paz nicht nur einen argumentativen Fehler, sondern eine unzulässige moralische Grenzüberschreitung.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.











