Berlin

Merz und die Fallhöhe

Der designierte CDU-Parteivorsitzende muss Farbe bekennen. Allein ein Anti-Merkel-Profil ist noch kein Programm. Ein Kommentar.
Friedrich Merz
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Die Anhängerschaft von Merz ist inhaltlich viel heterogener als sie es sich selbst eingesteht.

Sein Sieg verleiht Friedrich Merz große Gestaltungsmacht. Die Partei will, dass er der Opposition gegen die Ampel sein Gesicht gibt. Damit steht er aber auch unter Zugzwang. Er muss schnell beweisen, dass er dem politischen Auftrag, den ihm seine Parteifreunde erteilt haben, tatsächlich gerecht wird. Wenn er nicht noch vor seiner eigentlichen Wahl durch den Parteitag in Januar eigene inhaltliche Pflöcke einschlägt und so der Union einen Weg aus dem Tal der Tränen aufzeigt, kann der Siegestaumel, in dem sich seine Anhänger jetzt befinden, ganz schnell in Enttäuschung umschlagen. Die Christdemokraten gieren nach politischer Führung.

Auch Merz für Adoptionsrecht für unverheiratete homosexuelle Paare

Die CDU-Basis will eine Zäsur zur Merkel-Ära. Merz konnte so zur Sehnsuchtsfigur der Christdemokraten werden. Dazu trug ein gehöriges Maß an Nostalgie bei – der Publizist Harald Martenstein sprach kürzlich von „Friedrich Kohl“ –, Merz scheint für viele die vermeintlich gute alte Zeit zu repräsentieren.
Aber allein ein Anti-Merkel-Profil ist noch kein Programm. Die Anhängerschaft von Merz ist inhaltlich viel heterogener als sie es sich selbst eingesteht. „Konservativ“ - das mag auf viele frustrierte Christdemokraten elektrisierend gewirkt haben, doch so ein Profil bleibt bloßes Etikett, wenn der Begriff nicht inhaltlich gefüllt wird.

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Das Bekenntnis zu einer Politik mit „klarer Kante“ befreit Merz nicht von der Pflicht, genau zu formulieren, für welche konkreten Positionen er denn nun überhaupt streiten will. Dass Merz angedeutet hat, er habe nichts gegen ein Adoptionsrecht für unverheiratete homosexuelle Paare, wird manche Merzianer bereits ins Grübeln gebracht haben. Die Fallhöhe ist groß. Wenn jetzt auch der letzte Hoffnungsträger der Konservativen in der Union strauchelt, dann könnte das Kapitel CDU für viele von ihnen endgültig zugeschlagen sein. Ob Friedrich Merz das weiß, wird sich jetzt zeigen.

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