Würzburg

Mehr Gott wagen – nicht nur im Advent

Gerade in Zeiten der Corona-Krise sowie angesichts der Spaltungstendenzen in Gesellschaft und Kirche ist es notwendig, sich ernsthaft auf den Glauben zu besinnen. Ein Kommentar.
Advent und Corona
Foto: Fernando Gutierrez-Juarez (dpa-Zentralbild) | ER ist es und wird es sein, der dieses irdische, vorläufige „Jammertal“ eines Tages durch einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ ersetzen und allem Leid ein Ende bereiten wird. Darauf dürfen Christen vertrauen.

Es sind unruhige Zeiten, in denen wir leben. Die Corona-Pandemie droht auch in diesem Winter, das Leben zahlreicher Menschen negativ zu beeinflussen – und die Suche nach dem richtigen Weg, diese Krise zu überwinden, droht nicht nur Familien und Freundeskreise, sondern auch die ganze Gesellschaft sowie die Kirche nachhaltig zu zerrütten. Wenn dann auch noch ökonomische Ängste in Form einer scheinbar unaufhaltsam ansteigenden Inflation geschürt werden und der Blick in den Koalitionsvertrag der frisch ins Amt gekommenen Ampel-Koalition gerade bei gläubigen Katholiken eher Bauchschmerzen als Zuversicht auslöst, dann kann man es durchaus nachvollziehen, dass bei so manchem droht, das berühmte Maß voll zu werden.

Christen dürfen auf Gott vertrauen

Doch was aus rein menschlicher Sichtweise nur allzu verständlich erscheint, erhält mit Blick auf den christlichen Glauben eine andere Gewichtung, woran möglicherweise einmal wieder erinnert werden sollte. Denn aus Sicht eben dieses christlichen Glaubens werden am Ende aller Zeiten weder Spaltung oder Rechthaberei noch Unrecht jeglicher Art das letzte Wort haben, sondern der dreieinige Gott, der sowohl die Wahrheit als auch die Liebe ist. ER ist es und wird es sein, der dieses irdische, vorläufige „Jammertal“ eines Tages durch einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ ersetzen und allem Leid ein Ende bereiten wird. Darauf dürfen Christen vertrauen.

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Doch bringen viele Christen dieses Vertrauen in Gott und dessen Vorsehung noch auf? Zumindest Papst Benedikt XVI. hatte da bereits vor ziemlich genau zehn Jahren so seine Zweifel. Am 2. September 2012 predigte er hierüber gegenüber seinen beiden „Schülerkreisen“ – also zu Personen, denen normalerweise weder mangelnder Glaube noch fehlende Liebe zur Kirche unterstellt werden dürfte. Doch genau gegenüber diesem Personenkreis hielt es der nunmehr emeritierte Papst anscheinend für notwendig zu betonen, dass viele Christen geneigt seien, sich lieber an „sichtbaren“, von Menschen geschaffenen Dingen abzuarbeiten und diese für die wahren letzten Dinge zu halten, anstatt sich nach dem Unsichtbaren auszustrecken beziehungsweise hiernach Ausschau zu halten.

„Niemand kann die Wahrheit haben“

„Niemand kann die Wahrheit haben“, sagte Benedikt XVI. für manche Zuhörer vermutlich ein wenig überraschend und fügte hinzu, „die Wahrheit hat uns, sie ist etwas Lebendiges!“ Und weiter: „Wir sind nicht ihre Besitzer, sondern wir sind von ihr ergriffen; nur wenn wir uns von ihr führen und treiben lassen, bleiben wir in ihr; nur wenn wir mit ihr und in ihr Pilger der Wahrheit sind, dann ist sie in uns und durch uns da.“ Sein flammender Appell: „Ich glaube, das müssen wir wieder neu erlernen, dieses Nicht-Haben der Wahrheit... Wir müssen lernen, uns von ihr treiben zu lassen, uns von ihr führen zu lassen. Dann wird sie auch wieder leuchten: wenn sie uns selber führt und durchdringt.“

Benedikts bereits vor zehn Jahren getätigter Appell könnte kaum aktueller sein als in dieser Adventszeit. Und letztendlich ist er so einfach zu befolgen. Denn: Beten kann man auch und gerade in Lockdown-Zeiten. Zudem sind die Heilige Schrift, der Katechismus sowie die Lehren von Konzilien, Päpsten und Kirchenvätern auch in einer Pandemie nicht außer Kraft gesetzt und auch Kirchenbesuche sind weiter möglich. „Mehr Fortschritt wagen“ fordern Politiker – „mehr Gott wagen“ würde sich Benedikt XVI. von uns allen wünschen.

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