Berlin

Mehr Demut, weniger Chuzpe

Im Blindflug steuert Deutschland auf eine Wand namens „Omikron“ zu. Dabei wäre dies vermeidbar gewesen, hätte die Politik ihre Hausaufgaben gemacht. Ein Kommentar.
Deutschland steuert auf Omikron-Welle zu
Foto: Christoph Schmidt (dpa) | Durch die Omikron-Variante droht Deutschland eine "neue Qualität“ des Pandemiegeschehens. Und dennoch unternahmen die politisch Verantwortlichen bislang keinerlei Anstrengung, um das Ausmaß der Gefahr sichtbar zu machen.

Wenn Politik die Kunst ist, das Notwendige möglich zu machen, dann stümpert Deutschland auch nach zwei Jahren Pandemie weiter vor sich hin. Fünf Tage vor Weihnachten warnte der 19-köpfige Corona-Expertenrat einstimmig vor einer „neuen Qualität“ des Pandemiegeschehens durch die Virusvariante „Omikron“ und malte Horrorszenarien wie die Überlastung des Gesundheitssystems und des Zusammenbruchs der kritischen Infrastruktur an die Wand.

Die Politik reagiert zu langsam

Der Grund: B1.1.529, wie Omikron auch genannt wird, zeichne sich durch eine „stark gesteigerte Übertragbarkeit und ein Unterlaufen eines bestehenden Immunschutzes aus“. Mit anderen Worten: Auch Genesene und vollständige Geimpfte sind vor (Re-)Infektionen nicht sicher und können das Virus übertragen. In einem Ausmaß, das weit über das hinausreicht, was schon für andere Varianten galt. Dies könne zu einer „explosionsartigen Verbreitung“ führen, die „hohe Risiken“ für die gesamte „kritische Infrastruktur“ (Kliniken, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Telekommunikation, Strom- und Wasserversorgung) berge.

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Und was macht die Politik? Zwei Tage später vereinbaren Bund und Länder zusätzliche Maßnahmen, die jedoch erst weitere sieben Tage später in Kraft treten. Damit nicht genug. An diesem Freitag nun wollen Kanzler Scholz und die Länderchefs ihre am 21. Dezember beschlossenen Maßnahmen evaluieren und womöglich weitere verabschieden. Die Frage ist nur: Auf welcher Grundlage? Denn verlässliche Daten soll es frühestens Anfang kommender Woche geben. Dann erst hätten die Meldeketten, die sich aus Testzentren und Laboren sowie den Gesundheitsämtern und den Landeszentren für Gesundheit zusammensetzen, die Rückstände bei der Datenerfassung und -auswertung aufgeholt, die zwischen den Jahren aufgelaufen seien.

Keine Welle, eine Wand

Anders formuliert: Deutschland befindet sich im Blindflug. Dabei verbreitete der Datenjournalist Christian Endt bereits am 17. Dezember auf Twitter eine Grafik, die zeigt, wie Omikron schon zu Weihnachten das Infektionsgeschehen dominieren könnte und garnierte sie mit dem Satz: „Da kommt keine Welle, da kommt eine Wand“. Am selben Tag adelte der Chefvirologe der Charité, Christian Drosten, den Tweet mit den Worten, er stimme mit diesem völlig überein, woraufhin sich die Metapher der „unsichtbaren Wand“ nahezu viral verbreitete. Und dennoch unternahmen die politisch Verantwortlichen keinerlei Anstrengung, um ihr Ausmaß sichtbar zu machen.

Warum funktioniert in Frankreich und England, die am Dienstag mehr als 271.000 beziehungsweise mehr als 200.000 Neuinfektionen meldeten, was in Deutschland (30 561) scheinbar unmöglich ist? Wie kann es sein, dass Ministerpräsidenten erneut nach Feststellung einer „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ rufen, aber ihre Hausaufgaben, zu denen gehört, Behörden personell und strukturell so aufzustellen, dass sie ihre Funktion wahrnehmen können, auch nach zwei Jahren immer noch nicht gemacht haben?

Und wo nehmen Politiker die Chuzpe her, Bürger zu verdammen, die sich auf all das keinen Reim mehr machen können und von denen einige ihnen statt Unfähigkeit nun Böswilligkeit unterstellen? Soll das Land nicht auseinanderbrechen, muss die Politik endlich beginnen, an den Tag zu legen, was die Pandemie alle anderen schon gelehrt hat: Demut.

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