Berlin

Man kann ihn ein Chamäleon nennen

Man versteht Olaf Scholz nicht, wenn man versucht, in seiner politischen Biografie programmatischen Leitlinien zu folgen. Es ist wohl tatsächlich die Freude am Bohren politischer Bretter, was ihn umtreibt.
Olaf Scholz
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Mit seiner Vorstellung von gesellschaftlichem Fortschritt entspricht Olaf Scholz dem heutigen sozialdemokratischen Standard.

Olaf Scholz habe ein „inneres Geländer“, sagt FDP-Chef Christian Lindner über den künftigen Kanzler. Vermutlich meint der Liberale damit, dass Scholz bei den Koalitionsverhandlungen Linie gezeigt und damit auch allen Verhandlungspartnern Orientierung gegeben habe. Bei dieser Einschätzung liegt wie eigentlich immer bei Scholz der Fokus auf dem politischen Handwerk. Pragmatisch sei er, auf Sachfragen konzentriert – der 63-Jährige verkauft sich als nüchterner Hanseat in der Tradition von Helmut Schmidt. Doch wie tickt Scholz weltanschaulich? Man würde gerne wissen, in welchen ideellen Beton sein „inneres Geländer“ montiert ist .

Er opponierte heftig gegen Nato-Doppelbeschluss

Manche verweisen hier gerne auf die linke Vergangenheit des einstigen Stamokap-Jusos, der Anfang der 80er Jahre, damals noch mit langer Matte, eben nicht auf der Seite von Helmut Schmidt stand, sondern heftig gegen den Nato-Doppelbeschluss opponierte. Und dann ist da der Schröderianer Scholz, der an der Seite seines Juso-Kumpels Gerhard für die Hartz IV-Reformen kämpfte, was ihn bis in den Wahlkampf hinein für viele seiner Genossen zum roten Tuch werden ließ. Wie passt das zusammen? Man versteht Scholz nicht, wenn man versucht, in seiner politischen Biografie programmatischen Leitlinien zu folgen. Es ist wohl tatsächlich die Freude am Bohren politischer Bretter, was ihn umtreibt. Handwerk eben. Nur die Werkstätten haben sich über die Jahre geändert. Bei den Jusos sahen die anders aus als später in seiner Zeit als Generalsekretär im Willy-Brandt-Haus. Und das Kanzleramt stellt noch einmal neue Herausforderungen. Insofern kann man Olaf Scholz ein Chamäleon nennen. Er vermag es, sich den jeweils geltenden politischen Bedingungen anzupassen.

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Wird er also auch die Rolle spielen, die ihm als Kanzler einer selbst ernannten  „Fortschrittsregierung“ zukommt? Die Anklänge an Willy Brandt im Titel des Koalitionsvertrages sind deutlich: „Mehr Fortschritt wagen.“ Aber Scholz träumt nicht vom Nobelpreis und er rechnet sicher auch nicht damit, dass bei der nächsten Wahl sich Deutschlands Jugend ans Revers einen Button mit „Olaf wählen“ steckt.

Er wird dann seine Richtlinienkompetenz zeigen, wenn es darum geht, den Laden zusammenzuhalten. Als „Spiritus rector“ der Ampel sieht er sich sicher nicht. Trotzdem, auch das muss klar betont werden: Scholz steht der Reformagenda nicht fern, aber er wird auch nicht zum ideologischen Antreiber dieses Programms. Mit seiner Vorstellung von gesellschaftlichem Fortschritt entspricht Olaf Scholz einfach vielmehr dem heutigen sozialdemokratischen Standard.

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