Bamako

Mali nicht Moskau überlassen

Der Konflikt zwischen Russland und dem Westen spiegelt sich auch in der Sahelzone wider. Der Rückzug der Bundeswehr aus Mali hätte weitreichende Folgen.
Russische Söldner in Afrika
Foto: Uncredited (French Army/AP) | Dieses undatierte Handout-Foto, das vom französischen Militär zur Verfügung gestellt wurde, zeigt russische Söldner, die im Norden Malis einen Hubschrauber besteigen.

Die malische Militärregierung hat am Wochenende den Fund eines Massengrabs in der Nähe einer kürzlich aufgegebenen französischen Militärbasis bestätigt und eine Untersuchung angekündigt. Zudem hatte die französische Armee russische Söldner bezichtigt, in der Gegend Gräueltaten zu inszenieren. Der französische Generalstab hatte ein Drohnen-Video veröffentlicht, auf dem Soldaten zu sehen sind, die in der Nähe eines Militärstützpunkts Leichen mit Sand bedecken. Es handle sich um Söldner der russischen Gruppe Wagner, erklärten die Franzosen dazu. Zuvor hatten sie mitgeteilt, es müsse mit massiven „Informationsangriffen“ zu rechnen sein, um die Glaubwürdigkeit des französischen Militäreinsatzes in Mali zu untergraben. Die französische Armee spricht von einem „Krieg der Desinformation“, dem sie in der Sahelzone seit längerem ausgesetzt sei und hinter dem sie mit Russland in Verbindung stehende Gruppen vermutet.

Malische Militärregierung unterstützt Russland

Verstärkte Zusammenarbeit mit Russland, das ist auch das Ziel der malischen Militärregierung. Zunehmend entgleitet das westafrikanische Land  dem Einfluss des Westens, stellt Ulf  Laessing, Leiter des Sahel-Programms der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bamako, gegenüber dieser Zeitung fest: „Es gibt eine starke anti-französische Stimmung aufgrund der Kolonialgeschichte und weil viele Malier sich schlicht nicht erklären können, wieso der französische Anti-Terrror-Einsatz, der eng mit der Minusma in Nord-Mali zusammenarbeitet, nicht die Dschihadisten erfolgreich bekämpft hat. Die malische Regierung,  unterstützt von vermutlich russischen Trolls in den sozialen Medien, verschweigt bewusst, dass es der Staat war, der versagt hat, in die von Franzosen eroberten Gebiete zurückzukehren und den Menschen eine Perspektive zu bieten.“

Lesen Sie auch:

Die Dschihadisten würden ein Vakuum der Behörden ausnutzen, um einen Parallestaat mit eigenen „Dienstleistungen“ wie Schulen und Gerichten auszufüllen. Die Beziehungen zu Frankreich hätten sich verschlechtert, seitdem die malische Regierung Verhandlungen mit Russland über die Entsendung von Hubschraubern und Ausbildern begonnen habe. Teil der Vereinbarung, die im Dezember umgesetzt wurde, sei auch die Stationierung von Söldnern der Wagner-Gruppe gewesen, die bereits in Syrien, Libyen und der Zentralafrikanischen Republik tätig sind und immer wieder mit schweren Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht werden. Die Söldner-Truppe wird vom Westen als verlängerter Arm der russischen Regierung gesehen.

Sicherheit schwindet zusehends

Der Abzug Frankreichs aus Mail bedeutet auch das Ende jeglicher hochrangigen bilateralen Kontakte. Deutschland hingegen genießt nach Angaben Laessings in Mali immer noch ein „exzellentes Ansehen“, da die Bundesrepublik das Land 1960 als erster Staat anerkannt hatte. Außenministerin Annalena Baerbock von den Grünen und die sozialdemokratische Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht, die im April in Mali zu Besuch waren, hatten bei ihren Gesprächen versucht, die Malier vor den Folgen einer engen Zusammmenarbeit mit Russland gerade vor dem Hintergrund der Ukraine-Invasion zu warnen. Außenminister Abdoulaye Diop betonte jedoch nach Baerbocks Treffen mit Staatschef Assimi Goïta, dass Mali an  der Partnerschaft mit Russland festhalten wolle. Schon direkt am nächsten Tag traf sich Diop zudem mit dem russischen Botschafter, um eine weitere Vertiefung der Zusammmenarbeit zu besprechen.

Deutsche Soldatinnen und Soldaten sind seit 2013 Teil einer Blauhelm-Truppe der Vereinten Nationen (Minusma), die in Nord-Mali zu Stabilität beitragen soll, nachdem die französische Armee Dschihadisten von dort vertrieben hatten. Seitdem hat sich die Sicherheitslage in Mali allerdings stetig verschlechtert. Die Zentralregierung in Bamako hält mithilfe der Vereinten Nationen zwar noch die größeren Städte in Nord-Mali, „doch die Dschihadisten sind längst aus ihren Verstecken in der Wüste zurückgekehrt und haben sich sogar im Zentrum des Landes breit gemacht“, erläutert Ulf Laessing.

Zweifel an Ausbildungsfähigkeit der malischen Armee

Mali wird seit August 2020 von Militärs regiert, die eine Rückkehr zu Wahlen verschleppen, während Russland sein militärisches Engagement dort gleichzeitig stark ausweitet. Russische Söldner werden mehrerer Massaker an der Zivilbevölkerung beschuldigt. Trotzdem sprach sich Bundesaußenministerin Baerbock in Mali dafür aus, die deutsche Minusma-Beteiligung fortzusetzen. Die Europäische Union suspendierte zugleich ihre Ausbildungsmission für die malischen Streitkräfte wegen der Zusammenarbeit Bamakos mit russischen Söldnern. „Zu groß ist die Gefahr, dass von der EU ausgebildete und ausgerüstete Truppen mit den Russen zusammenarbeiten“, meint Laessing.

Die Ausbildungsmission, zu der auch die Bundeswehr beiträgt, stand zudem schon länger als wenig effektiv in der Kritik. Die malische Armee sei zum einen in einem sehr schlechten Zustand, zum anderen wollte die EU auch kein Risiko eingehen: „Das Infantrietraining findet mit Holzgewehren statt, und dazu noch weit weg von der Front. Die Malier wollten immer ein realistischeres Training und eine Begleitung ihrer Soldaten an die Front durch westliche Soldaten, doch dies war für die EU aus grundsätzlichen Gründen nicht denkbar. Jüngste Berichte über angebliche Massaker von Soldaten zusammen mit russischen Söldern an Zivilisten dürften nochmals die Zweifel bei der EU verstärkt haben, ob die malische Armee überhaupt im Sinne unserer Standards und Werte ausbildungsfähig ist.“ Zudem gibt es nach Meinung von Laessing Zweifel, ob Mali einen Verbleib der Minusma überhaupt will.

Ende März sei eine britische Militärpatrouille im Nordosten fast von malischen Hubschraubern beschossen worden. Die malische Armee beteuerte, sie hätte auf Terroristen geschossen, aber nach Angaben von Diplomaten war keine Feindbewegung in der Nähe gewesen. „Es nährt sich der Verdacht, dass die Malier, angestoßen von Russland, ein Zeichen setzen wollten, dass sie die Vereinten Nationen nicht mehr im Land haben wollen.“

Ohne Bundeswehr mehr Armut

Macht ein Verbleib der Bundeswehr trotzdem Sinn? Ohne die Präsenz der Minusma und der Bundeswehr wäre die Sicherheitslage in Mali noch schlechter, folgert der Repräsentant der Konrad-Adenauer-Stiftung in der malischen Hauptstadt Bamako. Deutschland und Europa hätten ein Interesse an Stabilität im Sahelraum, einer der ärmsten Regionen der Welt. Ohne die Bundeswehr wären weniger Projekte der Entwicklungszusammenarbeit möglich, das würde wiederum mehr Armut bedeuten. Es sei die Verzweiflung und Hoffnungslosigeit, nicht religiöser Eifer, der die jungen Menschen in die Arme von Dschihadisten treiben würde.

Die Bundeswehr kämpfe nicht in Nord-Mali, da die Minusma nur ein defensives Mandat hat, nehme aber zentrale Aufgaben der Luftaufklärung wahr, ohne die die Blauhelme „blind“ agieren würden. Ein Abzug der Bundeswehr würde daher die gesamte UN-Mission infrage stellen. Für ein Verbleiben spricht zudem die Expansion Russlands, betont Laessing: „Wir sollten nicht das Land Moskau  überlassen, das hier augenscheinlich vornehmlich das Ziel verfolgt, den Westen zu spalten. Russland kann die Wagner-Söldner und Hubschrauber schnell wieder abziehen, sollten diese in der Ukraine gebraucht werden, mit dem Abzug der Franzosen stünde Mali dann ohne Partner da, sollte die Minusma auch gehen. Die malische Regierung muss allerdings natürlich klar sagen, dass sie einen Verbleib der Minusma will.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Carl-Heinz Pierk Annalena Baerbock Christine Lambrecht Dschihadisten Konrad-Adenauer-Stiftung Russische Regierung UNO

Weitere Artikel

An der Ostflanke der NATO: 1.500 Bundeswehr-Soldaten sind in Rukla in Litauen im Einsatz. Ein katholischer Militärseelsorger steht ihnen zur Seite. Ein Einblick in den Truppenalltag.
29.04.2022, 15 Uhr
Roger Töpelmann

Kirche

Der Ton bei Kirchens wird rüder. Nun verschärft das Internetportal katholisch.de seine Netiquette und stellt Kriterien auf, über die man streiten kann.
03.12.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die Gruppe, die zum kontinentalen europäischen Vorbereitungstreffen der Weltsynode nach Prag fahren soll, repräsentiert die deutschen Katholiken in keiner Weise.
02.12.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt
Nach russischer Empörung wurden die Internetseiten des Heiligen Stuhls attackiert. Auffällige Parallelen zum Hacker-Angriff auf das Europäische Parlament.
01.12.2022, 12 Uhr
Meldung
Der heilige Bernardo ist der Schutzpatron von Parma und wird von den Vallombrosianern nach dem heiligen Benedikt von Nursia und dem heiligen Giovanni Gualberti als ihr dritter Gründervater ...
03.12.2022, 21 Uhr
Claudia Kock
Deutsche Stimmen zum römischen Einspruch: Wie soll es weitergehen nach den Referaten der Kardinäle Luis Ladaria und Marc Ouellet?
01.12.2022, 13 Uhr
Redaktion