Ankara

Luftangriffe auf Kurdistan

Erdogan macht sich das Chaos in Afghanistan zunutze. Und das Kalkül des türkischen Präsidenten scheint aufzugehen. Ein Gastkommentar.
Türkischer Präsident Erdogan
Foto: Kemal Softic (AP) | Erdogan instrumentalisiert die Verzweiflung der Menschen und präsentiert sich, auch der Bundesregierung gegenüber, als Retter.

Das aktuelle Chaos in Afghanistan weiß der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan geschickt für sich zu nutzen. Er instrumentalisiert die Verzweiflung der Menschen und präsentiert sich, auch der Bundesregierung gegenüber, als Retter. Zugleich nutzt er den Schatten der schlimmen Ereignisse am Hindukusch, um seine Interessen in der Levante zu verfolgen: In der vergangenen Woche bombardierte die türkische Luftwaffe kurdische, christliche und yezidische Ortschaften in Nordsyrien und im Nordirak. Darüber berichten die Medien kaum. Es gibt auch keine Kritik demokratischer Staaten an den tödlichen Militärschlägen – anderes ist gerade wichtiger.

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Ideologisch den Taliban nahe

Das Kalkül des türkischen Präsidenten scheint aufzugehen. Erdogan lobt die Taliban bereits öffentlich. Ideologisch steht er der islamistischen Miliz ohnehin nahe. Sehr ähnliche islamistische Gruppierungen unterstützt die Türkei in Syrien, im Irak und in Nordafrika. Dort verbrieten sie Angst und Schrecken nicht nur unter Kurden. Wo Erdogans Milizen auftauchen, ist auch für religiöse Minderheiten wie Yeziden, Christen, Aleviten, Ismailiten, Drusen oder Juden kein Platz mehr.

Bundesaußenministers Heiko Maas hat sich trotz der afghanischen Katastrophe artig bei der türkischen Regierung bedankt. Obwohl die Türkei wie viele andere NATO-Staaten an der afghanischen Tragödie beteiligt und für das totale Scheitern dort mitverantwortlich ist. Obwohl sie sich den neuen Machthabern andient. Obwohl sie kurdische Siedlungen im Irak bombardiert und Oppositionelle bis nach Deutschland verfolgt.

Diese Haltung ist aber völlig fehl am Platz. Wenn Deutschland, wenn der Westen insgesamt aus Afghanistan lernen will, muss er einen neuen, kritischeren Umgang mit Erdogan und anderen Islamisten lernen. Ein Wegducken aus Angst vor neuen und alten Flüchtlingen macht alles nur noch schlimmer.

Der Autor ist Nahost-Experte der Gesellschaft für bedrohte Völker

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