Wenn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan einen seiner Wahlkampfauftritte in Deutschland absolvierte, ging er gerne nach Köln. Das mag in erster Linie mit der zentralen Lage der Stadt und den großen türkischen Bevölkerungsanteilen an Rhein und Ruhr zusammenhängen, doch ein weiterer Grund dürfte sein, dass in Köln das vielleicht wichtigste Einflussorgan des türkischen Staates seinen deutschen Hauptsitz hat: die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, auf Türkisch abgekürzt Ditib. Der Verband mit seinen rund 900 angeschlossenen Moscheevereinen und 1 200 hauptamtlichen Bediensteten hat seit Kurzem eine neue Spitze, doch die Erwartung, dass sich an der Politik der Ditib etwas ändert, ist gleich null.
Es ist schon die berufliche Vita des neuen Vorsitzenden Ramazan Ilikkan, die wenig Zweifel aufkommen lässt. Ilikkan war viele Jahre Beamter der türkischen Religionsbehörde Diyanet, der die Ditib untersteht, bis 2017 war er zudem Religionsattaché im türkischen Generalkonsulat in Düsseldorf. Parallel war Ilikkan in jenen Jahren bereits im Vorstand der Ditib, war als Imam tätig und weihte beispielsweise gerne Moscheen ein. Die Verzahnung zwischen Religion und dem türkischen Staat scheint in dieser Personalie geradezu Programm zu sein, es gibt nicht mal einen Anschein von Unabhängigkeit.
Kritiker warnen vor Zementierung einer Parallelgesellschaft
Erdogan hat es bei vielen Gelegenheiten betont: Ja, die türkischen Landsleute, die einst überwiegend über den Gastarbeiterstatus in die europäischen Länder kamen, sollen sich integrieren, aber nicht so, dass ihre türkisch-islamische Identität, ihre Kultur und Muttersprache darunter leiden – was am Ende auf eine bestenfalls formale Integration hinausläuft. In jedem Fall wird so nach Ansicht von Kritikern eine Parallelgesellschaft zementiert, in der man sich das Passende aus beiden Welten herauspickt, innerlich jedoch nicht wirklich in Deutschland ankommt. Schon der familiäre Druck sorge dafür, dass die erste Loyalität der Türkei gehört. Die Ditib ist für diese, zumeist nicht offen ausgesprochene Strategie, ein wichtiger Hebel.
Die Frauenrechtlerin, Moscheegründerin und frühere Rechtsanwältin Seyran Ates sieht im neuen Vorsitzenden denn auch nur eines: ein Zeichen, dass es bei der Ditib weitergeht wie bisher. „Er kann ja gar nicht anders arbeiten, denn dann müsste er sich gegen seinen Arbeitgeber wenden.“ Die heute 62-Jährige verließ bereits mit 17 ihre autoritär und traditionell orientierte Familie, in der für Frauen nur eine unterordnende Rolle vorgesehen war. Anders als andere, die sich freikämpften, brach sie jedoch nicht mit ihrem Glauben, lebt vielmehr in einer reformorientierten Berliner Moscheegemeinde eine liberale Auslegung des Islam. Wegen ihrer großen medialen Präsenz ist sie den offiziellen türkischen Religionsfunktionären ein Dorn im Auge. Sie wurde vielfach bedroht, Ziel von Anschlägen und lebt unter Polizeischutz. „Erdogan hat kein Interesse, dass sich die Türken integrieren, er befördert über das Instrument Ditib einen antiwestlichen, antiliberalen und konservativen Islam“, betont Ates.
Symbol dafür sei das allgegenwärtige Kopftuch. Zwar werde nicht offen aggressiv gegen liberale Muslime gearbeitet. „Aber hinter den Kulissen wird gehetzt.“ Der deutschen Politik wirft sie vor, teils aus Naivität, teils aus Ratlosigkeit, sich vor den Karren der Ditib spannen zu lassen, etwa wenn es um die Frage des islamischen Religionsunterrichtes geht. „Lieber keinen Partner als einen falschen“, sagt Ates.
Nach außen pragmatisch und kooperativ
In seinen offiziellen Darstellungen gibt sich der Verband kooperativ, pragmatisch und vermeidet konfrontative Signale. Vor Ort in den Städten wirken lokale Ditib-Repräsentanten oft gut integriert, sind wirtschaftlich erfolgreich, gut vernetzt und durchaus geachtete Ansprechpartner, mitunter sogar selbst Akteure in der Kommunalpolitik. Anders steht es mit den Imamen, den religiösen Leitern der Moscheegemeinden. In der Türkei ausgebildet und ohne vertiefte Kenntnisse nach Deutschland geschickt, gelten sie in besonderem Maße als Einflussbevollmächtigte des türkischen Staates. Die Doppelstrategie der Ditib wird hier deutlich. Es bleibt abzuwarten, ob die Zusage, Imame in ihrer Ausbildung stärker auf ihr Gastland vorzubereiten, etwas zu ändern vermag. Denn die grundsätzlichen Hierarchien sollen bestehen bleiben.
Unzweifelhaft hat es auch weniger strittige Zeiten gegeben. Als die Ditib 1984 gegründet wurde, verstand sich die Türkei noch als säkularer Staat in der Tradition des Gründers der Republik, Kemal Atatürk. Viele in der deutschen Politik waren froh, dass sich jemand um die sozialen und religiösen Belange der Türken kümmerte, von denen man damals noch vielfach dachte, dass sie Deutschland über kurz oder lang wieder verlassen. So überließ man Menschen bereitwillig der Ditib, die genau dies allenfalls als fernen Traum betrachteten, tatsächlich aber fast immer blieben.
Die Macht der Ditib und damit des türkischen Staates ist somit auch Ergebnis der langen deutschen Realitätsverweigerung zum Thema Migration.
Der politische Charakter des Verbands wurde mit einem Schlag deutlich, als 2016 rund ein Dutzend Imame in den Verdacht gerieten, nach dem damaligen Putsch in der Türkei Namen von Mitgliedern der sogenannten Gülen-Bewegung nach Ankara gemeldet zu haben. Die Anhänger des konservativen Predigers Fethullah Gülen, einst Verbündeter, dann Erzfeind Erdogans, wurden verdächtigt, Drahtzieher des Putsches zu sein. Nach Ermittlungen der deutschen Staatsanwaltschaft und der Vorbereitung einer Anklage wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeit wurden 13 beschuldigte Imame in die Türkei zurückberufen.
Die Bundesregierung reagiert zurückhaltend
Und Zufall oder nicht: „Nach einem Bericht, den die Deutsche Welle den politischen Kreisen in Berlin zuschreibt, gehörte zu den zurückgerufenen Imamen auch Ramazan Ilikkan, der Religionsattaché des türkischen Generalkonsulats in Düsseldorf, dem eine Rolle in dem Skandal nachgesagt wurde“, schrieb jüngst der im deutschen Exil lebende türkische Journalist Cem Dündar. Die Türkei wies dies zurück, erklärte vielmehr, es handele sich um eine normale, im diplomatischen Dienst übliche Abberufung. Ilikkan setzte seine Laufbahn bei der Religionsbehörde Diyanet fort, wurde dort Leiter der Abteilung für die Auslandstürken. Ein Zeichen wohl, dass man diesbezüglich noch einiges mit ihm vorhatte, was sich nun auch bewahrheitete.
In einem Interview mit dem türkischen Sender Diyanet TV im Jahr 2023 umschrieb Ramazan Ilikkan seine Religion und Staat verschmelzende Ideologie so: „Die Grundlage von Islamfeindlichkeit und Islamophobie ist wohl die Türkenfeindlichkeit.“ Das türkische Volk schwinge „das Banner des Islam“, wovon sich „einige Machtzentren und Kartelle“ gestört fühlten. Das klingt sehr nach einem Kampfauftrag, und nachdem sich die Wogen nach der Spionageaffäre geglättet hatten, stand nun einer Rückkehr nach Deutschland wohl nichts mehr im Wege. „Ankara scheint entweder zu glauben, dass Deutschlands institutionelles Gedächtnis schwach sei, oder schöpft aus dem Umstand Mut, dass Bundeskanzler Merz bei seinem jüngsten Besuch die repressiven Praktiken des türkischen Regimes offenkundig ignoriert hat“, so Cem Dündar.
Die Reaktion der Bundesregierung auf die Personalie blieb jedenfalls zurückhaltend. Auf Anfrage der „Welt“ erklärte der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesinnenministerium, Christoph de Vries (CDU), man betrachte „die weitreichende personelle und strukturelle Anbindung der Ditib kritisch“.
Ohne klaren Kurs gegenüber Ankara
Und: „Keine Bediensteten des türkischen Staates sollten einem Verein in Deutschland vorstehen, vor allem wenn dieser Verein den Anspruch vertritt, eine deutsche Religionsgemeinschaft zu sein“, betonte de Vries. Man werde dies „mit Nachdruck verfolgen“. Wenn es diesen Nachdruck gab, so blieb er folgenlos. Denn genau das, was der CDU-Politiker kritisiert, ist jetzt eingetreten. Die deutsche Politik hat erkennbar noch immer keinen Weg gefunden, Ankara in die Schranken zu weisen, ohne Türen vollends zuzuschlagen.
Es blieb dem islamkritischen früheren Bundestagsabgeordneten der Grünen, Volker Beck, vorbehalten, auf der Plattform X die Maximalposition in Bezug auf Ramazan Ilikkan zu formulieren: „Ich erwarte, dass ein Drahtzieher der Ditib-Spionage-Affäre zur unerwünschten Person erklärt wird.“ Mit deutschtürkischer Realpolitik hat das indes nichts zu tun.
Der Autor arbeitet als Journalist und lebt in Essen.
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