Beirut

Libanon: Im Sturzflug in Richtung Untergang

Der Libanon befindet sich im freien Fall: Korruption und Verantwortungslosigkeit prägen das Land.
Zerstörung im Libanon
Foto: IMAGO/Bilal Jawich (www.imago-images.de) | Im August brach ein Teil des Getreidesilos im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut zusammen.

Der Libanon trudelt weiter im Sturzflug in Richtung Untergang zu – weitestgehend unbeachtet vom Rest der Welt. Tausende Libanesen machen sich jeden Tag auf den Weg: Ein Land, das zwei Millionen Geflüchtete aufgenommen hat, flieht nun selbst  - und zwar Richtung Europa. Die Lage ist ausweglos: Bankenkrise, Stromkrise, Benzinkrise, Währungskrise, Hungerkrise und vieles mehr.

Das Geld kommt nicht bei den Bedürftigen an

Im April erregte das sogar kurz die Aufmerksamkeit der deutschen Entwicklungshilfeministerin: Svenja Schulze besuchte den Libanon für einen Tag – ein Zwischenstopp auf ihrer Reise nach Äthiopien. Im Vorbeigehen sagte sie weitere zehn Millionen Euro an Hilfsgeldern zu. Die europäische Antwort auf Probleme: Scheck ausstellen und weiter. Was genau mit dem Geld gemacht wird, wo genau es ankommt, ist meistens schon nicht mehr von Interesse. Sehr häufig geht es an die Regierung oder regierungsnahe Institutionen – und bei den Bedürftigen selbst kommt deswegen kaum etwas an.

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Die Millionen aus der EU zum Wiederaufbau Beiruts nach der Explosion im Hafen sind so ein Beispiel: Der Hafen ist nach wie vor kaputt und die Menschen, die ihre Häuser bei der Explosion verloren haben, sahen keinen Cent des Geldes. Wie lange dauert es, bis sich in den europäischen Entwicklungshilfeministerien die Erkenntnis manifestiert hat, dass im Libanon korrupte Warlords das Sagen haben, deren einziges Interesse der Erhalt der eigenen Macht ist?

Das Land braucht dringend Hilfe, aber Hilfsgelder dürfen keinesfalls an die Regierung ausbezahlt werden, sondern an NGOs, die direkt vor Ort arbeiten und Rechenschaft ablegen können und wollen. Manchmal ist es mit einem Scheck eben nicht getan, man muss bleiben, man muss sich kümmern und vor allem Verantwortung dafür übernehmen, dass die geleistete Hilfe auch wirklich ankommt, anstatt sich mit Lösungen zufrieden zu geben, die auf dem Papier gut aussehen und mittelfristig nur das eigene Gewissen beruhigen.


Die Autorin ist Vorstandsvorsitzende von Zeltschule e.V.

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