Lemberg

Lemberg in winterlicher Nacht

Nicht nur die besetzten Gebiete und die Frontabschnitte leiden unter Versorgungsengpässen. Auch in Lemberg kämpfen die Menschen mit vielen Herausforderungen des Alltags.
Kerzenschein, aber ohne jede Romantik
Foto: Mykola Tys (SOPA Images via ZUMA Press Wire) | Kerzenschein, aber ohne jede Romantik: Menschen sitzen nach einem der häufigen Stromausfälle in einem Kaffeehaus in Lemberg (Lviv).

Im Winter wird es schnell dunkel. Die Sonne hat man seit Wochen nicht gesehen, als hätte sie sich vor russischen Raketen versteckt. Spätestens um vier Uhr nachmittags braucht man Licht in der Wohnung, wenn man lesen oder arbeiten will. Gegen halb sechs würde auch draußen eine Straßenbeleuchtung nicht schaden. Sie wird aber später eingeschaltet – man versucht, Strom zu sparen. Auch sonst sind nicht wie in friedlichen Zeiten alle Laternen an, aber wenn jede zweite leuchtet, kann man ganz gut sehen. Wenn alles normal läuft.

Seit dem russischen Raketenangriff am 23. November auf die ukrainischen Kraft- und Umspannwerke läuft es aber nicht normal. Heute am frühen Abend laufe ich aus der Stadt nach Hause zurück. Es ist bloß Routine: Ein paar Bücher kaufen, etwas Essen und in einer Apotheke vorbeischauen. Es ist kurz nach sechs, die Straßenlaternen sind jetzt an. Die Schaufenster im Stadtzentrum laden zum Einkaufen ein. Die Cafés locken mit leckeren Kuchen und Kaffeegeruch. In der Buchhandlung ist es warm und gemütlich, ich lasse mir Zeit, ziehe die Jacke aus. In einer Ecke gibt es eine kleine Kaffeebar, an den Tischchen sitzen junge Leute, lesen in den Büchern, arbeiten an ihren Notebooks, laden an den Steckdosen ihre Smartphones auf. Es gibt kaum freie Plätze. Ich blättere in einigen Büchern, lege sie zur Seite, schaue mich noch einmal um. Immer noch keine freien Plätze. Es wäre schöner, bei einer Tasse Kaffee in einem Buch zu lesen, aber eigentlich weiß ich, was ich brauche. Also kaufe ich drei Bücher und gehe hinaus. Es ist nicht wirklich warm. Null Grad oder so. Irgendwo in der Ferne höre ich ein leises Rattern. Ein Generator läuft. Also gibt es dort kein Licht.

Vier Stunden mit Strom, vier Stunden ohne

Inzwischen ist es ein typisches Geräusch. Vor allem Geschäfte versuchen auf diese Weise zu arbeiten. Ich laufe weiter, überquere eine breite, in dieser Zeit spärlich beleuchtete Straße. Die Straßenbahn fährt, es ist ein gutes Zeichen der Normalität. Noch ein paar Meter – plötzlich finde ich mich im Dunkel ein. Irgendwo rechts von mir gibt es in einiger Entfernung eine schwache Lichtquelle. Auch von da hört man ein Rattern. Es ist wie ein Spiel von Licht und Schatten.

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Vier Stunden mit Strom, vier Stunden ohne Strom. Notfalls auch weitere vier Stunden. Dann wiederholt sich der Zyklus. Das Leben geht in einem Vier-Stunden-Rhythmus weiter. Zumindest im Hinterland. Manche Haushalte sitzen bis zu 16 Stunden am Tag ohne Strom. Und das heißt in der Regel ohne Heizung und warmes Wasser. Es gibt sogar einen Zeitplan für verschiedene Stadtteile, auf der Webseite des Elektrizitätsversorgers kann man nachschauen.

„Trotzdem ist es unglaublich schwierig, den Unterricht zu planen“, sagt Halyna, eine alte Bekannte, die in einer privaten Sprachschule Englisch unterrichtet. „Wenn die Stromversorgung ausfällt, muss man halt improvisieren. Da sitzen wir mit Kindern an einem Tisch, zwei akkubetriebene LED-Leuchten spenden genug Licht.“ Mit Erwachsenengruppen arbeitet man in der Regel online. „Da wird es schon immer ein paar Leute geben, die gerade keinen Strom haben.“ Und das mobile Internet funktioniert bei Stromausfällen auch nur begrenzt und unzuverlässig.

"So kann es nicht weitergehen"

Die Häusersilhouetten  um mich herum ragen schwarz in den Himmel. Nur hier und da sieht man im Fenster ein schwaches Licht. Eine Kerze oder eine Taschenlampe. Akkubetriebene Lampen sind längst ausverkauft. Ganz dunkel ist es aber trotzdem nicht. Die Scheinwerfer der Autos beleuchten zumindest zum Teil den Gehsteig. Der Verkehr stockt, die Autos bewegen sich kaum vorwärts. Weiter vorne ist eine verkehrsintensive Kreuzung, und die Ampel funktioniert ohne Strom auch nicht. In der kleinen Grünanlage, die ich nun durchquere, ist es stockdunkel. Eine Frau vor mir beleuchtet den Weg mit ihrem Smartphone. Ich würde gerne hinterherlaufen, weil der Akku in meinem Handy in der Kälte den Geist aufgeben kann. Das würde aber seltsam aussehen. Ich spreche sie an und erkläre die Situation. Wir laufen ein Stück zusammen. Sie ist Zahnärztin.

Es ist nicht einfach, in diesen Zeiten eine Zahnarztpraxis zu betreiben. Seit Jahren sind wir mit der Familie einer Zahnärztin befreundet. „Du hast die Wahl – entweder die Praxis zu schließen oder eine Notstromversorgung zu organisieren. Sonst kannst du nicht immer wieder den Patienten absagen“, sagt Irena. Mein Termin in einer anderen Praxis ist zweimal verschoben worden. Gut, dass es sich nur um eine Zahnhygiene handelte. Die Krankenhäuser haben Notstromgeneratoren, die Zahnärzte in der Regel keine. Das Schlimmste ist, wenn der Patient im Sessel sitzt und in diesem Moment der Strom ausfällt. Das ist Irena schon passiert. Sie hat es irgendwie geschafft, eine Notfüllung zusammenzubasteln. Am nächsten Tag musste der Mann nachbehandelt werden. „So kann es nun wirklich nicht weitergehen“, sagt sie. Ein Generator kommt für die kleine Frau nicht infrage. Den muss man jeden Tag hin und her schleppen – morgens auf der Straße aufstellen, abends zurück in die Praxis stemmen. Wer soll das machen? Irena hat sich für eine PowerStation entschieden, eine Art großer Akku, der einige Stunden Strom spendet und dann, wenn es wieder Strom gibt, an der Steckdose aufgeladen wird. Keine billige Lösung. „Eigentlich ist es eine Investition, die sich nie rentiert, aber so behalte ich meine Patienten. Sonst würden sie weglaufen.“

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Die PowerStations sind in der Ukraine seit Wochen ausverkauft. Die Händler in Polen und Deutschland sagen, dass die Hersteller sie teilweise nicht mehr beliefern und die Geräte direkt in die Ukraine verkaufen. Schließlich ist es Irena gelungen, eine PowerStation in den Niederlanden aufzutreiben. In die Ukraine liefert der Händler nicht, also muss das Gerät zunächst zu ihren Freunden nach Polen. Dann muss man schauen, wie es über die Grenze kommt. Eigentlich darf nun alles, was mit der Stromerzeugung zu tun hat, ohne Mehrwertsteuer eingeführt werden. Nur ausgerechnet die PowerStations nicht.

Wenn jemand duscht, läuft der Haartrockner nicht

Inzwischen laufe ich an einer Sporthalle vorbei. Auch da ist es dunkel, ein paar Männer und Frauen kommen raus. Ein Bekannter sagt mir, wenn dort der Strom ausfällt, fließt kein Wasser mehr aus der Dusche. Und wenn jemand geduscht hat, läuft der Haartrockner nicht. Verglichen mit den Zahnarztpraxen klingt das nach einem Luxusproblem. Einmal um die Ecke, da ist schon die Apotheke. Auch in dieser Straße gibt es kein Licht, die Apotheke hat aber einen Generator. Aus dem Hinterhof hört man ein Rattern, drinnen riecht es leicht nach Diesel. Ich kaufe Hustenbonbons und Vitamine und gehe schnell raus.

Das Lebensmittelgeschäft ist nebenan. Hier kaufen wir oft ein. Es ist ein kleiner Laden, aber es gibt alles, was man braucht. Milch und Käse, Obst und Gemüse, Pasta und Olivenöl, Wurst und Mineralwasser, Konservendosen und Kaffee. Aber keinen Generator. Also hilft man sich mit einer Akku-Leuchte aus. Es gibt nur zwei Probleme: ohne Strom funktioniert die Ladenkasse nicht und man kann nicht mit Karte bezahlen. Ausgerechnet heute habe ich nicht genug Bargeld. Der Geldautomat ist nur ein paar Schritte weiter, aber auch er ist ohne Strom tot. In einem Supermarkt wäre man verloren, hier nicht. Die Verkäuferin kalkuliert die Beträge auf ihrem Taschenrechner. Ich überlege, was ich zurücklassen soll und wofür meine Scheine reichen. Da sagt die Frau, dass ich ruhig alles nehmen könne, was ich brauche. Den fehlenden Betrag soll ich bei nächster Gelegenheit mitbringen. Man kennt sich ja. Nur noch einen kleinen Hügel hoch, danach ein paar Treppenstufen. Als ich in unsere Straße abbiege, gibt es wieder Licht. Auch hier ist die Straßenbeleuchtung spärlich, aber es gibt eine.

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Juri Durkot

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