Leitartikel

Riad setzt auf Konfrontation

Von Oliver Maksan
"Riad setzt auf Konfrontation" von Oliver Maksan
Foto: DT | Oliver Maksan.

Es sind zutiefst beunruhigende Entwicklungen, die derzeit am Golf stattfinden. Dass Saudi-Arabien am Wochenende die diplomatischen Beziehungen zum Iran abgebrochen hat, ist keine konsularische Kleinigkeit. Die machtpolitischen und religiösen Gegensätze der beiden Vormächte des sunnitischen und schiitischen Lagers prallen vor aller Welt so laut aufeinander, wie man es trotz der bekannten jahrelangen Spannungen und teilweise schrillen Rhetorik nicht erwartet hätte. Nach der Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr durch die Saudis sprach Irans Revolutionsführer Khamenei von der Rache Gottes, die sie ereilen werde. Radikale Schiiten stürmten die saudische Botschaft in Teheran. Fassweise wird so von beiden Seiten Öl in das lodernde konfessionelle Feuer gegossen, das die Region zerfrisst. Doch genau dies dürfte das Kalkül König Salmans und seines die Linie bestimmenden Sohnes, Vize-Kronprinzen und Verteidigungsministers Mohammed gewesen sein.

Wie schon unlängst mit der Ausrufung einer sunnitischen Koalition gegen den IS spielt das Regime einmal mehr die konfessionelle Karte, um den Iran zu bekämpfen. Die Führung in Riad steht zudem massiv unter dem Druck der radikalen Elemente im eigenen Land, die dem IS mit Sympathie gegenüberstehen. Die überwiegende Mehrzahl der jetzt in der größten Massenhinrichtung seit 1979 Exekutierten waren radikale Sunniten. Dass IS-Kalif Baghdadi kürzlich das saudische Volk zum Aufstand gegen die Prinzenclique aufgerufen hat, verstärkt die Nervosität im Hause Saud. Und Glaubwürdigkeit, wenigstens aber der Eindruck der Ausgewogenheit in radikal-sunnitischen Kreisen, lässt sich kaum besser als durch anti-schiitische Politik erreichen. Hinzu kommt die Unzufriedenheit in der saudischen Bevölkerung angesichts des riesigen Haushaltsdefizits, das der anhaltend niedrige Ölpreis verursacht. Dass Riad durch seine gegen den Iran wie die nordamerikanische Frackingförderung gerichtete Überproduktion daran maßgeblich Schuld trägt, ändert nichts an der Empörung im durch Petrodollars verwöhnten Volk über den jetzt nötigen Sparkurs. Möglicherweise hoffen König und Prinz, durch die anti-iranische Politik die Reihen zu schließen.

Doch sind die derzeitigen Spannungen nicht bloß innenpolitisch motivierter Theaterdonner. Mit der Hinrichtung des schiitischen Klerikers und dem Abbruch der Beziehungen warf Riad Teheran den Fehdehandschuh hin. Die Saudis setzen auf Konfrontation. Das ist verheerend für die Region, denn ohne einen Ausgleich zwischen Riad und Teheran kann es keine Befriedung Syriens geben, keinen Frieden im Jemen, keine Annäherung im Irak und ist die ohnehin fragile Stabilität des Libanon ernstlich gefährdet. Dass die Eskalation kurz vor den verhaltenen Optimismus inspirierenden Syriengesprächen der Vereinten Nationen stattfindet, die Ende Januar beginnen sollen, dürfte kein Zufall sein.

In Washington und Europas Hauptstädten muss man einsehen, dass Riad regionalpolitisch zunehmend Teil der Probleme in der Region ist, als dass es Teil der Lösung wäre. Eine Neubewertung des Bündnisses mit dem wahabitischen Regime ist dringend nötig, will sich Riad nicht von seinem Kurs abbringen lassen.

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