Leitartikel: Rendezvous mit der Realität

Die große Zeit der Sozialdemokratie ist vorbei. Trotzdem hat die SPD eine Chance. Sie muss sich wieder um die Arbeiter kümmern. Von Sebastian Sasse
Hat die SPD eine Zukunft?
Foto: Wolfgang Kumm (dpa) | Es scheint insgesamt die Zeit der Sozialdemokratie abgelaufen zu sein – man schaue etwa nach Österreich, wo die SPÖ trotz Kurz-Krise vor sich hindümpelt.

Man kennt diese Klage: Was war es doch schön als es noch den kleinen Tante-Emma-Laden um die Ecke gab ... Wir vermissen ihn ganz schrecklich. – Diejenigen, die in dieser Weise über die gute alte Zeit schwärmen, lassen gerne eine wichtige Information aus: Sie haben nie in dem Laden gekauft. Die SPD ist mittlerweile zum Tante-Emma-Laden der deutschen Politik geworden. Irgendwie will man nicht, dass sie untergeht, sie weckt nostalgische Gefühle, aber es wählt sie trotzdem niemand. Nicht nur die deutschen Sozis befinden sich in einer Krise.

Die Sozialdemokraten sind Opfer ihres eigenen Erfolges.

Es scheint insgesamt die Zeit der Sozialdemokratie abgelaufen zu sein – man schaue etwa nach Österreich, wo die SPÖ trotz Kurz-Krise vor sich hindümpelt.

Die Sozialdemokraten sind Opfer ihres eigenen Erfolges. Ihre goldene Zeit waren die 70er Jahre, wo sie mit Willy Brandt, Bruno Kreisky und Olof Palme europaweit für damals positiv besetzte Begriffe einstanden: Reform und Liberalisierung der Gesellschaft. Das machte sie damals auch für bürgerliche Wähler attraktiv. Ein zentraler Programmpunkt für ihr Kernklientel: Das Versprechen, durch Bildung sozial aufzusteigen. Sie haben das Versprechen gehalten. So haben die Kinder der Arbeiter Abitur gemacht, haben studiert und sind Akademiker geworden. Und heute wählen sie grün. Sie sitzen in den Lehrerkollegien und in der Verwaltung, verdienen gut, schauen mit Wohlwollen auf ihre Kinder (oder manchmal sind es wohl auch schon Enkel), die freitags gegen den Klimawandel demonstrieren.

"Das Problem der SPD: Sie hängt
immer noch an diesen Kindern der
sozialdemokratischen Reform-Ära und hofft,
sie von den Grünen zurückzugewinnen"

Das Problem der SPD: Sie hängt immer noch an diesen Kindern der sozialdemokratischen Reform-Ära und hofft, sie von den Grünen zurückzugewinnen. Dabei vergisst man: Dieses Milieu mag zwar ein linkes Lebensgefühl pflegen, aber es hat kein Gefühl für die Lebenswirklichkeit in einem Industriebetrieb. Die SPD muss den Bruch mit diesen White collar-Typen wagen, die vom Schreibtisch aus die Welt verbessern wollen. Sie muss zurück an die Werkbank, ans Fließband, dahin, wo gearbeitet wird. Sie wird auf Männer treffen, die verheiratet sind, Kinder haben, fleißig sind und darauf bauen, dass ihre Leistung gerecht entlohnt wird. Sie werden auf Frauen treffen, die nicht deswegen im Supermarkt an der Kasse arbeiten, weil sie sich selbst verwirklichen wollen, sondern weil anders das Familienauto nicht finanzierbar wäre.

Und sie werden von Kindern hören, die Sorge haben, sich in bestimmte Ecken ihres Viertels zu begeben, weil sie befürchten müssen, von irgendwelchen Rowdies verprügelt zu werden. Diese Leute, früher einmal Stammwähler der SPD, sorgen dafür, dass unser Land funktioniert. Sie sind die viel beschworene Mitte. Nur um sie kümmert sich niemand. Die SPD braucht ein Rendezvous mit der Realität und den Mut, sich von dem theoretischen und ideologischen Ballast zu trennen, der bei linken Akademikern Punkte bringen mag, aber keine Stimmen bei Wahlen. Sozis, traut euch echte Sozis zu sein. Dann habt ihr noch eine Chance. Ansonsten gibt es noch zwei andere Optionen: Tretet direkt bei den Grünen ein oder stellt euch ins Museum.

Bei der Vorsitzenden-Frage kommt es auf die Mischung

Und zur Vorsitzenden-Frage: Es kommt auf die Mischung an. Frech wie Kevin Kühnert und gleichzeitig so verantwortungsbewusst wie Friedrich Ebert, der vor genau 100 Jahren Deutschland vor dem Chaos gerettet hat. Irgendein gestandener Betriebsrat muss sich doch finden lassen.

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