Leitartikel: Pauschalisieren, relativieren

Von Oliver Maksan
LEITARTIKEL : Identität als neue soziale Frage

„Islamischer Staat“ und Unterfranken: Das hat man bislang nicht in einem Atemzug genannt. Seit Montagnacht ist das anders. Der islamistische Terror hat Deutschland erreicht. Die Kanzlerin schickt derweil nur ihren Sprecher und Flüchtlingsbeauftragten vor. Offenbar will man dem Blutbad im Regionalzug nicht zu viel Aufmerksamkeit geben. Das aber wäre ein Fehler. Es war bislang eine Frage an unsere Moral, wie wir Flüchtlingen in Not helfen. Spätestens nach Würzburg aber stellt sich mit ihr die Frage nach der öffentlichen Sicherheit. Auf beide müssen Politik und Gesellschaft eine Antwort finden.

Gott sei Dank wurde Deutschland jetzt nicht durch eine Attacke der Ausmaße von Nizza getroffen. Doch die Bluttat des 17-jährigen Afghanen fügt sich ein in eine immer länger werdende Kette islamistisch motivierter Gewalttaten in der westlichen Welt. Sie durch Hinweise auf die Psychologie oder das zarte Alter des Täters zu relativieren, läuft aber ins Leere und verkennt den Ernst der Lage. Natürlich muss ein Täter, der mit dem Verlust seines Lebens rechnen muss, psychisch entsprechend disponiert sein. Doch hinreichend ist eine Tat durch den Verweis auf Trauma oder Entwurzelung noch nicht erklärt. Hier müssen, wie der Islam-Experte Ahmad Mansour meint, die tieferliegenden kulturellen und religiösen Muster mitbedacht werden, die auch eine junge Persönlichkeit prägen und im Krisenfall schnell aktiviert werden können. Wer die Welt in Gläubige und Ungläubige einteilt und Moslems prinzipiell als Opfer des Westens sieht, ist auf dem Weg hin zum dschihadistischen Attentat jedenfalls einen entscheidenden Schritt vorangekommen.

Der gesellschaftliche Umgang mit dem Anschlag zeigt derweil wieder eine sehr deutsche Debatte. Während die einen jetzt Generalverdächtigungen gegen alle Moslems ausstoßen, vor allem die, die mit der Flüchtlingswelle ins Land kamen, beschwichtigen die Anderen und sprechen von einem letztlich nur psychologisch zu erklärenden Einzelfall. Mehr Jugendhilfe soll es richten. Und wenn überhaupt, dann muss sich die Polizei, die den Täter erschoss, Fragen gefallen lassen. Weder Relativierung noch Pauschalisierung aber helfen jetzt weiter. Eine adäquate Antwort wird nur zwischen diesen beiden Polen zu finden sein – wenn überhaupt. Denn selbst bei besser ertüchtigten Sicherheitsdiensten sind der Prävention Grenzen gesetzt. Axt und Messer werden schließlich auch künftig im freien Handel erhältlich sein.

Fatalistisch zurücklehnen kann man sich nach Würzburg indes nicht. Mit der auch in diesem Jahr weitergehenden Zunahme der Einwanderung steigt auch die Zahl junger Männer, die zu einem Opfer islamistischer Radikalisierung werden können. Denn die Frustration in einem sozial wie wirtschaftlich so komplexen und hochentwickelten Land wie Deutschland wird eher die Regel denn die Ausnahme sein. Die von Schleppern und über soziale Netzwerke aufgebauschten Träume vom guten Leben werden in den meisten Fällen an der Sozialhilfe-Wirklichkeit zerplatzen. Mangelnde Bildung und kulturelle Fremdheit bleiben ein Integrationshindernis ersten Ranges. Salafisten und Dschihadisten können sich die Hände reiben. Es ist uns allen zu wünschen, dass im Wettlauf um die Seelen der jungen Männer des Islam die gemäßigten Moscheen vorn liegen.

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