Leitartikel: Lernen wir aus der Geschichte?

Es kennzeichnet den Menschen als Kulturwesen, dass er aus der Geschichte der ganzen Menschheit lernen kann. Er tut es nur leider so selten. Von Stephan Baier
Stephan Baier ist Redakteur der "Tagespost"

2018 ist ein Jahr voll denkwürdiger Jahrestage. Wenn wir rekapitulieren, was vor 400, vor 100, vor 50 oder 40 Jahren geschah, verschlägt es uns den Atem. Was aber lernen wir aus dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges, aus dem Ende des Ersten Weltkriegs, aus dem Prager Frühling oder dem Drei-Päpste-Jahr? Lernen wir überhaupt aus der Geschichte?

Es unterscheidet den Menschen vom Tier, dass er nicht nur von den Eltern lernt, und dass er Wissen und Erfahrung nicht nur an die Kinder weitergibt. Als Kulturwesen reicht der Mensch – durch das geschriebene Wort wie durch die Kunst – Geistesertrag durch die Jahrhunderte weiter. Wer nicht aus der Geschichte lernt, muss alle schlechten Erfahrungen und Fehler selber machen. Mehr noch: Erst wenn wir aus der Geschichte lernen, ist sie mehr als Vergangenheit, nämlich geschichtete Zeit, die wir – Schicht um Schicht – sichten und studieren.

Aus der Geschichte kann aber nur lernen, wer lernen will. Das setzt die Erkenntnis voraus, dass nicht irrelevant oder „überholt“ ist, was Menschen vor uns dachten und erfuhren. Gefordert ist der Wille zum Zuhören, Verstehen und Nachdenken, die Bereitschaft, die Moden und die Tabus von heute zu hinterfragen, der Respekt vor dem Geist früherer Zeiten und vor dem „vormodernen“ Menschen. Das wieder setzt eine anti-relativistische Option voraus: das Interesse an dem bleibend Gültigen, an Ideen und Idealen, die nicht bloß zeitbedingt sind.

Die Kirche ist (nicht nur, aber auch) Erinnerungsgemeinschaft. Sie feiert, was vor zwei Jahrtausenden geschah und setzt das Heilshandeln Gottes sakramental gegenwärtig. Ein geschichtsloses Christentum wäre ein Widerspruch in sich: eine blasse Philosophie, die ihre bleibende Mitte rasch aus den Augen verlöre. Die Verehrung der Apostel und Märtyrer, die Anrufung der Heiligen, das Studium der Bibel und die Apostolische Sukzession – all das erinnert unaufhörlich an die Geschichtlichkeit des Christentums. Das ist kein Zufall: Profangeschichte ist eingebettet in Heilsgeschichte, weil Gott Ursprung und Ziel der Geschichte ist. Christen wissen, dass Gott nicht in unerreichbarer Transzendenz verharren wollte, sondern sich auf die Geschichte seiner Schöpfung eingelassen hat: durch die Berufung von Propheten und Zeugen, in verdichteter Weise in der Menschwerdung. Konkret wie das Kreuz ist die Kreuznachfolge: Christen können nicht ins Nirwana von Identitätsaufgabe durch Weltverzicht verschwinden, sondern übernehmen Zeugenschaft, wohin sie gestellt sind.

Weil das Christentum wesenhaft inkarnatorisch ist, prägte und formte es Philosophie, Identitätsbewusstsein, Kunst, Literatur, Brauchtum – ja, Profangeschichte. Weil es Europa nicht nur marginal, sondern wesentlich geprägt hat, sind unser Ehe- und Familienbegriff, unser Staats- und Rechtsverständnis, unser Menschen- und Gesellschaftsbild Früchte von jenem Baum, der im Humus des Evangeliums wurzelt. Doch die unbestreitbare Tatsache, dass all dies heute erodiert, in Frage gestellt und verworfen, der willkürlichen Umdeutung und dem Hohn der Ahnungslosen ausgeliefert wird, macht unsere Frage nur umso brisanter: Lernen wir aus der Geschichte?

Die Erfahrung sagt: Es ist möglich, aber nicht zwingend. Es ist sinnvoll, aber leider selten. Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann meinte skeptisch, aber nicht grundlos: „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“

 
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