Leitartikel

Die Union zwischen den Stühlen

Ökonomie und Ökologie zu versöhnen wird die eine Jahrhundertaufgabe sein. Das Verhältnis von identitätsstiftendem Nationalstaat und transnationaler Kooperation die andere. Von Oliver Maksan
Dipl. Theol. Oliver Maksan
Foto: Unbekannt

Einmal mehr wurde der Wahltag zum Trauertag für die ehemaligen Volksparteien. Die SPD scheint sich aus der Geschichte zu verabschieden. Die CDU will gerne noch bleiben und blickt umso schreckstarrer auf den Erfolg der Grünen. Dabei hat sich rechts von ihr auch die AfD endgültig etabliert, wenn bundesweit diesmal nur mit mittelmäßigem Ergebnis, in Sachsen und Brandenburg aber immerhin an der Spitze. Die CDU macht die Grünen dabei als den gefährlicheren Gegner aus. Angesichts der kulturellen, von weiten Teilen der Medien nach Kräften geförderten Hegemonie der Grünen und weil sie mehr Machtoptionen haben – Jamaika oder Grün-Rot-Rot – ist das aus Parteisicht verständlich.

Während rechts die Migrationsfrage die neue soziale Frage ist, entscheidet die ökologische Frage links der Mitte Wahlen. Erfolgsrezept der Grünen ist dabei, ihre Wähler in wohliger Moralität zu wiegen und sie über die Kosten und individuellen Freiheitsverluste im Unklaren zu lassen, die ein auf radikale CO2-Minimierung zielender Umbau der Wirtschaft nach sich zieht.

Dass die Union zwischen den Stühlen sitzt, hat mit Versäumnissen zu tun, die sich schon lange angekündigt haben. Denn dass der deutsche Nachkriegskonservatismus der Union sich erst spät ein ökologisches Feigenblatt umgehängt hat, ist evident. Eine konsistente Idee, wie Ökologie und Marktwirtschaft zu versöhnen seien, hat die Union dabei nicht gefunden. Das ist auch nicht leicht unter den Bedingungen einer wachstumsorientierten Wirtschaft. Deren unersättlicher Ressourcenverbrauch liegt notwendigerweise im Konflikt mit ressourcenschonendem Wirtschaften. Ökologie war indes, ehe sich die Linke des Themas bemächtigte, ideengeschichtlich durchaus im Konservatismus zuhause und noch in der Zwischenkriegszeit Signum konservativen Denkens. Ludwig Klages wäre da zu nennen, auch die Technikkritik Ernst und Friedrich Georg Jüngers. Die Union setzte derweil in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren auf freie Fahrt für freie Bürger, Atomkraft und Wirtschaftswachstum. Ein konservativer Ökologe wie Herbert Gruhl wurde so aus der Union hinausgetrieben. In der jungen grünen Bewegung wiederum übernahm die Linke das Ruder und verdrängte den Mann erneut. Der konservativer Denker und Katholik Robert Spaemann war bis zu seinem Tod der Beweis, dass wachstumsskeptische Ökologie nicht mit linkem Weltbild verschwistert sein muss.

Rechts der Mitte hat die Union ebenfalls viel Raum gelassen. Kohl war Kanzler der Deutschen Einheit und Einiger Europas. In seiner Person vermochte er die Spannung von Nation und europäischer Einigung glaubwürdig zu versöhnen. Sein persönlicher Patriotismus überdauerte seine Amtszeit indes nicht. Unter Angela Merkel zog ein technokratisches Weltbild ein. Spätestens mit der Migrationskrise wurde der Nationalstaat auch seitens der Unionsführung zum Auslaufmodell erklärt. Die Union kann heute für diejenigen, die in Deutschland nicht nur eine gut zu verwaltende Wirtschafts- und Siedlungszone sehen, kein überzeugendes Angebot machen.

Ökonomie und Ökologie zu versöhnen wird die eine Jahrhundertaufgabe sein. Das rechte Verhältnis von identitätsstiftendem Nationalstaat und transnationaler Kooperation zu finden die andere. Wer heute Volkspartei sein will, muss auf beide Fragen eine Antwort finden und sich zügig entsprechende Flügel wachsen lassen.

 
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