Leitartikel: Alles Sollen gründet im Sein

Von Stefan Rehder
Stefan Rehder
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„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, heißt es in den „Minima Moralia“ von Theodor Adorno. So gesehen braucht es gar nicht wundern, dass heute – rund 70 Jahre nach dem Ende der Terror- und Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten – die Idee der Menschenwürde ebenso wie der ihr eigene Absolutheitsanspruch manchen brüchig geworden, in Teilen in Vergessenheit geraten sind oder eben schlicht nicht jedem einleuchten. Besichtigt werden kann das nicht mehr nur auf den Feldern der Bioethik und des Lebensschutzes, sondern in ähnlicher Weise heute auch auf dem der Flüchtlingspolitik – oder genauer, auf dem, was manche dafür halten. Was allerdings die Frage noch nicht beantwortet, warum das Leben von Menschen – das unschuldige und wehrlose im Mutterleib, das schwache in Alter und Krankheit, das von Terror, Folter und Tod bedrohte – vielerorts so wenig Achtung, Schutz, Rücksichtnahme und Anteilnahme erfährt? Die ehrlichste und zugleich erschütterndste Antwort lautet, weil wir auch mehr als 2 000 Jahre nach Christi Geburt einander immer noch nicht mit dem Augen Gottes ansehen. Dabei könnten wir längst wissen, wie Gott uns anschaut. Nämlich als Personen. Zwar heißt es in Röm 2,11 dem Wortlaut nach: „Denn bei Gott ist kein Ansehen der Person“ (Vulgata) oder gemäß der Einheitsübersetzung „denn Gott richtet ohne Ansehen der Person“. Gemeint ist in beiden Fällen jedoch das genaue Gegenteil: Gott, so müsste man angesichts dessen, was Person heute meint, formulieren, schaut eben nur auf die Person, in welcher er sein Ebenbild erblickt und eben nicht auf das, wonach Menschen einander für gewöhnlich zu differenzieren pflegen: nationale Zugehörigkeit, sozialer Status, Geschlecht, Aussehen, Fähigkeiten, et cetera.

In einem säkularen, weltanschaulich neutralen Staat, für den es seit dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) zwar gute Gründe gibt, der bei Licht betrachtet jedoch immer auch eine – zumindest bruchstückhafte – Fiktion bleibt, ist damit freilich niemandem hinreichend gedient. Weshalb die Gottesebenbildlichkeit des Menschen in den öffentlichen Diskursen auch kaum als Begründung für die von allen in gleicher Weise zu achtende Würde des Menschen herangezogen werden kann. Muss also, wie einige meinen, auf eine solche Konzeption verzichtet werden?

Nein, muss man nicht. Denn dass dem Menschen als „animal rationale“ eine besondere Stellung im Kosmos zukommt, ist keine Erfindung von Christen, sondern eine Einsicht, zu der schon Aristoteles fand. Als vernunftbegabtes Wesen hat der Mensch prinzipiell Zugang zu der Erkenntnis der Ordnung der ihn umgebenden Welt und seines Standes darin. Die Natur – auch die des Menschen – ist eben keineswegs stumm und „alles Sollen gründet“, wie Josef Pieper es – David Hume gewissermaßen zum Trotz – formulierte, eben doch „im Sein“. „Das Gute“ – auch das ein Satz von Pieper – „ist das Wirklichkeitsgemäße“ und keineswegs etwas, auf das sich Menschen in Diskursen verständigen könnten. Zumindest nicht in einer Weise, die dieses erst hervorbrächte. So ist denn auch das Bestehen auf der Menschenwürde keine eigenmächtige Setzung, mit der Menschen einem „Speziesismus“ frönten. Es ist die schlichte Anerkennung einer Tatsache.

 
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