Berlin

Lebensrechtlerin Linder: „Wir haben viel zu tun"

Der Bundesverband Lebensrecht besteht nun seit 20 Jahren. Die Vorsitzende des Verbandes, Alexandra Linder im Gespräch über bisherige Errungenschaften, weitere Ziele und den Stellenwert des Lebensschutzes in der Gesellschaft.
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Foto: Paul Zinken (dpa) | "Wir haben mit verhindert, dass Abtreibung als Frauenrecht legalisiert worden ist": Alexandra Linder im Gespräch mit der Tagespost.

Frau Linder, der Bundesverband Lebensrecht (BVL) wurde gestern 20 Jahre alt: Was war der Gründungsgedanke des Verbandes und was ist der Vorteil von einem solchen Dachverband?

Eine Art Dachverband gab es schon früher. Der „Kölner Kontaktkreis“ wurde 1988 gegründet, für gemeinsame Aktionen und Planungen. Die Gründung des BVL 2001 in Berlin erfolgte vor allem für die Durchführung des Marsches für das Leben. Und nach der Wiedervereinigung war ein Sitz an der politischen Schaltstelle wichtig; natürlich kümmert sich der BVL auch um Dachverbandsaufgaben wie Koordination, Zusammenarbeit und weiteres.

Was sind die wichtigsten Aktivitäten des Bundesverbandes?

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Der Marsch für das Leben findet jährlich statt. Darin steckt immer sehr viel Arbeit. Dazu veranstalten wir zwei Fachtagungen pro Jahr, eine davon immer in der „Woche für das Leben“ am Eröffnungsort und mit dem entsprechenden Thema – dieses Jahr steht der assistierte Suizid im Mittelpunkt.

Zur zweiten Fachtagung laden wir am Vorabend des Marsches ein, hier geht es um weitere wichtige Themen aus der sogenannten Bioethik. Außerdem bauen wir den Kontakt zu politischen und gesellschaftlichen Gremien weiter aus. Wir recherchieren und liefern unter anderem Zahlen, Fakten und Argumente.
Wir erhalten viele Einladungen zu Diskussionen und Vorträgen. In den Räumlichkeiten, die wir vor einem Jahr beziehen konnten, haben wir mit einer Bibliothek und einem Seminarraum noch mehr Möglichkeiten, die wir entsprechend nutzen werden. Zusammen mit weiteren Plänen werden wir immer mehr zu einer zentralen Anlaufstelle für bioethische Themen.

Was hat sich seit der Gründung des BVL verändert? Können Sie Beispiele nennen, wo Sie heute sagen würden, das war eine große Errungenschaft, hier haben wir einen Durchbruch erreicht?

Das ist eine schöne Frage, deren Antwort vom Thema abhängt. Bei Abtreibung, was ja das Ursprungsthema aller Lebensrechtsorganisationen in Deutschland ist und eines der wichtigsten Themen bleibt, haben wir viele Tausende von Kindern und Müttern vor Abtreibung bewahren können. Wir haben bisher mit verhindert, dass Abtreibung als Frauenrecht, unter Negierung anderer Menschenrechte, legalisiert wurde, mit dafür gesorgt, dass die Lage für Frauen im Schwangerschaftskonflikt und ihre Kinder nicht so schlecht ist wie in anderen Ländern. Ein weiterer Erfolg ist, dass es das Werbeverbot für Abtreibungen – wenn auch verwässert – noch gibt. Bei der Organspende hat unser Engagement mit dazu geführt, dass es bei der Freiwilligkeit bleibt und nicht jeder zum Organspender wird. Schließlich tragen unsere Aktivitäten dazu bei, dass es in Deutschland noch keine Euthanasie gibt und bisher keinen explizit zugelassenen assistierten Suizid gab. Wenn auch die Stimmung in der Gesellschaft zu dieser Frage merkwürdig gespalten ist. Gerade in Zeiten von Corona, wo man jedes Leben schützen möchte, gibt man auf der anderen Seite die Menschen dem assistierten Suizid preis und stellt eine angebliche Autonomie, die bei den betroffenen Menschen aufgrund von Fremdbestimmungsfaktoren fast nie vorliegt, über die staatliche Lebensschutzpflicht. Das ist eine Kapitulation, mit der ich nicht gerechnet habe. Seitdem das Bundesverfassungsgericht dieses Umsturzurteil zum assistierten Suizid gefällt hat, liegt die Konzentration darauf, was und vor allem wen man noch retten kann.

Wir erleben aktuell auch einen Positiv-Trend: Je inhumaner Gesetzentwürfe und Vorschläge werden, desto mehr Interesse erfährt unsere Arbeit. Wir haben noch nie so viele Mitglieder, Anfragen, so große Unterstützung, so viel Zulauf gehabt wie jetzt. Was manche Politiker denken und sagen, liegt oft jenseits von dem, was vernünftig denkende Bürger wollen. Wenn immer noch, trotz aller ideologischen und anderen Einhämmerungen und Diffamierungsversuche, ein Drittel der Bevölkerung Abtreibungen für schlimmer hält als Kükenschreddern, ist das ein erheblicher Anteil, auch in der Eigenschaft als Wähler, denen Menschenwürde offenbar besonders wichtig ist. Dem sollten Bundestagskandidaten Rechnung tragen.

Und in welchen Punkten würden Sie gern noch mehr erreichen?

Alexandra Linder
Foto: dpa | Alexandra Linder, Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für alle.

In allen. Momentan geht es Schlag auf Schlag und es ist wie immer viel zu tun: Auch das Embryonenschutzgesetz ist in Gefahr, Kinder dürfen vielleicht demnächst auf jede denkbare Art produziert und qualitätsgeprüft werden, die Gewissensfreiheit von Ärzten und medizinischem Personal steht in Frage. Bei einem der nächsten runden Geburtstage würde ich gern sagen: Wie wichtig war es, dass es uns gab! Wir haben jetzt keine Abtreibungen, keine Euthanasie, keinen pränatalen Bluttest et cetera mehr, Menschenwürde wird tatsächlich umfänglich umgesetzt. Super, man braucht uns nicht mehr! Dann kann sich der BVL zufrieden auflösen. Einstweilen machen wir konsequent, sachlich und gelassen unsere Arbeit, danken herzlich für alle bisherige Mitwirkung und Hilfe und freuen uns auf viele weitere Unterstützer.

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