Politik

Kontrovers, aber fair

In Münster debattierte Thilo Sarrazin mit Islam-Professor Mouhanad Korchide. Von Gerd Felder
Thilo Sarrazin
Foto: dpa | Auch Thilo Sarrazins neuestes Buch hat für viel Diskussionsstoff gesorgt. Dass mit dem Autor selbst aber auch über seine Thesen debattiert wird, wie nun in Münster, kommt immer noch eher selten vor.

Draußen vor der Stadthalle in Münsters Stadtteil Hiltrup demonstrieren etwa 100 Personen vom Bündnis „Keinen Meter den Nazis“ mit Transparenten gegen den Auftritt von Thilo Sarrazin. Mehrere Redner erteilen einem „sozialen Darwinismus“ und „radikalen Neoliberalismus“ eine klare Absage und wettern gegen Kapitalismus und Faschismus. „Sarrazin ist ein Brandstifter“, ruft Carsten Peters, der Sprecher des Bündnisses. Währenddessen strömen die Besucher an den Demonstranten vorbei und durch die strenge Sicherheitskontrolle hindurch in die Stadthalle, wo der umstrittene Buchautor und frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin sein Buch „Feindliche Übernahme“ vorstellen und mit dem islamischen Theologen Mouhanad Khorchide diskutieren wird.

Organisiert wird die Veranstaltung vom wirtschaftsliberalen Hayek-Club Münsterland. Dessen Vorsitzender Christophe Lüttmann schiebt Beleidigungen und unflätigen Behauptungen sofort einen Riegel vor. „Es geht heute Abend um eine Diskussion in einem ordentlichen Rahmen“, stellt er klar. Kurz danach betritt Sarrazin, begleitet von starkem, aber nicht frenetischem Beifall die Bühne und überrascht seine rund 300 Zuhörer gleich mit einem Eingeständnis: „Alles, was man sagen kann, ist immer unvollständig“, relativiert er seine eigenen Äußerungen. Was folgt, ist ein weitschweifiger Werbeblock für die eigenen Bücher. Immerhin: Sarrazin gibt zu, dass er ursprünglich nie an ein Buch über den Islam gedacht habe, und freut sich zugleich, dass sein im August 2018 erschienenes Buch „Feindliche Übernahme“, bereits eine Auflage von 270 000 Stück verzeichne, „trotz des Versuchs, sich dessen Themen zu entziehen und eine Sarrazin-freie Zone zu schaffen“. Veranstaltungsorte würden ihm oft nicht zur Verfügung gestellt, und seine Thesen riefen in Medien und Politik Abscheu und Empörung hervor, obwohl viele Journalisten es gar nicht gelesen hätten, macht der Redner sich zum Vergnügen des Publikums über seine Kritiker lustig. Der begnadete Selbstdarsteller gibt sich jovial und kostet die Wirkung seiner Worte sichtlich aus.

Inhaltlich geht er anschließend in die Vollen: Der Koran, den er für das Buch intensiv gelesen habe, lasse es an eindeutigen Anweisungen für die Gläubigen und klaren Benennungen von Gut und Böse, Richtig und Falsch nicht mangeln. Wenn man ihn nicht durch die historisch-kritische Brille lese, predige er keine Religion des Friedens und der Toleranz, sondern der Gewaltideologie. „Was uns am Verhalten der Muslime beunruhigt, erklärt sich durch eine vom Koran geprägte Mentalität“, behauptet Sarrazin. Er begünstige unter anderem Autoritätshörigkeit, belaste das Verhältnis der Geschlechter, befördere Rückständigkeit und behindere Meinungsfreiheit und Demokratie. Das sei eine schwere Hypothek für die islamische Welt. „Der im Koran vermittelte Hass auf die Ungläubigen und das Auserwählt-Sein der Gläubigen verleihen dem Islam seine expansive Eroberungskraft“, erklärt Sarrazin. „Unterwerfung ist das politische Prinzip der Herrschaft in allen muslimischen Ländern.“ Nicht-Muslime seien in keinem muslimischen Land der Welt gleichberechtigt. Was die Muslime in westlichen Ländern angehe, so verliefen die Mängel von deren Integration „exakt an der Religionsgrenze“.

Auf die fast einstündige Rede Sarrazins, die auf viel Zustimmung stößt, darf der islamische Theologe Mouhanad Khorchide mit einem siebenminütigen Statement antworten. Der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster wirft Sarrazin vor, ein düsteres, beängstigendes Bild vom Islam gezeichnet zu haben. Man müsse ihn aber viel differenzierter betrachten. Er sehe auch viele positive Tendenzen, gerade bei jungen Muslimen. „Sie stärken Extremisten den Rücken und lesen den Koran wie ein islamischer Fundamentalist oder Salafist.“ Er warnt: „Die eigentliche Gefahr ist der politische Islam, der sich in Stiftungen und Bildungsinstitutionen hineinschleicht, und wir in Deutschland erkennen die Gefahr nicht.“ Man mache es sich zu einfach, wenn man behaupte: „Der Islam ist doof und wird immer doofer, und dadurch wird auch die Gesellschaft immer doofer.“

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