Kommentar: Falsche Methoden

Gerade beim "Kampf gegen rechts" zeigen sich mitunter groteske Züge. Von Stefan Meetschen

Der Publizist Henryk M. Broder hat die Stimmung schon vor einigen Jahren auf den Punkt gebracht: "Je länger das Dritte Reich tot ist, umso stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen." Da ist etwas dran. Immer noch. Vielleicht sogar immer mehr. Denn so notwendig ein entschiedenes Vorgehen von Polizei und Justiz gegen Radikale und Extreme jeder politischen Couleur in einem demokratischen Rechtsstaat zweifellos ist, gerade beim "Kampf gegen rechts" zeigen sich mitunter groteske Züge.
So warnt die Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung in einer aktuellen, 60-seitigen Broschüre für Kita-Erzieher vor Nazi-Familien unter der Klientel und liefert Tipps, wie sich diese enttarnen lassen, nämlich: anhand des Aussehens der Kinder. Verdächtige Kennzeichen? Zöpfe, Röcke und Fitness. Hätte SPD-Familienministerin Franziska Giffey nicht das Vorwort geschrieben, man könnte die Broschüre für Satire halten.  
Auf der Grenzlinie von Realität und Satire bewegt sich auch der jüngste Streich der Künstleraktionsgruppe "Zentrum für Politische Schönheit", die schon häufiger mit Medien-affinen Happenings von sich reden gemacht hat. Unter dem Titel "Soko Chemnitz" fahndete das Kollektiv nun visuell im Internet nach Neonazis und bat um Mithilfe. "Denunzieren Sie noch heute Ihren Arbeitskollegen, Nachbarn oder Bekannten und kassieren Sie Sofort-Bargeld. Helfen Sie uns, die entsprechenden Problemdeutschen aus der Wirtschaft und dem öffentlichen Dienst zu entfernen."
Auch wenn die Gruppe ihre Aktion gegenüber "epd" als Erfolg feiert, weil innerhalb weniger Tage ein "riesiger Datenschatz" entstanden sei, inzwischen hat das "Zentrum für Politische Schönheit" diese Art von "Online-Pranger" vom Netz genommen. Zu groß war offensichtlich der Protest. Und zwar aus der Mitte der Gesellschaft vonseiten der Politik und der Kultur. Was ein gutes Zeichen ist. Freiheit, Ordnung und die Würde des Menschen lassen sich schließlich nicht mit Methoden verteidigen, die gern schon mal von totalitären Regimen benutzt werden. Auch Ironie macht Hexenjagden nicht besser.

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