Kommentar: Ethik statt Kaffeehaus

Ein neues Fach an den Schulen Österreichs. Von Stephan Baier

Gute Nachrichten für jene, die argwöhnen, eine das menschliche Maß sprengende Beschleunigung habe alle Lebensbereiche erfasst: Österreich hat sich 22 Jahre „Schulversuch“ gegönnt, um nun – langsam, ab Herbst 2020 – das Pflichtfach Ethik einzuführen. Und zwar für jene Schüler, die nicht am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen. Ethik ersetzt also nicht Religionsunterricht, sondern Freistunde. Zwar sind auch die in Freistunden gerne frequentierten Kaffeehäuser in Österreich Hochburgen philosophischer Debatte und ethischer Herausforderungen, doch wird mit dem Ethikunterricht eine Lücke geschlossen. Um genau zu sein: eine Wissenslücke und eine Bewusstseinslücke.

Das Wissen darum, was in den Kulturen der Menschheit, insbesondere im Abendland seit Aristoteles gedacht wurde, wie Menschen das wahre Glück, das Menschliche des Menschseins und die Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft verstanden, ist wichtiger als vieles, was so an Schulen gepaukt wird. Nachdenken heißt, sich auf die Spuren von Vordenkern zu begeben. Wenn so junge Menschen zur Einsicht vordringen, dass für das eigene Leben nicht irrelevant ist, was von Platon bis zum eigenen Großvater über ein Leben in Fülle gedacht wurde, dann ist das nicht nur eine intellektuelle Bereicherung. Dann könnte sich das Bewusstsein weiten.

Die vorherrschende Ethik aus dem Hause Facebook & Co. ersetzt heute Denken durch Meinen, Argumentieren durch Likes, Sprache durch runde, gelbe Gesichter unterschiedlicher Zeichenhaftigkeit. Der These, dass mit diesem kulturellen Niedergang ein ethischer einhergehe, ist schwer zu widersprechen. Höchste Zeit, dass junge Menschen wieder lernen, zu lesen, zu argumentieren, zu debattieren, denken einzuüben. Unabhängig vom kulturellen Hintergrund, den jede und jeder mitbringt: Unsere Gesellschaft ist aktuell philosophisch und ethisch unterversorgt. Vielleicht kann die Schule da abhelfen.

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