Krieg gegen die Ukraine

Kein säkulares Zeitalter

Im Krieg erwacht die Sehnsucht nach religiösen Führungsfiguren. Ein Kommentar.
Vitali Klitschko lud Papst Franziskus nach Kiew  ein
Foto: Risto Bozovic (AP) | Der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, lud Papst Franziskus ein, nach Kiew zu kommen, um die Stadt „zur Hauptstadt der Spiritualität und des Friedens“ zu machen.

In Notsituationen, wenn humanistische Werte mit Füßen getreten werden, wird auf einmal der Ruf nach religiösen Instanzen laut. Ganz in diesem Sinne forderte der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, per Videobotschaft führende Religionsvertreter dazu auf, „die moralische Funktion“ und „die Verantwortung zu übernehmen, die ihre Religionen gegenüber dem Frieden haben“.

Kirche zieht sich nicht ins fromme Schneckenhaus zurück

Dann lädt er zuallererst Papst Franziskus ein, nach Kiew zu kommen, um die Stadt „zur Hauptstadt der Spiritualität und des Friedens“ zu machen. Der Papst antwortete prompt, indem er zwei Kardinäle in die Ukraine entsandte. Am Montag verteilte Kardinal Konrad Krajewskian der polnisch-ukrainischen Grenze von Franziskus gesegnete Rosenkränze und besuchte Geflüchtete. Am Dienstag telefonierte der zweitwichtigste Mann im Vatikan, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, mit dem russischen Außenminister. Von den anderen von Klitschko angesprochenen Religionsführern wie dem Dalai Lama oder islamischen Oberhäuptern ist keine Reaktion bekannt.

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Damit beweist die katholische Kirche wieder einmal, dass sie sich nicht in ein frommes Schneckenhaus zurückzieht, wo sie sich und die Erde auf das Jenseits vertröstet, sondern dass sie diese Welt nicht sich selbst überlässt. Der Appell des Politikers an die Religionen macht deutlich, wie sehr sich selbst aufgeklärt wähnende Menschen der Postmoderne nach einem moralischen Kompass sehnen. Spüren sie intuitiv, dass nur die göttliche Moral ewigen Bestand hat? Dass in wirklichen Notsituationen kein Wissenschaftler und kein Künstler Halt geben können? Der Krieg zeigt, dass selbst im 21. Jahrhundert auf menschliche Institutionen gestützte Werte wie Demokratie oder Friede wie eine Sandburg einstürzen können. Es ist übertrieben, ein anbrechendes religiöses Zeitalter auszurufen. Doch ein säkulares ist es nicht.

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