Erzbischof Gallagher in der Ukraine

Kein „Kaplan der Nato“

Auch wenn der Vatikan den Ukrainern Verständnis und Solidarität zeigt, macht sich der Papst nicht zum Wortführer eines „gerechten Kriegs“ des Westens gegen Russland.
Ukraine-Krieg - Kiew
Foto: Efrem Lukatsky (AP) | Kurienerzbischof Paul Richard Gallagher und der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba (r.) an einer Gedenkmauer für gefallene Ukrainer.

Jüngst hat Claudio Cerasa, Chefredakteur des italienischen Intelligenzblattes „Il Foglio“, darauf hingewiesen, dass Franziskus der erste Papst seit Menschengedenken ist, der sich nicht als „Mann des Westens“ empfindet und dessen Blick auf die Welt „von einem Bodensatz des Antiamerikanismus und Antiimperialismus angekränkelt“ ist. Der inzwischen immer wieder zitierte Ausdruck des Papstes vom „Bellen der NATO vor den Toren Russlands“, den er in einem Gespräch mit der Redaktionsspitze des „Corriere della sera“ gebraucht hat, haben viele als Ausdruck einer inneren Haltung des Lateinamerikaners auf dem Papststuhl gelesen, der den „Yankees“ nicht richtig traut und hinter den Bekenntnissen des Westens zu Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung immer auch die (rein materiellen) Interessen des militärisch-industrielen Komplexes sieht. Von denen hatte Franziskus gesprochen, als er kurz vor der Weihe Russlands und der Ukraine an das Herz Mariens zu einem katholischen Frauenverband Italiens sprach und meinte, er „schäme sich“ für die Nachrüstungsbeschlüsse der westlichen Staaten.

Papst Franziskus ist gegen jeden Krieg

Eines ist klar: Papst Franziskus ist gegen jeden Krieg, erst recht gegen den in der Ukraine, der die unschuldige Bevölkerung grausam leiden lässt. An die fünfzig Mal hat Franziskus seit Kriegsbeginn zum Ende der Kämpfe in der Ukraine aufgerufen und eine Verhandlungslösung angemahnt. Aber er ist eben auch der, die in der Enzyklika „Fratelli tutti“ jedem „gerechten Krieg“ eine klare Absage erteilt hat: „Deshalb können wir den Krieg nicht mehr als Lösung betrachten, denn die Risiken werden wahrscheinlich immer den hypothetischen Nutzen, der ihm zugeschrieben wurde, überwiegen. Angesichts dieser Tatsache ist es heute sehr schwierig, sich auf die in vergangenen Jahrhunderten gereiften rationalen Kriterien zu stützen, um von einem eventuell ,gerechten Krieg' zu sprechen.“ (258)

Lesen Sie auch:

Noch der von Johannes Paul II. promulgierte „Katechismus der katholischen Kirche“ hatte das anders definiert: Es sei einem Volk erlaubt, sich „in Notwehr militärisch zu verteidigen“, wenn der Schaden, der ihm der Angreifer zufüge, „schwerwiegend und von Dauer sei“, alle anderen Mittel, dem Schaden ein Ende zu bereiten, „undurchführbar und wirkungslos“ seien, eine „ernsthafte Aussicht auf Erfolg“ bestehe und der Gebrauch von Waffen nicht Folgen habe, die „schlimmer sind als das zu beseitigende Übel“.

Doch Franziskus weigert sich, diese Definition des „gerechten Kriegs“ auf die Ukraine anzuwenden und in dem Krieg Putins eindeutig Partei zu ergreifen. Zwar hat er den Kriegs-Befürworter Kyrill im Moskauer Patriarchat als „Messdiener Putins“ bezeichnet und ein Treffen mit ihm abgesagt, doch vor die Wahl gestellt, erst Moskau oder Kiew zu besuchen, hat sich Franziskus für Putin entschieden. Der Papst ergreift in diesem Krieg keine Partei und vertritt, bei aller Verurteilung der den Menschen in der Ukraine zugefügten Gewalt, politisch betrachtet eine Position der Äquidistanz. Er hat bei einer Generalaudienz eine befleckte ukrainische Fahne geküsst – und keine russische –, aber er weigert sich, sich auf eine Seite zu stellen, in einem Konflikt, der längst schon zu einem Kräftemessen zwischen Russland und dem von den Vereinigten Staaten geführten westlichen Bündnis geworden ist.

Seine Mission war durchaus "politisch"

Den Ukrainern zumindest moralisch ein Zeichen der Unterstützung Roms zu überbringen, nachdem bereits die Kurienkardinäle Konrad Krajewski und Michael Czerny zu humanitären Gesten in die Ukraine gereist waren, kam zuletzt Erzbischof Paul Richard Gallagher vom vatikanischen Staatssekretariat zu. Nach Krajewski und Czerny war Gallagher der dritte hochrangige Vertreter des Vatikans, der jetzt im Krieg ukrainischen Boden betreten hat. Und als Leiter der für die auswärtigen Beziehungen zuständigem Sektion im Staatssekretariat durfte er seine Mission als durchaus „politisch“ verstehen. Nach zwei Tagen in Lemberg kam er am vergangenen Freitag in Kiew mit dem ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba zusammen.

Bilanzierend hielt Gallagher im Interview mit „Vatican News“ fest, dass Rom eine Verhandlungslösung unterstütze. „Präsident Selenskyi sagte“, so der Erzbischof, „dass angesichts des andauernden Krieges letztlich die Diplomatie eine Lösung herbeiführen muss; die Konfliktparteien müssen sich an einen Tisch setzen, um zu verhandeln. Sie haben bereits einen Versuch unternommen – und das verdient Anerkennung –, aber diese Bemühungen müssen erneuert werden, um den Konflikt durch diplomatischen und politischen Dialog zu lösen.“ Gleichzeitig räumte Gallagher, den die Medien gerne als „Außenminister“ des Vatikans bezeichnen, aber auch ein, dass der Friede noch nicht in Sicht sei: „Es scheint mir sehr klar zu sein, dass es leider zu früh ist, um von Frieden und von Versöhnung zu sprechen.“ Die Menschen hätten in diesen Monaten sehr gelitten. Aber es sei noch zu früh. „Die Ukraine muss sich verteidigen, und dazu braucht sie Hilfe, auch militärische Hilfe“.

Schon zu Beginn seines Ukrainebesuchs hatte er die Nähe des Papstes zum ukrainischen Volk beteuert – „besonders angesichts der Aggression Russlands gegen die Ukraine“. Mit dem Wort von „Aggression Russlands“ sprach Gallagher immerhin aus, was Franziskus bisher noch nicht so deutlich gesagt hat. Aber zum „geistlichen Arm“ des Westens in diesem Konflikt zu werden, das wird der Vatikan sicher nicht.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Im Ukraine-Krieg würde der Vatikan gerne vermitteln. Aber die Plauderei des Papstes belasten die Gespräche des Vatikandiplomaten Paul Richard Gallagher in Kiew.
19.05.2022, 11  Uhr
Guido Horst
Mit den Äußerungen der Päpste über Krieg und Frieden sollte man argumentieren können. Die Plaudereien von Franziskus liefern aber nur Stoff für Diskussionen. Ein Kommentar.
12.05.2022, 11  Uhr
Guido Horst
Wladimir Putin und Patriarch Kyrill instrumentalisieren das Kriegsgedenken, um Moskaus Krieg als Notwehr zu stilisieren.
11.05.2022, 19  Uhr
Stephan Baier
Themen & Autoren
Guido Horst Enzyklika Fratelli tutti Johannes Paul II. Russlands Krieg gegen die Ukraine Kriegsbeginn Nato Papst Franziskus Päpste Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Der klassische römische Ritus ist weder tot noch in seiner Existenz gefährdet. Daran ändert auch das neue Papstschreiben nichts.
30.06.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Der Kampf der Systeme und ein Etappensieg für den Schutz des ungeborenen Lebens: Chefredakteur Guido Horst stellt im Video einige Themen der neuen Ausgabe der "Tagespost" vor.
29.06.2022, 17 Uhr
In seinem jüngsten Apostolischen Schreiben bekräftigt Franziskus, dass es nur eine Form gibt, den römischen Ritus zu feiern.
29.06.2022, 12 Uhr
Guido Horst