Es ist irgendwie Schicksal: Ihr politischer Lebensweg ist angekettet an den von Markus Söder. Zusammen mit dem nahezu gleichaltrigen Nürnberger (Söder ist gut zwei Jahre jünger) zog die 61-jährige Oberbayerin 1994 zusammen in das Maximilianeum ein. Beide waren damals die jüngsten Abgeordneten. Und damit startete fast automatisch ein Wettlauf: Wer schafft es höher, schneller, weiter? Horst Seehofer, der bekanntlich Söder wegen seiner Schmutzeleien nicht besonders schätzte, hätte wohl gerne Ilse Aigner als seine Nachfolgerin gesehen. Söder wurde es. Aber dafür sitzt sie jetzt an der Spitze des Parlamentes. Das ist nicht nur eine ehrenvolle Aufgabe, sondern schuf ihr vor allem Bewegungsraum, sich mit Talenten zu profilieren, die auch im Schloss Bellevue gebraucht werden.
Dass Söder sie nun für dieses Amt vorschlägt, ist das ein für seine alten Rivalen so typisches Auf-die-Schulter-Klopfen, das freundlich wirkt, aber Schmerzen verursacht? Natürlich hat Söder hier auch eigene taktische Interessen: Aigner wäre dann weg aus seinem Machtbereich, als Nachfolger im Vorsitz für sie in dem wichtigen CSU-Bezirksverband Oberbayern (er hat die meisten Mitglieder) wird er einen Getreuen schon finden. Und offenbar hat Söder selbst auch alle Berliner Ambitionen aufgegeben – denn einen Bayern im Schloss und dann auch noch im Kanzleramt, das würde auch der stärkste Preuße nicht aushalten.
Aber natürlich weiß jeder, der Ilse Aigners politische Karriere beobachtet, sie hat solche Fürsprecher nicht nötig. Sie hat ein ganz eigenes Profil – und in gewisser Weise ist sie hier tatsächlich ein Anti-Söder. Wer in das Seelenleben bayerischer Politiker hineinschauen will, muss registrieren, wie sie sich zur „Fastnacht in Franken“ verkleiden. Söder erschien bei der Fernsehsitzung schon als Shrek, Bismarck oder König Ludwig II. Ilse Aigner kostümierte sich in diesem Jahr als Suffragette. Also als eine jener Frauenrechtlerinnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts für das Wahlrecht ihrer Geschlechtsgenossinnen demonstrierten.
Aigner ist sich schon bewusst, als Frau in der Politik zu sein. Und sie steht auch dafür ein, anders auf politische Fragen zu schauen als Männer. Sie will ganz sicher kein Ersatzkini für das Schloss Bellevue sein. Aber trotzdem ist sie auch keine kämpferische Feministin. Deswegen verfügt sie auch im grundkonservativen Bayern, nicht nur bei den CSU-Wählern, über viele Sympathien. Sie hat schon durch ihre Ausbildung gezeigt, dass sie ihren eigenen Weg geht: Aigner hat eine Lehre als Fernsehtechnikerin im elterlichen Betrieb gemacht, kein Abi, kein Studium. Tatsächlich bodenständig. Sie wäre ein anderes Staatsoberhaupt.
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