Katholiken prägen Debatte

Frankreich diskutiert über ein neues Bioethik-Gesetz. Von Jean-Marie Dumont
Antrittsbesuch des französischen Präsidenten Macron
Foto: dpa | Emmanuel Macron trifft in wenigen Tagen die französischen Bischöfe. Dann wird die Bioethik auch eine Rolle spielen.

Seit dem 18. Januar finden in Frankreich sogenannte Generalstände über Bioethik statt. Dies sind öffentliche Diskussionsveranstaltungen. Sie werden organisiert, weil der aktuelle Gesetz über Bioethik vorsieht, dass es alle sieben Jahre revidiert werden und im Vorfeld die Öffentlichkeit befragt werden soll. Diese Generalstände werden vom französischen Ethikrat (Comité consultatif national d'éthique, CCNE) und von seinen lokalen Diensten in den Regionen veranstaltet. Mehr als sechzig Debatten finden bis Juni überall in Frankreich statt. Die Ergebnisse werden von dem CCNE, der auch Gespräche mit ungefähr hundert Personen (Experten, Verbände) führt, zusammengefasst. Das Ergebnis ist ein Bericht, den der CCNE im Juni dem Parlament überbringen wird. Auf dieser Grundlage sollen dann die Abgeordneten über die Revision des Gesetzes beraten, die Anfang 2019 stattfinden wird.

Die Kirche beteiligt sich sehr aktiv an den Debatten. Das gilt für alle Ebenen des kirchlichen Lebens: die Bischofskonferenz und die Bischöfe fordern regelmäßig die Christen dazu auf, an den Diskussionen teilzunehmen. Verbände, die eine enge Beziehung zur Kirche haben, wie die „Associations familiales catholiques“, oder die indirekt mit ihr verbunden sind, wie „Alliance Vita“ oder „La Manif pour tous“, deren Mitglieder mehrheitlich katholisch sind, haben entschieden, die Generalstände ernst zu nehmen. In allen Sitzungen sind sie anwesend, und, auch wenn sie nicht wissen, was letztlich am Ende von ihren Ideen in das Gesetz übernommen werden wird, ergreifen sie dort das Wort.

Die verschiedenen Fragen, die auf der Tagesordnung stehen, wurden in einem Dokument von 54 Seiten des Bistums Paris („ Bioéthique, comprendre les enjeux de la révision des lois de bioéthique“) sehr gut beschrieben. Sie sind zahlreich: Pränataldiagnostik, vorgeburtliche Diagnose des Down-Syndroms, Organspende, künstliche Intelligenz, künstliche Befruchtung, Anonymität der Gametenspenden oder die Frage der sogenannten Leihmutterschaft. Auch die Fragen zum Lebensende gehören zu den behandelten Themen. In diesem Kontext hat eine von 156 Abgeordneten unterzeichnete Erklärung, Ende Februar eine Modifizierung des Gesetzes gefordert. Sie sprechen sich dafür aus, Euthanasie und assistierten Suizid zu legalisieren. Die Kirche hat einen deutlichen Gegenakzent gesetzt: Letzte Woche haben die 118 französischen Bischöfe eine Erklärung veröffentlicht, in der sie die Euthanasie und den assistierten Suizid sehr deutlich verwerfen.

Durch ihre aktive Teilnahme an den Diskussionen trägt die Kirche dazu bei, die öffentliche Meinung und die Kultur des Landes zu beeinflussen. Und sicherlich wird Emmanuel Macron dies berücksichtigen, wenn er sich am 9. April mit den französischen Bischöfen im College des Bernardins treffen wird.

Weitere Artikel
Emmanuel Macron hat eine Bürgerdebatte um den assistierten Suizid initiiert. Bietet dieser Bürgerkonvent Frankreichs Lebensschützern die Möglichkeit, ihre Anliegen einzubringen?
29.09.2022, 17  Uhr
Franziska Harter
Wladimir Putin trägt den Krieg nach Russland. Die Annexion von vier ukrainischen Regionen steht unmittelbar bevor.
29.09.2022, 07  Uhr
Stephan Baier
Macrons Parteienbündnis verfehlt die absolute Mehrheit im Parlament deutlich. Seine Arroganz und eine weitgehend inhaltslose Kampagne kommen ihn und Europa teuer zu stehen. Ein Kommentar.
24.06.2022, 15  Uhr
Franziska Harter
Themen & Autoren
Emmanuel Macron

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
01.10.2022, 05 Uhr
Stefanos Athanasiou
...theologisch überfrachtet. Zum Orientierungstext des Synodalen Weges: Wie der Dekonstruktivismus feierlich in die katholische Kirche einzieht.
30.09.2022, 21 Uhr
Ludger Schwienhorst-Schönberger