Joachim Gauck: Der Rhetoriker

Das Amt schien wie geschaffen für ihn: Als Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt worden ist. Von Sebastian Sasse
Joachim Gauck

von Sebastian Sasse

Das Amt schien wie geschaffen für ihn: Als Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt worden ist, wurde er von einer großen Welle der Sympathie getragen. Das hing natürlich auch mit dem unrühmlichen Abgang seines Vorgängers Christian Wulff zusammen. Gerade auch das bürgerliche Lager setzte auf Gauck Hoffnungen: Widerstandskämpfer gegen das SED-Unrechtsregime, evangelischer Pfarrer. Zudem plädierte er immer wieder für die Freiheit und kritisierte Tendenzen zur Gleichmacherei. Er als ehemaliger DDR-Bürger, so betonte er, sei da besonders empfindlich. Und mit seinem Ton, der er in seinen Reden anschlug, entsprach er genau den Bedürfnissen, die Hörer an eine Festrede stellen. Ein bisschen Erbaulichkeit, ein bisschen Intellektualität und ein bisschen politische Provokation. In ruhigen Zeit hätte es auch tatsächlich genügt. In Gaucks Amtszeit fiel aber die Flüchtlingskrise.

Von seinem Hintergrund her war Gauck geradezu prädestiniert dazu, vor allem die Ängste in den neuen Bundesländern vor einer Überfremdung ernst zu nehmen. Er hätte der westdeutschen Öffentlichkeit erklären können, welche Brüche ihre ostdeutschen Landsleute seit der Wende erleiden mussten und warum gerade sie sich nach einer klaren Orientierung in ihrer Identitätskrise sehnen. Stattdessen wählt er das böse Wort vom „Dunkeldeutschland“.

DER RHETORIKER

Eine vertane Chance. Gauck, der ja ohne Zweifel über die notwendige rhetorische Begabung verfügt, hätte die Debatte versachlichen können. Vor Hassrufen gegen die Kanzlerin bei Pegida-Demos und vor noch viel mehr Hasskommentaren in den Sozialen Netzwerken hätte eine Debatte unter solchen Vorzeichen zur Verständigung beitragen und ja sogar zu einem Impuls für die politische Diskussionskultur werden können.

Dieses Versäumnis ist auch deswegen ärgerlich, weil Gauck nun bei einer Vorlesung in Düsseldorf mit seiner Kritik an den Auswüchsen der multikulturellen Gesellschaft und einem Loblied auf die Heimat zeigt, dass er durchaus das Sensorium für dieses Thema hat. Umso stärker stellt sich die Frage: Warum erst jetzt?

Ist es Taktik? Hat er tatsächlich seine Meinung geändert? Hatte er vorher vielleicht schlicht Angst, dem Verdikt der Politischen Korrektheit zu verfallen? Das Beispiel Horst Köhler hat demonstriert, dass auch ein Bundespräsident nicht von dieser Kritik ausgenommen wird. Es wäre interessant, von Gauck über diese Aspekte einmal eine Rede zu hören. Freilich wäre die dann vielleicht nicht unbedingt eine Festrede. Aber er würde damit immerhin einen Beitrag dazu leisten, seinen Fehler zu korrigieren. Diese Freiheit sollte sich Gauck nehmen können.

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