Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview mit Iranologin

Irans Revolutionsgarden festigen ihre Macht

Die Wahrscheinlichkeit eines Volksaufstandes im Iran wäre in Friedenszeiten deutlich höher, meint die armenische Iranologin Zhanna Vardanyan.
Iran und das Hoffen auf Frieden
Foto: IMAGO/Iranian Supreme Leader'S Office (www.imago-images.de) | Wie viele Iraner tatsächlich hinter dem Regime stehen, ist schwer zu sagen. Erst in Friedenszeiten wird sich die Kluft zwischen dem System und der Bevölkerung wieder klarer zeigen.

Als der israelisch-amerikanische Angriff auf den Iran Ende Februar begann, rechneten manche Beobachter mit einem schnellen Sturz des Regimes in Teheran. Doch dazu kam es nicht. Warum ist dieses System so stabil und resilient?

Das iranische System ist nicht zusammengebrochen, weil es sowohl ideologisch als auch institutionell fest verankert ist. Auch wenn es zunächst den Anschein haben mag, als unterstehe es ganz dem Befehl des Obersten Führers, was die Vermutung nahelegt, dessen Tod würde zu einem Zusammenbruch führen, ist dies nicht der Fall. Das iranische System beruht auf dem Nebeneinander verschiedener politischer und religiöser Institutionen, Sicherheitsstrukturen sowie miteinander verflochtener wirtschaftlicher Interessen. Der Oberste Führer fungiert als Koordinator innerhalb dieses Systems, das auf dem Prinzip der Selbsterhaltung basiert. Zwar ist die Existenz vielfältiger Institutionen oft problematisch und erschwert die internen Abläufe, doch gewährleistet sie letztlich die Stabilität des Systems in Krisensituationen. Die Elite des Systems besitzt außerhalb desselben keine Existenzgrundlage und hat daher ein starkes Interesse an dessen Fortbestand. Das System zwingt die Eliten also dazu, ein entstehendes Machtvakuum umgehend zu füllen und den Status quo zu wahren. Auch die Wahl von Modschtaba Khamenei zum Obersten Führer zielte darauf ab, den Status quo zu erhalten. Auch ist zu bedenken, dass der bisherige Oberste Führer des Iran, Ali Khamenei, 86 Jahre alt war und im Land bereits Diskussionen über die Zeit nach seinem Tod geführt wurden. Darüber hinaus wirkte der Krieg im Juni 2025 als Katalysator, der die iranische Elite veranlasste, sich auf mögliche Szenarien vorzubereiten. Das System war also auf Khameneis Tod eingestellt und wusste um die nächsten Schritte.

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Halten Sie es für denkbar, dass eine Fortsetzung des Krieges noch zu einem Umsturz oder zu einem Volksaufstand gegen das iranische Regime führen könnte?

Während aktiver militärischer Operationen verschärften die iranischen Behörden die Sicherheitskontrollen noch weiter, etwa durch Maßnahmen wie Internetsperren und Hunderte von Festnahmen täglich. In dieser Hinsicht zwingt der Krieg einerseits dazu, die Lage strenger zu kontrollieren, bietet aber andererseits auch die Gelegenheit dazu. Vor diesem Hintergrund stellt die aktuelle Situation – ein Zustand zwischen Krieg und Frieden – für die Behörden ein größeres Risiko dar; ebenso gefährlich wäre ein Kriegsausgang ohne Einigung, bei dem die Sanktionen gegen den Iran nicht aufgehoben würden. Die iranische Wirtschaft befand sich bereits in einer Krise; die Kriegsfolgen werden diese weiter verschärfen, und die Bevölkerung wird die Auswirkungen des Krieges stärker am eigenen Leib spüren, was eine Kettenreaktion auslösen und zu einem Ausbruch der Unzufriedenheit führen dürfte. Während die Behörden ihr Handeln oder die bestehenden Probleme des Landes unter Kriegsbedingungen also mit dem Krieg rechtfertigen können, wäre dies in Friedenszeiten weitaus schwieriger – und die Wahrscheinlichkeit eines Volksaufstands wäre deutlich höher.

Gibt es seriöse Schätzungen, wie viele Menschen im Iran für das Regime sind – und wie viele auf einen Regimewechsel hoffen?

Dazu liegen keine eindeutigen Daten vor. Die im Ausland lebende iranische Diaspora lehnt das System mehrheitlich ab. Innerhalb des Iran ist das genaue Verhältnis zwischen Gegnern und Befürwortern des Systems unbekannt. Ein Indikator ist die Zahl der Stimmen, die bei der jüngsten Präsidentschaftswahl auf den ultrakonservativen Saeed Jalili entfielen: 13,5 Millionen. Natürlich ist das ein sehr ungenauer Anhaltspunkt, denn ein Systembefürworter könnte auch gegen Jalili gestimmt oder überhaupt nicht gewählt haben. Ebenso könnte ein Wähler von Peseschkian durchaus ein Befürworter des Systems sein. Darüber hinaus gibt es – jenseits der Befürworter und Gegner – einen Teil der Gesellschaft, der zwar Kritik am System übt, aber ein Chaos im Land oder eine Situation wie in Syrien fürchtet. Oft verhält sich diese Gruppe einfach still.

Die armenische Iran-Wissenschaftlerin Zhanna Vardanyan
Foto: Privat | Die armenische Iran-Wissenschaftlerin Zhanna Vardanyan forscht und publiziert am „Orbeli Center“, einem offiziellen armenischen Thinktank und Forschungszentrum mit Sitz in Jerewan.

War die Idee einer Heimkehr von Prinz Reza Pahlavi als Schah oder als Figur des Übergangs immer nur eine Vision von Exil-Iranern? Oder gäbe es dafür eine Stimmung im Iran?

Tatsächlich gewann die Idee einer Rückkehr des Sohnes des ehemaligen Schahs während der Proteste im Januar 2026 an Dynamik. Zwar hatte es schon bei früheren Protesten Parolen zu seiner Rückkehr gegeben, doch waren diese eher vereinzelt und bildeten keine zentrale Agenda. Bei den jüngsten Protesten jedoch wurde das – sowohl im Ausland als auch im Iran selbst – zu einem Bestandteil der politischen Agenda. Das war zum Teil auf die verstärkten Aktivitäten und regelmäßigen Appelle Reza Pahlavis zurückzuführen. Dennoch ist die Haltung gegenüber Pahlavi im Iran nach wie vor uneinheitlich.

Wenn es ohne Regimewechsel zu einem Friedensabkommen zwischen Teheran und Washington kommt, hat dann das iranische Regime gewonnen?

„Es hat kein Regimewechsel stattgefunden und Washington
verhandelt ausgerechnet mit diesem Regime! Folglich
ist das iranische Regime in diesem Zusammenhang als
Sieger hervorgegangen, indem es seinen Fortbestand sicherte"

Es hat kein Regimewechsel stattgefunden und Washington verhandelt ausgerechnet mit diesem Regime! Folglich ist das iranische Regime in diesem Zusammenhang als Sieger hervorgegangen, indem es seinen Fortbestand sicherte. Dass die Herausforderungen, vor denen das System steht, weder mit dem Ende des Krieges noch mit der Unterzeichnung eines Abkommens verschwinden werden, steht auf einem anderen Blatt.

Spielt „die kurdische Karte“, also die Sehnsucht der Kurden im Iran, im Irak, in Syrien und in der Türkei nach einem eigenen Staat, irgendeine Rolle in diesem Krieg?

In der Anfangsphase des Krieges zogen die USA und Israel offenbar eine Einbeziehung der Kurden in Erwägung. Auch die Angriffe auf Grenzkontrollpunkte und Einsatzorte von Sicherheitskräften in kurdisch besiedelten Gebieten zielten darauf ab. Zu einer Beteiligung der Kurden kam es jedoch letztlich nicht, auch deshalb, weil diese selbst daran nicht interessiert waren. Signale der Zurückhaltung, besser nicht in den Krieg hineingezogen zu werden, kamen aus Irakisch-Kurdistan, das in einem solchen Szenario die zentrale Stütze hätte bilden sollen. Den iranischen Kurden wiederum fehlt es am nötigen Organisationsgrad, um eine eigenständige, bedeutende Rolle zu spielen.

Ist durch diesen Krieg der Einfluss Teherans auf die anderen Staaten der Region, insbesondere Irak und Libanon, gesunken oder gewachsen?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist eine abschließende Bewertung noch schwierig, da diese Prozesse noch im Gang sind. Im Irak wird derzeit versucht, pro-iranische bewaffnete Gruppierungen in das staatliche Sicherheitssystem zu integrieren. Sollte das vollständig gelingen, käme es einer Schwächung des iranischen Einflusses gleich. Für den Libanon stellt sich die Lage komplexer dar, da dort ebenfalls noch Krieg geführt wird. In diesem Zusammenhang bestehen Spannungen zwischen der libanesischen Regierung und den iranischen Behörden. Um jedoch beurteilen zu können, ob der Einfluss Teherans ab- oder zugenommen hat, muss abgewartet werden, wie der Krieg im Libanon endet und wie die Hisbollah daraus hervorgeht, weil sich der Einfluss des Iran unmittelbar an der Hisbollah messen lässt.

Haben die USA durch den Kriegsverlauf an Einfluss in Nahost verloren?

Letztlich wird sich das auch erst nach dem Krieg beurteilen lassen, wenn wir sehen, ob die arabischen Staaten ihre Politik hinsichtlich der Beziehungen zu den USA offiziell ändern. Jedenfalls zielt das strategische Kalkül des Iran darauf ab, dass die arabischen Staaten die US-Militärpräsenz eher als Quelle von Instabilität und als Herausforderung denn als Sicherheitsgarantie betrachten – was sie womöglich dazu veranlassen könnte, den Abzug der US-Stützpunkte aus der Region zu fordern.

Wie geht es im Iran weiter?

„Jüngste Proteste haben die Desillusionierung
in der Bevölkerung weiter vertieft"

Die gegenwärtige Ungewissheit ist genau das, was der Iran unbedingt vermeiden wollte. Teheran hatte diesen Krieg als Chance auf eine endgültige Klärung begriffen. Das Ziel war, den endlosen Kreislauf aus Krieg, Waffenstillstand und Verhandlung zu durchbrechen und einen neuen Status quo zu schaffen – ein Ziel, das Teheran weiterhin verfolgt. Im Inland vollzieht sich ein Wandel, in dem die Revolutionsgarden (IRGC) ihre Positionen weiter festigen. Präsident Peseschkian übt bei der Kriegsführung praktisch keine Macht aus, sondern ist stattdessen mit der Koordinierung ziviler Bereiche befasst. Indes bleibt die tiefe Kluft zwischen den iranischen Machthabern und einem erheblichen Teil der Bevölkerung bestehen. Selbst wenn eine Einigung mit den USA erzielt würde und die Sanktionen aufgehoben würden, könnten die Behörden zwar einen Teil des internen Drucks abfedern, doch die Missstände in der iranischen Gesellschaft beschränken sich nicht auf den wirtschaftlichen Bereich. Die Probleme sind vielschichtig und betreffen diverse Sektoren. Jüngste Proteste haben die Desillusionierung in der Bevölkerung weiter vertieft, die sich nicht allein durch Wirtschaftsreformen beheben lässt. Das iranische System zeigt jedoch keinerlei Anzeichen von Bereitschaft zu tief greifenden strukturellen Veränderungen. Unter diesen Umständen sind künftige Erschütterungen unvermeidlich.

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