Innenansicht der linken Mitte

Politikberater Erik Flügge, Katholik und Sozialdemokrat, liest aus seinem Deutschland-Buch. Von Kilian Martin
Erik Flügge
Foto: R. Stempell | Erik Flügge sorgte zuletzt mit seiner Streitschrift über die Sprache in der Kirche für Aufsehen.

Von der angekündigten „Katerstimmung“ ist bei Erik Flügge am Montagabend keine Spur. Die Katholische Hochschulgemeinde in Würzburg hat den Politikberater zur Diskussion über die bayerische Landtagswahl geladen. Nach dieser hätte der Sozialdemokrat Flügge durchaus Grund zur Klage: Seine Partei hat am Vortag das historisch schlechteste Wahlergebnis bei einer Landtagswahl erzielt. Doch in Bayern wie überall in Deutschland befindet sich die politische Linke derzeit in einer zwiespältigen Situation. Während die SPD mit massiven Verlusten kämpft, feiern die Grünen historische Erfolge. Zuletzt eben in Bayern, wo sie ihre Stimmenzahl mehr als verdoppeln konnten. Für den Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose, Parteigänger der Grünen, ein Anlass zur Freude – und zur ein oder anderen freundschaftlichen Spitze gegen seinen Gesprächspartner Flügge.

Bei aller Verbundenheit zeigt sich an diesem Abend auch eine Besonderheit der Linken: Die Lust an der Kritik lebt man auch unter sich aus. Vorrangig jedoch soll es um Selbstkritik gehen. Das ist auch ein Kernthema des neuen Buchs von Erik Flügge, aus dem er an diesem Abend liest. „Deutschland, du bist mir fremd geworden“, heißt das neueste Werk des Kommunikations- und Politikexperten. Darin zeichnet er aus der Perspektive der „bürgerlich-spießig-braven Linken“ das Bild von einem dramatischen gesellschaftlichen Umbruch. Den Ausgangspunkt bildet ein Text aus dem Jahr 2014, in dem Flügge feststellte: „Es kippt etwas in diesem Land. Es kippt nach rechts.“ Zwischenzeitlich hat diese Beobachtung mit der AfD eine politische Manifestation erlebt. Nach der Bayern-Wahl ist die Partei neben dem Bundestag auch in fast allen Landesparlamenten vertreten; alles deutet daraufhin, dass ihr Ende Oktober auch der Einzug in den hessischen Landtag gelingen wird. Mit seinem Buch unternimmt Flügge den Versuch einer Erklärung dieses Phänomens. Für ihn sind es vor allem Schwächen der Konservativen und der etablierten Linken, die der rechten Gegenpartei den Weg bereiteten. Den Zuhörern trägt Flügge zunächst sein Kapitel über „die Mitte“ vor, jene Klientel also, die heute scheinbar von allen etablierten Parteien umworben wird. Der kämpferische Sozialdemokrat geht darin gleichermaßen hart mit dem Wahlvolk wie mit den Volksvertretern ins Gericht. Die einen würden sich verhalten wie eine Herde Schafe, die sich nur bewegt, wenn sie von rechts oder links kräftig angebellt wird, während die Schäfer dem Pulk hinterherlaufen, anstatt ihn zu führen. Eine spitze Darstellung, der man viel abgewinnen kann, die bei Flügges Lesern jedoch auch für einigen Unmut sorgt. Auch dem Würzburger Publikum merkt man an, dass es seine Vorbehalte hat.

Der Autor ist seiner Leserschaft dabei schon ein Stück voraus. „Deutschland ist nicht so wie wir“, bemerkt er im Buch, das auch eine umfassende Reflexion seines urbanen, avantgardistischen Lebensumfeldes enthält. Flügge beschreibt, wie ein Treffen mit Arbeitern beim Feierabendbier am Kneipentresen im Urlaubsort ihm das besonders deutlich machte. Der junge, gut ausgebildete und verdienende Sozialdemokrat traf auf eine ruppige deutsche Realität, die insbesondere viele Linke schon lange aus dem Auge verloren hätten. Ihnen attestiert Flügge eine „linke Fremdheit mit dem Schwächsten“.

An mehreren Stellen lässt der Katholik solche christlichen Töne klingen. Das ist kein Zufall: Denn den Berater beschäftigt auch immer wieder die katholische Kirche. Im Jahr 2016 sorgte sein Buch „Der Jargon der Betroffenheit“ über kirchliche Sprache für eine Debatte. Die Grundkritik von damals taucht auch nun wieder auf: Priester und Politiker sprechen nicht mehr so, dass Menschen es verstehen könnten. Ein wenig kommt das auch am Montagabend zum Vorschein, als Hochschulpfarrer Hose sich am schwarz-rot-goldenen Buchcover stört und statt Patriotismus doch lieber einen „weltoffenen Universalismus“ gedeihen sehen würde. Flügge hält von solchen akademisch-linken Konstruktionen nicht viel. Seiner Sozialdemokratie schreibt der Berater daher auch einen engeren Kontakt zu ihrer Basis ins Buch. Die Genossen müssten wieder Politik mit den Menschen machen statt für sie, erklärt Flügge. Vor allem aber müssten sie ihre Entscheidungen besser kommunizieren. Sein Buch ist aber auch für konservative Leser anregend. Zuweilen zögen seine Lesungen selbst Vertreter des rechten CDU-Flügels an, wie der Autor erklärt. Beim jungen Sozialdemokraten Flügge erhalten sie eine aufschlussreiche Innenansicht der neuen linken Mitte.

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