Politik

Indiens Christen bleiben verunsichert

Die Mammutwahlen in Indien haben die hindu-nationalistische Partei von Premierminister Narendra Modi bestätigt – Christen rechnen mit einem Anstieg der Repressionen. Von Andreas Thonhauser

Er ging als großer Gewinner aus Indiens Wahlen hervor. Immerhin schritten rund 65 Prozent der mehr als 900 Millionen Wahlberechtigten über den Zeitraum von sechs Wochen in der größten Demokratie der Welt zu den Urnen. Narendra Modi wurde als Premierminister Indiens nicht nur bestätigt, seine Partei, die hindu-nationalistische BJP, gewann auch noch hinzu.

Vor allem für die religiösen Minderheiten des Landes, insbesondere Christen und Muslime, ein Grund zur Sorge. Kamen Modi und seine Unterstützer 2014 durch Wirtschafts- und Modernisierungsthemen an die Macht, stand dieser Wahlkampf ganz im Zeichen der Rückbesinnung auf hinduistische Identität und Nation. Die BJP ist der politische Arm der sogenannten Hindutva-Bewegung.

Deren Ziel ist es, Indien von allem zu reinigen, was nicht zur indischen Leitkultur passt. Im Wahlkampf warb man damit, dass nicht länger die Minderheiten des Landes den Mehrheiten ihren Willen oktroyieren dürften.

Der Zorn richtete sich einerseits gegen Muslime. Der Grund dafür lag im sich verschärfenden Konflikt mit dem alten Erzfeind und Nachbar Pakistan. Aber auch die christliche Minderheit wurde während des Wahlkampfs immer wieder zur Zielscheibe. Lediglich 2,3 Prozent der Bevölkerung gelten offiziell als Christen. Der Großteil davon zählt zur katholischen Kirche.

Während man offiziell der BJP Respekt für den Wahlsieg zollte, äußerten viele ihre Sorge für die Zukunft. Ein Würdenträger, der lieber anonym bleiben möchte, kritisierte schon im Vorfeld der Wahl die härtere Gangart der Autoritäten gegen die christliche Minderheit.

Das renommierte amerikanische PEW Research Institut identifizierte Indien bereits 2018 als Land mit der höchsten sozialen Feindseligkeit gegenüber religiösen Minderheiten. Die christliche Menschenrechtsorganisation ADF India dokumentierte allein im ersten Quartal 2019 mehr als 80 Übergriffe gewalttätiger Gruppen, über die sie durch ihre Notrufnummer für Christenverfolgung informiert wurde. Indiens Christen werden somit fast täglich Opfer gewaltbereiter Extremisten. Die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Vorfälle ist natürlich um einiges höher.

Experten vor Ort sehen die Wahlkampfpropaganda für eine „reine Hindu-Nation“ mitverantwortlich für die Eskalation an Übergriffen. Auch auf rechtlicher Ebene fördert die Regierung das Vorgehen gegen Christen und andere religiöse Minderheiten zunehmend.

Erst im vergangenen Jahr wurde das zehnte Anti-Konversionsgesetz im von der BJP regierten Bundesstaat Uttrakhand eingeführt.

Unter diesen regionalen Gesetzen wird ein Übertritt vom Hinduismus zu einer anderen Religion erheblich erschwert. Taufen Erwachsener müssen etwa den örtlichen Autoritäten zuerst angezeigt werden. Die Folgen reichen dann oft von politischen Nachteilen bis hin zu Gewalt organisierter Banden gegen denjenigen, der zum Christentum übertreten will und dessen Familie.

In einer seiner ersten Reden als Wahlsieger sprach Modi allerdings auch offen die Minderheiten des Landes an. Sie müssten ihre eingebildete Angst vor Unterdrückung ablegen, forderte der Premierminister. Künftig solle es keine Diskriminierung mehr aufgrund von Religion oder Kaste geben, so seine Ankündigung.

Es werden erst die nächsten Wochen zeigen, ob diese Handreichung tatsächlich ernst gemeint oder ebenfalls reine Propaganda des Premierministers war. Indiens Christen fürchten sich jedenfalls vor dem Zorn der Extremisten nach den Wahlen. Immerhin gingen die Hindu-Nationalisten gestärkt daraus hevor.

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