Politik

In die Mühlen der Politik geraten

Der Weltfamilienkongress in Verona: Ein Lehrstück, wie man es nicht machen sollte. Von Guido Horst
Proteste gegen Weltfamilienkongress in Verona
Foto: dpa | Protest in Pink: Zu der Gegendemonstration reisten Aktivisten aus ganz Europa nach Verona.

Das lesbische Paar, das unter der strahlenden Sonne auf der weiten „Piazza Bra“ zwischen der antiken Arena Veronas und dem Palast der „Gran Guardia“ eine weiße Tafel bemalt, kichert immer wieder. Was sie da auf ihr Plakat schreiben, ist eine Einladung an die Teilnehmerinnen des Weltfamilienkongresses, sich doch beim Homosexuellen-Chat Grindr einzuloggen. Noch am gleichen Samstag werden sie das Schild beim Demonstrationszug der Feministinnen, „Pro choice“-Vertreter und Gay-Lobbys hochhalten, genauso friedlich und freudig, wie alle es sind, die bei der Gegenveranstaltung zum Weltfamilienkongress in der „Gran Guardia“ mitmarschieren.

Nicht ganz so freundlich sind zwei ältere Damen, die ganz in der Nähe des lesbischen Paars mit Passanten über die Schöpfungsordnung Gottes diskutieren. Die eine trägt ein weiß-blau bemaltes Holzkreuz in der Hand, die andere eine kleine Statue der Muttergottes. Sie sind erregt, werden sie doch von den Umstehenden immer wieder ausgelacht, bevor sie dann in Richtung des „Palazzo Gran Guardia“ abziehen, in dessen größter Aula die etwa tausend Teilnehmer des Weltfamilienkongresses die hohen Gäste aus der italienischen Politik erwarten. Innenminister Matteo Salvini von der „Lega“ und Giorgio Meloni von der Rechtspartei der „Fratelli d'Italia“ haben dort an diesem Samstag ihren Auftritt.

Am darauffolgenden Sonntag dann sind die Veranstalter und Teilnehmer unter sich, bevor gegen Mittag ein „Marsch für die Familie“ durch die Innenstadt Veronas den Kongress beenden soll. Das Gremium der Organisatoren ist international. Da ist Brian Brown, der Präsident der „Internationale für die Familie“, sowie der Leiter des Kongresses in Verona und des Vereins „Pro Vita“, Antonio Brandi. Da sind Victor Zubarev, Abgeordneter des russischen Parlaments, Christine de Marcellus Vollmer aus Venezuela, ehemals Mitglied in der Päpstlichen Akademie für das Leben und Gründerin der „Latin America Alliance for the Family“, Ed Martin aus den Vereinigten Staaten, Präsident des „Eagle Forum Education & Legal Defense Fund“, Zeljka Markic von der Organisation „Im Namen der Familie“ in Kroatien oder John Eastman von der Chapman University in Kalifornien. Dem Kongress in den italienischen Medien ein Gesicht gegeben hatte aber im Vorfeld Massimo Gandolfini, Mediziner und einer der führenden Gestalten des „Movimento per la Vita“ in Italien.

Das Vorfeld: Es bestand darin, dass der Kongress in Verona schon seit geraumer Zeit die Gemüter erregt: Die Veranstalter hatten sich schon frühzeitig der Teilnahme und Unterstützung prominenter Politiker versichert, so des „Lega“-Chefs und Innenministers Matteo Salvini, des Familienministers Lorenzo Fontana, ebenfalls „Lega“, sowie des Präsidenten der Region Veneto, Luca Zaia, auch er von der „Lega“, und des Bürgermeisters der Stadt, Federico Sboardino, der zur Abwechslung mal der „Forza Italia“ Berlusconis angehört und in dessen Amtszeit der rechte Stadtrat Verona zu „Stadt des Lebens“ erklärt hat. Und angesagt hatte sich auch Giorgia Meloni, Chefin der „Fratelli d'Italia“, einer Partei, in der sich das versammelt, was von den italienischen Faschisten übrig geblieben ist. Das Bündnis von „Lega“, „Forza Italia“ und „Fratelli d'Italia“ hatte vor einem Jahr die Nationalwahlen gewonnen, aber dann hatte sich Salvini aus dieser Troika verabschiedet und seine „Lega“ in eine Koalition mit der „Fünf-Sterne-Bewegung“ Luigi Di Maios geführt, die seither das Land regiert.

Di Maio wettert gegen „rechtes Lager der Verlierer“

Zum Vorfeld gehörte auch, dass Di Maio, seines Zeichens Arbeitsminister, am heftigsten gegen den Kongress in Verona wetterte, bevor dieser überhaupt angefangen hatte. Was sich dort versammele, so Di Maio, sei „das rechte Lager der Verlierer“. Und während des Kongresses legte er über das Fernsehen nochmals nach: Das in Verona seien „Fanatiker“, die die Gesellschaft wieder zurück ins Mittelalter führen wollten. Polemik bestimmte das Treffen von Anfang an und wer die italienischen Medien kennt, kann sich vorstellen, dass neunzig Prozent der Zeitungen sowie die überwiegende Mehrzahl der Talkshows oder morgendlichen oder abendlichen Diskussionsrunden ihn in die Ecke stellten, als wolle dieser das Rad der Geschichte zurückdrehen und „gesellschaftliche Errungenschaften“ wie die Gleichstellung der Frau, die Ehescheidung, die Legalisierung der Abtreibung und die Zivilunionen der gleichgeschlechtlichen Paare wieder rückgängig machen. Salvini und Di Maio zündelten täglich weiter und die Veranstalter des Weltfamilienkongresses, der seit 2012 jährlich veranstaltet wird, zuletzt in Ungarn und Moldavien stattfand und nun zum ersten Mal in Italien tagte, hatten nicht die geringste Chance, die drei Tage in Verona aus der italienischen Innenpolitik herauszuhalten.

Vatikan hält sich bedeckt

Stattdessen kam es noch schlimmer – auch von „oberster Stelle“. Alles, was den Kongress ins Lächerliche ziehen konnte, breiteten die Medien genüsslich aus. Am Samstag, auf dem Flug nach Marokko, war Papst Franziskus von einem der mitfliegenden Journalisten nach der Veranstaltung befragt worden, und der Papst antwortete: „Ich habe mich nicht mit Verona beschäftigt. Aber die Antwort des Staatssekretärs scheint mir gerecht und ausgewogen gewesen zu sein.“ Und was hatte Kardinal Pietro Parolin ein paar Tage zuvor – ebenfalls in ein Journalistenmikrofon – zum Weltfamilienkongress gesagt? „Wir sind einverstanden mit der Substanz, doch was die Methode angeht, so gibt es einige Differenzen.“ Damit gab er wieder, was sowohl der Vatikan und die Italienische Bischofskonferenz etwa zum Wert der Familie und zur Schönheit der Ehe immer erklären, aber was sie auch zu Stil und Methode kirchlichen Handelns sagen: Diese müssten immer positiv und konstruktiv sein, nie „gegen“ jemanden oder polemisch.

Aber es waren auch ganz andere Stimmen, die den Berichterstattern wie Goldmünzen in den Schoß fielen. So die Worte von Maria Gandolfini, der Tochter des Mitorganisators Massimo Gandolfino, die auch nach Verona gekommen war – aber um an der Gegendemonstration teilzunehmen, wo sie dann den Chronisten bekannte: „Mein Vater will, dass ich in der Hölle brate, weil ich geschieden bin. Aber ich bin hier, um zu bezeugen, dass Liebe keine Farbe und keine Rasse kennt.“ Sprüche wie diese oder der Slogan „Familie ist da, wo Liebe ist“ waren auf der Straße und auf den Plätzen drei Tage die Begleitmusik des Treffens, während im „Palazzo Gran Guardia“ die traditionelle Familie und die Ehe von Mann und Frau beschworen wurden.

Und nicht wenige Kommentatoren wiesen hämisch darauf hin, dass die beiden führenden Politiker auf der Bühne des Kongresses wohl wenig geeignet seien, sich für die traditionelle Familie auszusprechen: Matteo Salvini hat zwei Kinder von zwei verschiedenen Frauen und ist nicht verheiratet. Giorgia Meloni hat eine Tochter, aber keinen Mann.

Am Ende stimmte über Erfolg oder Scheitern des Kongresses die Straße ab: An der Gegendemonstration der Feministinnen und Homo-Lobbys nahmen am Samstag dreißigtausend Menschen aus ganz Italien und auch ferneren Ländern teil – sehr friedlich, sehr hochgestimmt –, am Sonntag dann am „Marsch für die Familie“ etwa zehntausend – auch sehr friedlich und recht katholisch. Das einzige prominente Gesicht aus Deutschland, das man beim Kongress sehen konnte, war das von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis.

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