Kinderbetreuung

In den Kitas herrscht der Notstand

Krippen und Kitas haben ihre Leistungsgrenzen erreicht. Auch hier schlägt der Fachkräftemangel zu Buche. Es wird Zeit, über eine Exit-Strategie nachzudenken. Ein Gastbeitrag.
Erziehende dringend gesucht
Foto: Axel Heimken (dpa) | Dringend gesucht: Fachkräfte, die in Kitas und Krippen arbeiten können.

Der wachsende Mangel an Fachkräften hat sich schon über viele Jahre im Bereich der Pflege angekündigt, erstreckt sich inzwischen auf Wirtschaft, Schulen, auf das Gesundheitswesen und bis hin zu den Krippen und Kitas. Hier hat sich die Lage zugespitzt, weil von staatlicher Seite der Fachkräftemangel als ein dauerhaftes strukturelles Problem unberücksichtigt blieb. Vielmehr wurde vollmundig das Betreuungsangebot für die Allerkleinsten ausgeweitet. Das Bundesamt für Arbeit hätte schon vor Jahren die Träger von Kitas und die Politik auf die drohende Zunahme von personellen Engpässen hinweisen und  hinzufügen müssen, dass sich in den kommenden Jahren vier bis fünf Millionen Babyboomer in den Ruhestand verabschieden werden, was auch im Betreuungssektor zu einer weiteren Zuspitzung führen wird.

Die Nachfrage nach Krippenplätzen steigt rasant

Ungeachtet dessen verfolgte das Bundesfamilienministerium das personell aufwendige Ziel der Ausweitung des Betreuungsangebots. 2019 finanzierte es das 5,5 Milliarden-Paket – genannt das Gute-Kita-Gesetz –, dem jetzt ein hoch dotiertes Qualitätsgesetz folgen soll. Diesen Geldsegen nutzten mehrere Bundesländer, eine kostenlose Kita-Betreuung anzubieten. Ein Umstand, der das Familienministerium triumphieren lässt: „Künftig haben 1,2 Millionen Kinder Anspruch auf eine beitragsfreie Kitazeit.“ Und diese natürlich ganztags und mit Rechtsanspruch versehen, denn auch das gehört zur Zielsetzung der Bundesregierung, nämlich mehr Mütter auf dem Arbeitsmarkt zu beschäftigen.

Lesen Sie auch:

Doch die Rechnung ist ohne den Wirt gemacht, weil die Nachfrage nach Krippenplätzen rasant steigt, ohne dass eine ausreichende Zahl an Erzieherinnen verfügbar wäre. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung fehlen im Jahr 2023 384.000 Kitaplätze. Allein, um diese Nachfrage zu befriedigen, bedürfte es – so die Bertelsmann Stiftung – knapp 100.000 Fachkräfte, bei dem empfohlenen Personalschlüssel fehlten sogar zusätzliche 300.000.

Doch der Arbeitsmarkt im Betreuungssektor ist leergefegt! Gleichwohl hat die Erkenntnis über dieses gravierende strukturelle Problem bei den verantwortlichen Behörden und der Politik noch kein Umdenken über das bestehende Betreuungskonzept ausgelöst. Und dies, trotz einer Vielzahl alarmierender Meldungen.

"Eltern schlagen Alarm"

So können, einer NDR-Umfrage vom Oktober 2022 zufolge bei der Landeskirche Hannover, in 75 Prozent der Kitas in Niedersachsen aufgrund des aktuellen Fachkräftemangels Stellen nicht besetzt werden, mit der Folge, dass zwei von drei Einrichtungen mindestens tageweise die Gruppen schließen müssen. Die Hälfte der befragten Kitas der Landeskirche Hannover muss die Kernbetreuungszeiten kürzen. Zeitungsüberschriften aus Berlin wie „Kitas dem Kollaps nahe. Eltern schlagen Alarm“ oder „Kitas vor dem Ausnahmezustand“ sollten die Behörden aufschrecken lassen. Baden-Württemberg macht Abstriche bei den Standards der Betreuung, wo das Kultusministerium zwei Kinder pro Erzieherin mehr erlaubt.

Vor dem Hintergrund, einer deutschlandweit grassierenden chronischen Personalunterversorgung aller betreuungsrelevanten Dienststellen klingen denn auch die gebetsmühlenartig wiederholten Forderungen der Medien wie auch der Gewerkschaften nach Aufwertung des Erzieherberufs und besserer Bezahlung seltsam weltfremd. Das mag aus der Sicht des hohen Anforderungsprofils durchaus berechtigt sein, wird aber kaum zu einem nennenswerten Zulauf an neuem Personal führen.

Und natürlich wird der Ruf nach ausländischen Fachkräfte – vorzugsweise aus osteuropäischen Ländern – lauter.  Wobei der moralische Einwand, Deutschland würde damit Neokolonialismus betreiben, nicht von der Hand zu weisen ist. Denn tatsächlich leiden diese Länder, die gleichermaßen von den Folgen einer demographischen Schieflage betroffen sind, selbst unter einem Mangel gut ausgebildeter Fachkräfte, die wir ihnen – weil wir bessere Löhne bezahlen können – nun abwerben. Gleiches gilt auch für Spanien, das eine der niedrigsten Geburtenrate Europas aufweist, uns aber aus der Misere helfen soll.

Den Betreuungsnotstand zu verwalten ist keine Option

Allenfalls der Einsatz von Ukrainerinnen, die sich kriegsbedingt hier in Deutschland befinden und die in hohem Maße motiviert sind, Deutsch zu lernen, kommt mittelfristig nach einer entsprechenden Einarbeitung als Erzieherinnen beziehungsweise als Assistentinnen in Frage. Gilt also: Den Betreuungsnotstand weiter verwalten? Dies kann aus der Sicht aller Betroffenen keine Handlungsoption sein. Vielmehr muss das strukturelle Problem des Personalmangels als ein dauerhaftes begriffen werden. Es kann also nicht darum gehen, den Notstand weiter zu verwalten oder gar eine Ausweitung der Fremdbetreuung hinzunehmen. Vielmehr muss sich die personelle Ausstattung der Krippen an den Erfordernissen einer am Kindeswohl ausgerichteten Betreuung orientieren. Ein „Weiter so" der insgesamt überforderten Kita-Betreuung, so wie dies die Agenda des Familienministeriums vorsieht, zeigt einmal mehr eine ideologisch fixierte Politikgestaltung, die die Fehlentwicklungen eines von ihr präferierten Betreuungsmodells negiert, das sich dadurch auszeichnet, dass es ausschließlich Fremdbetreuung, nicht aber die elterliche Betreuung finanziert. Damit verstößt es gegen die Wahlfreiheit der Eltern, die mit ihren Steuern das staatliche Betreuungsmodell mitfinanzieren, aber bei eigener Erziehungsleistung Lohnverzicht hinnehmen müssen.

Lesen Sie auch:

Eine Alternative zur Krippenpolitik ist längst überfällig. Angesichts eines desolaten Krippen-Betreuungssystems, das für die Allerkleinsten eine hohe Stressbelastung darstellt, - was in dieser vulnerablen Entwicklungsphase ein hohes Risiko bedeutet -, sollte der Gesetzgeber die echte Wahlfreiheit für alle Eltern, die ihre eigenen unter drei Jahre alten Kinder selbst betreuen wollen, gesetzlich festschreiben, einschließlich einer adäquaten Honorierung der elterlichen Betreuungsleistung. Dies wäre eine Win-Win-Lösung: Die Krippen würden personell entlastet und Eltern erhielten somit die Wahlfreiheit. Die Kinder könnten stressfrei zuhause betreut werden und zudem würden die Kosten für die Fremdbetreuung geringer ausfallen.
Da von den Bundes- und Landesbehörden sowie von den Trägern der Betreuung kurzfristig kaum effiziente Maßnahmen zur Entspannung der Krippenbetreuung zu erwarten sind und die Entwicklung einer sicheren Bindung beim Kleinkind von staatlicher Stelle ohnehin weniger Bedeutung beigemessen wird, ist den jungen Eltern zu empfehlen, die Delegation der Verantwortung an die Krippe rückgängig zu machen und die Betreuung der eigenen Kinder selbst in die Hand zu nehmen. Und einen entsprechenden finanziellen Ausgleich dafür zu fordern.

Zeitenwende in der Kinderbetreuung nötig

Eine  neue selbst organisierte Kinderbetreuung könnte zur Zeitenwende zugunsten des Kindeswohles werden. Sie würde für die zukünftigen Eltern den Abschied vom Rund-um-Betreuungspaket des vorsorgenden Sozialstaatssystems bedeuten, das Eltern bisher ausgestattet hat mit einem bequemen Automatismus und dem eingebauten Rechtsanspruch, schon vor der Geburt des Kindes einen Krippenplatz ab dem ersten Lebensjahr zugewiesen zu bekommen, einschließlich kostenloser Mittagsverköstigung und Ganztagsbetreuung, inklusive Zusicherung eines weiteren Sorglospakets für den Besuch der ganztagsbetreuten Grundschule. Doch diese Ära einer personalintensiven Kinderbetreuung neigt sich sichtbar dem Ende zu. Gleiches könnte man über das fortgesetzte Ganztagsbetreuungssystem Grundschule sagen, das spätestens mit dem Rechtsanspruch, der naturgemäß mit einer personellen Aufstockung einhergehen sollte, nicht mehr hinzunehmende Qualitätseinbußen aufweist. Wie bei der Krippen- und Kitabetreuung sind es die Kinder, die die Folgen auszubaden haben.

Andere Bereiche, wie zum Beispiel das Gesundheitswesen haben bereits der Not gehorchend schmerzliche Einschnitte in der medizinischen Grundversorgung vorgenommen, um das System als solches am Leben zu erhalten. In der Kinderbetreuung wird es mittelfristig eine Renaissance hin zum Subsidiaritätsprinzips geben müssen, die den Eltern mehr Selbstverantwortung und Selbstorganisation abverlangen wird. Dem Staat wird dagegen die Aufgabe zufallen, flankierende Maßnahmen zum Beispiel  im Bereich der Beratung oder etwa der Sprachfördermaßnahmen zu finanzieren. Für diejenigen Problem-Familien, für deren Kinder eine Krippen- und Kita-Betreuung erforderlich ist, muss eine staatlich subventionierte Betreuung weiterhin aufrechterhalten werden.

Die Zahl der Eltern, die wegen der Massenabfertigung der Kinder in Krippen und Kitas wegen die Betreuung ihrer Kinder selbst in die Hand nehmen, nimmt laut unterschiedlichern Medienberichten zu. Diesen Kindern kann man aus Sicht führender Psychiater und Psychotherapeuten nur gratulieren. Psychiater Hannsjörg Bachmann hat die immensen Folgekosten für die Gesellschaft ausgerechnet, die sich aufgrund der Schädigung der Kleinkinder wegen fehlender Bindung ergeben werden. Der dazu erschienene Artikel in der Frankfurter Allgemeinen war zu Recht überschrieben mit: „Ohne Liebe wird es teuer“.


Der Autor ist Präsident der Stiftung für Familienwerte.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Karl-Heinz van Lier Bertelsmann Stiftung

Weitere Artikel

Ein Plädoyer für eine realitäts- und faktengestützte Familienpolitik.
06.12.2022, 11 Uhr
Franziska Harter
Vom Wirtschaftswunderland zum Land, in dem es an allen Ecken und Enden fehlt. Das sind die Gründe.
30.10.2022, 15 Uhr
Heinrich Wullhorst

Kirche

Katholiken und Orthodoxe seien „gemeinsam zum gleichen Ziel unterwegs“, sagt der Grazer Bischof Krautwaschl.
02.02.2023, 19 Uhr
Stephan Baier
Menschenrechte gegen Katechismus: Eine Podiumsdiskussion über die Sexualmoral des Synodalen Weges fördert erneut weltanschauliche Gräben zutage.
02.02.2023, 13 Uhr
Anna Diouf
Bei zwei Begegnungen spricht sich der Papst für den Frieden und die Bekämpfung der Armut im Kongo aus. Hass und Gewalt seien niemals zu rechtfertigen, sagte er.
01.02.2023, 21 Uhr
José García
Man erhoffe sich von der Führung im Südsudan ein erneutes Bekenntnis zum Frieden und Bemühungen, das Friedensabkommen umzusetzen, so der Vatikanvertreter bei der UNO.
01.02.2023, 16 Uhr
Meldung