Hauptstadt des Atheismus

Um für den Glauben zu begeistern, braucht es keine Mehrheit

Von Markus Reder

Gut möglich, dass seine Biografen eines Tages die Niederlage von Pro Reli als größten politischen Erfolg von Klaus Wowereit bezeichnen werden. Die Chancen dazu stehen schon deshalb nicht schlecht, weil die Bilanz des Regierenden Bürgermeisters ansonsten äußerst dünn ausfällt. Umso polternder hat Rot-Rot in Berlin den Sieg über die Wahlfreiheit gefeiert.

Der Kampf gegen die Religion wird zunehmend offen ausgetragen und mit aller Härte geführt. Im großen Kampf um Gott war der Streit um den Religionsunterricht in Berlin nur ein kleines Kapitel. Allerdings eines, das die Frontstellungen deutlich gezeigt hat.

Berlin sei die Hauptstadt des Atheismus, heißt es. Da ist sicherlich einiges dran. In Berlin sind die Neuheiden des Kapitalismus mit den Altheiden des Sozialismus zusammengewachsen. Das prägt das Klima der Stadt. Doch wer in Berlin nur die durchsäkularisierte Boomtown des neuen Atheismus sieht, der verkennt: Gerade in einer areligiösen Umwelt kann ein neues, unbefangenes Interesse an Religion wachsen. Wer in Priesterkleidung oder Ordensgewand Kirche in den Straßen der Hauptstadt präsent und ansprechbar macht, der spürt schnell, was gemeint ist.

Sicher, es wäre völlig absurd, die geistliche Steppe Berlins deshalb zur blühenden Landschaft zu erklären. Doch die Faszination, die von einem authentisch gelebten Christentum ausgeht, ist oft gerade da besonders groß, wo es keinen Glauben gibt. Um für den Glauben zu begeistern, muss man absolut nicht mehrheitsfähig sein. Es kommt allein auf ein glaubwürdiges, mutiges Zeugnis an. Das zumindest verrät die Geschichte der Kirche. Erfahrung mit Minderheitssituationen in vollheidnischem Umfeld gibt es da genügend. Einer wie Paulus macht einen wie Wowereit heute noch nervös. Wowereit indes liest in 2 000 Jahren kein Mensch mehr.

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