Berlin

„Halal“ in Deutschland

Zunehmend übernehmen auch europäische Lebensmittelkonzerne muslimische Nahrungsvorschriften. So findet sich häufig die Bezeichnung „halal“. Was heißt das?
Ausgeblutete Rinder
Foto: Emily Wabitsch (dpa) | Die Halal-Vorschriften haben Auswirkungen auf die Art, wie die Rinder geschlachtet werden.

Mohammed hat seinen Anhängern strenge Nahrungsvorschriften hinterlassen, die im Koran niedergelegt sind. Dadurch sind sie aus der Sicht von Muslimen Gottes Wort, das unhinterfragt befolgt werden muss. Alles, was diesem Gebot entspricht, wird als „halal“ bezeichnet, was aus dem Arabischen übersetzt „erlaubt“ heißt. Das Gegenteil ist „haram“, auf Deutsch „verboten“. Eine häufige Assoziation zu halal ist das Schächten, das schmerzhafte Ausbluten der Tiere bei vollem Bewusstsein. In Sure 5, Vers 3 des Korans, heißt es: „Verboten ist euch der Genuss von Fleisch von verendeten Tieren, Blut, Schweinefleisch und von Fleisch, worüber beim Schlachten ein anderes Wesen als Allah angerufen worden ist, und was erstickt, zu Tod geschlagen, zu Tod gestürzt oder von einem anderen Tier zu Tode gestoßen ist, und was ein wildes Tier angefressen hat – es sei denn, ihr schächtet es, indem ihr es nachträglich ausbluten lasst.“

Ohne Betäubung mit einem großen Schnitt getötet

Um nicht Gefahr zu laufen, gegen diese Vorschrift zu verstoßen, werden die Tiere in den meisten islamischen Staaten ohne Betäubung mit einem einzigen großen Schnitt quer durch die Halsunterseite getötet, damit sie komplett ausbluten. Rechtsgutachten erlauben zwar das Betäuben, es wird jedoch in der Regel vermieden, weil befürchtet wird, die Tiere könnten dadurch sterben. Dann gelten sie als „verendet“ und damit als haram. Die wörtliche Befolgung des Korans steht über dem Tierschutz. Wie aus der entsprechenden Sure hervorgeht, muss Allah während des Schlachtens angerufen werden. Es gibt jedoch auch in der islamischen Welt immer mehr maschinell betriebene Schlachthöfe und Massentierhaltung. Dort wird Allah angerufen, bevor die Maschinen in Betrieb genommen werden. Dass die Anlage nach Mekka ausgerichtet ist, ist erwünscht, aber nicht zwingend vorgeschrieben.

Halal umfasst mehr als nur das Schächten. Schweinefleisch und dessen Nebenprodukte wie Gelatine oder Emulgatoren ebenso wie Alkohol sind grundsätzlich verboten. Damit die Gläubigen sicher sein können, dass die strengen Vorschriften eingehalten wurden, werden Halal-Produkte zertifiziert. In streng islamischen Ländern wird die Einhaltung allerdings vorausgesetzt.

Mit der wachsenden Zahl von Muslimen wächst auch in Europa das Bedürfnis nach Halal-Produkten. Da innerhalb der muslimischen Gemeinden das Misstrauen gegenüber der Nahrungsproduktion durch Nicht-Muslime (arabisch „Kuffar“, Ungläubige) groß ist, gibt es ein ausgeklügeltes Zertifizierungs-System. Dabei arbeiten die muslimischen Prüfer eng mit Moscheen und Muslimverbänden zusammen, um über jeden Verdacht erhaben zu sein.

Vorreiter ist Nestlé mit Maggi

In dem Zertifizierungsprozess werden nicht nur die Produktionsstätten und Schlachthöfe regelmäßig inspiziert, sondern auch die Wege und die Herkunft der Waren nachverfolgt sowie Proben genommen, um sicherzustellen, dass nirgends eine Spur von Alkohol oder Schweinefleisch enthalten ist. Selbst die Pflege der Anlagen fällt unter die Vorschriften. Alkohol oder Fette aus Haram-Produkten dürfen auf keinem Fall bei der Reinigung benutzt werden. Erst dann erhält ein Produkt das Signum halal, wofür es jedoch keine einheitlichen Standards gibt. Zahlreiche große und kleine europäische Firmen bieten inzwischen Halal-Produkte an. Vorreiter ist der Schweizer Nestlé-Konzern mit seinen zahlreichen Produkten wie Maggi, Nescafé, Caro-Kaffee, Smarties, Thomy, Herta-Fleischprodukte und vieles mehr. Nestlé stieg vor etwa zehn Jahren in den europäischen Halal-Markt ein. Als weltweit operierender Großkonzern blickt das Unternehmen auf eine lange Geschäftserfahrung in den islamischen Ländern zurück. Das machte es dem Unternehmen leicht, auch in Europa das Vertrauen der Muslime zu gewinnen. Nestlé verfügt weltweit über knapp 500 Produktionsstätten. Davon sind etwa 20 Prozent, „halal“-zertifiziert, Tendenz steigend.
Die für den europäischen Markt wichtigsten befinden sich in der Türkei. Der Umsatz liegt inzwischen deutlich im Milliarden-Euro-Bereich. Auch Toblerone, das Symbol für die Schweiz schlechthin, gibt es inzwischen halal. Dahinter steckt der wenig bekannte Riese Mondelez International, dessen Produkte aber buchstäblich in aller Munde sind: Milka, Marabou, Kaba, Suchard Express, Philadelphia-Käse, etc.

Ein besonderer Verkaufsschlager wurden halal-zertifizierte Haribo-Bärchen, die eine Agentur aus Düsseldorf für den deutschen Markt in der Türkei produzieren lässt. Auch Deutschlands größter Geflügelschlachter Wiesenhof, der durch Corona in Verruf geratene Produzent Tönnies und zahlreiche mittelständische Produzenten bieten Halal-Produkte an. Noch bedeutender ist der „Halal“-Markt in Großbritannien und Frankreich mit den größten islamischen Gemeinschaften Europas. Halal-Produkte finden sich nicht nur in Ethno-Läden mit überwiegend muslimischen Konsumenten, sondern auch in den großen Ketten Aldi, Rewe, real und Edeka.

Kelek: Nicht Respekt, sondern Geschäftssinn

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Die Soziologin Necla Kelek sieht in der Entwicklung weniger Respekt vor einer fremden Kultur als Geschäftssinn. Marktanalysen geben ihr recht. Die wachsende Zahl der Muslime in Europa ist ein lukrativer Markt, der nicht länger ignoriert werden soll. Erhebungen unter den Muslimen sprechen eine deutliche Sprache: Über 90 Prozent bestehen auf „Halal“-Produkten. Allein unter den Aleviten ist das Bedürfnis mit 50 Prozent nicht sehr ausgeprägt.

Necla Kelek stört sich vor allem daran, dass „halal“ mit „rein“ gleichgesetzt wird: „In der Türkei habe ich gesehen, wie gläubige Muslime auf der Straße im Dreck Tiere quälend schächteten. Tausende Fliegen saßen darauf – anschließend wurde das Fleisch als ,halal‘ verkauft“, beklagt sie. Tatsächlich sagt die entsprechende Zertifizierung nichts über Gesundheits- und Hygieneaspekte, die nicht eigens geprüft werden. In Deutschland sorgt die Schächtung immer wieder für Kontroversen, denn dabei kollidieren zwei grundgesetzlich verankerte Werte miteinander, der Tierschutz und die Religionsfreiheit. Betäubungsloses Schächten ist im Prinzip verboten und wird – theoretisch – als Ordnungswidrigkeit bestraft. Es gibt jedoch Ausnahmen.

Das Bundesverwaltungsgericht hat 2006 entschieden, eine solche Ausnahme ist zu erteilen, wenn das Fleisch von Personen verzehrt wird, denen religiöse Vorschriften den Konsum von geschächteten Tieren zwingend vorschreiben. Die meisten „Halal“-Schlachtungen finden allerdings mit Betäubung statt. In Frankreich dagegen wird fast ein Drittel dieser Schlachtungen ohne Betäubung durchgeführt. „Halal“ bezieht sich nicht nur auf Lebensmittel. Mindestens ebenso schnell wächst der Markt für korankonforme Kosmetikprodukte. Das ruft auch andere Großkonzerne wie Bayer, Evonik oder Merck auf den Plan, die sich der Zertifizierung unterwerfen, weil sie ein lukratives Geschäft erwarten. Vorreiter ist dabei L?réal, der weltweit führende Kosmetikhersteller aus Frankreich, der sich inzwischen fest in der islamischen Welt etabliert hat. Bei einer Wachstumsrate von 12 bis 15 Prozent – bei Halal-Kosmetik wird bis 2022 ein weltweiter Umsatz von 55 Milliarden Euro erwartet. Letztlich ist halal mehr als „erlaubte Produkte“. Es ist eine Lebensart ganz im Einklang mit den Vorschriften Mohammeds, die in Deutschland einen immer größeren Raum einnimmt.

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