Gut gemeint, aber weltfremd

Die FDP will, dass nach Scheidungen sich beide Eltern das Sorgerecht teilen – Kritik vom Familienbund der Katholiken. Von Heinrich Wullhorst
Unterhaltsstreit beschäftigt BGH
Foto: dpa | Im Mittelpunkt soll nach einer Scheidung das Wohl des Kindes stehen.
Unterhaltsstreit beschäftigt BGH
Foto: dpa | Im Mittelpunkt soll nach einer Scheidung das Wohl des Kindes stehen.

Scheidungen sind für Kinder immer eine große Belastung. Wichtig ist es für sie zumeist, dass sie nach dem ganzen Stress, den die Trennung der Eltern mit sich bringt, zur Ruhe kommen können. Deshalb war es den Gerichten bislang wichtig, dass zumindest die Aufenthaltsregelung nach der Scheidung für eine gewisse Stabilität sorgte. Nach dem sogenannten Residenzmodell, dem die Familienrichter zumeist folgen, leben die Kinder überwiegend bei einem der Elternteile. Das ist zumeist die Mutter, der auch im Streitfall die Kinder regelmäßig zugesprochen werden.

FDP will „antiquiertes Rollenbild“ brechen

Die FDP glaubt, das sei nicht die richtige Lösung für Trennungsfamilien. „Das deutsche Familienrecht braucht dringend ein Update“, fordert die FDP-Bundestagsabgeordnete Katrin Helling-Plahr im ZDF. Deshalb setzen sich die Liberalen jetzt für ein „Wechselmodell“ als Regelfall ein, bei dem die Kinder in Streitfall mal bei der Mutter und dann wieder beim Vater wohnen sollen. Bei ihrer Forderung nehmen sie Bezug auf eine Studie des Allensbach-Instituts. Die Meinungsforscher hatten im Auftrag des Bundesfamilienministeriums danach gefragt, wie sich Paare die Aufteilung der Sorge für ihre Kinder vorstellen.

Das Ergebnis: Gewollt ist eine „partnerschaftliche Aufteilung“. Helling-Plahr und ihre Parteifreunde glauben: „Das verbreitete Prinzip ,Einer betreut, Einer bezahlt‘ ist längst überholt. Während viele Paare bis zur Trennung ein modernes Familienbild leben, werden sie nach der Trennung durch die geltende Rechtslage in ein antiquiertes Rollenverständnis gedrängt“, lautet die Kritik. Im Nachbarland Belgien ist das Wechselmodell bereits seit mehr als zehn Jahren Gesetz. Die sogenannte Co-Elternschaft wurde dort als gesetzlicher Regelfall festgeschrieben. Beide Eltern müssen sich zu gleichen Teilen um das Kind kümmern. Das gilt nicht nur für Entscheidungen, wie beim gemeinsamen Sorgerecht üblich. Die Kinder werden auch abwechselnd und gleich lang von beiden Elternteilen betreut.

In Deutschland gibt es bislang keine Festschreibung bezüglich der Betreuungsform. Vielmehr orientieren sich die bislang in einer Einzelfallbetrachtung am Kindeswohl. Es ist die Maxime für die Entscheidungen der Familienrichter. Es erstaunt, dass die Partei, die ansonsten in vielen Politikfeldern starre gesetzliche Regelungen ablehnt, im Familienrecht nun einen anderen Weg zu gehen beabsichtigt. „Getrennt leben, gemeinsam erziehen“ ist der Antrag überschrieben, mit dem die FDP eine Änderung herbeiführen will, deren Sinn sich vielen Experten nicht erschließt

Vor Scheidungen stehen in der Regel Konflikte

Der Präsident des Familienbundes der Katholiken, Ulrich Hoffmann, hält das Wechselmodell als gesetzlichen Regelfall nicht für sinnvoll, erklärt er gegenüber der „Tagespost“. „Die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Betreuungsmodell muss sich immer am Wohl des Kindes orientieren“, fordert er. Die gleichmäßige Betreuung des Kindes durch beide Eltern sei nur dann im Sinne des Kindes, wenn die Eltern trotz Trennung weiterhin einen guten und konfliktfreien Umgang miteinander haben. „Leider ist das nicht oft der Fall“, stellt Hoffmann fest. Es spreche daher alles dafür, beim bisherigen Recht zu bleiben. „Wenn es keine Konflikte gibt und sich beide Eltern einig sind, können sie auch jetzt schon ein Wechselmodell vereinbaren. Als Regelmodell taugt es nicht.“

Auch andere Verbände und Wissenschaftler stehen dem FDP-Vorschlag sehr skeptisch gegenüber. Das wurde in der vergangenen Woche in einer Expertenanhörung im Deutschen Bundestag deutlich. Der Verband alleinerziehender Väter und Mütter merkte an: „Das Wechselmodell als Regelfall verhindert die jeweils beste Lösung für das Kindeswohl.“ Diese müsse sich nämlich am konkreten Einzelfall orientieren und könne nicht pauschal durch den Gesetzgeber bestimmt werden. Auch der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen unterstützt diese Einschätzung. Die Dominanz eines Modells werde der Kinderperspektive nicht gerecht. „So vielfältig wie Familien sind, so individuell müssen die Lösungen sein, wenn sich Eltern nach Trennung oder Scheidung gemeinsam um ihre Kinder kümmern wollen“, betont das Vorstandsmitglied der Evangelischen Diakonie, Maria Loheide.

Neben diesen aus der Rechtspraxis hergeleiteten Argumenten gibt es Sachgründe, die gegen den permanenten Wechsel sprechen. So merkt der Juristinnenbund an, dass das System voraussetze, dass beide Elternteile in einer finanziell gut aufgestellten Situation leben müssten. Zwei ausreichend große Wohnungen, die den permanenten Wechsel ermöglichen, könnten sich die beiden getrennt lebenden Eltern oftmals gar nicht leisten.

Groko lehnt Vorschlag ab

Die FDP-Idee dürfte nicht nur an den Kindeswohlgrundsätzen und am Geld scheitern. Die Liberalen werden im Bundestag wohl keine Mehrheit finden. Die Regierungsparteien haben sich deutlich gegen die Festschreibung des Wechselmodells ausgesprochen. Justizministerin Katarina Barley verfügt zwar selbst über ausreichende Erfahrung in der Anwendung des Modells, da sie es nach ihrer eigenen Scheidung praktiziert hat. Sie glaubt aber ebenso wenig, dass im Trennungsrecht eine Regellösung sinnvoll ist, wie die rechtspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion, Elisabeth Winkelmeier-Becker.

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Deutscher Bundestag Elisabeth Winkelmeier-Becker FDP Familienrecht Katarina Barley Kindeswohl Scheidung Trennung

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