Interview mit Rolf Tophoven

"Guerilla-Kriege überlappen mit dem Terrorismus"

Das konventionelle Kriegsbild ist durch "Kleine Kriege" in Guerilla-Manier, Desinformation und Cyber-Attacken erweitert worden. Ein Interview mit dem Sicherheitsexperten Rolf Tophoven
Moderne Kriegsführung
Foto: Alena Kilchytskaya (201733921) | "Heute kann ein einziger Terrorist durch einen Druck auf die Tastatur von seinem Laptop mehr Schaden anrichten als mit einer Bombe", meint Rolf Tophoven.

Herr Tophoven, bevor wir unseren Blick auf neue Formen kriegerischer Auseinandersetzung richten, wie würden Sie den herkömmlichen Krieg definieren?

Das klassische Kriegsbild sah so aus: Regulär anerkannte Staaten kämpfen gegeneinander am Boden, auf dem Wasser und in der Luft. Und diese Armeen besitzen den sogenannten Kombattantenstatus, die Angehörigen dieser Armeen unterliegen also bestimmten kriegsvölkerrechtlichen Bestimmungen wie der Genfer Konvention. Aktuell kann man am Beispiel von Russland sehen, wie vermieden wird, den Begriff "Krieg" zu verwenden, stattdessen spricht die russische Seite von "Spezialoperation". Also auch hier eine Abkehr von dem klassischen Modell, allerdings vor allem aus propagandistischen und rechtlichen Gründen. 
Schauen wir aber auf die Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg zeigt sich noch eine viel weitergehende Entwicklung ab: Das konventionelle Kriegsbild ist durch Guerilla-Kriege, man kann auch sagen durch "Kleine Kriege" erweitert worden. Wir sprechen heute von asymmetrischer Kriegsführung. Besonders deutlich wurde dies zuerst im Vietnam-Krieg, wo solche Guerillas für ihre nationalen Interessen gegen die USA gekämpft haben. Heute kann man beobachten, wie sich diese Guerilla-Kriege mit dem Terrorismus überlappen. Und gegen diese Art der Kriegsführung kommt man mit den Mitteln der regulären Kriegsführung nicht mehr an, hier helfen keine starke Panzer-Infanterie und keine Luftwaffe. Wir haben es hier mit einer unglaublichen Verwerfung zu tun.

"Wir haben es hier mit einer unglaublichen Verwerfung zu tun"

Terroristen sind dann also auch in gewisser Weise "Krieger". Wie verändert dies die Bedingungen der Kriegsführung?

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Kriege aus dem Untergrund hatte es mit kleinen Kadern schon immer in der Geschichte gegeben. Die große Zeitwende allerdings in dieser Entwicklung markiert hier der 11. September 2001. Die Al-Quaida-Anschläge auf die Twin Towers in New York haben bewiesen, wie mit terroristischen Mitteln die damals größte Militärmacht der Welt in ihr Herz getroffen werden kann. Vorher hat man so einen Schlag zwar theoretisch schon für möglich gehalten, aber eher als theoretisches Szenario. Doch dieser Tag hat dann tatsächlich für einen Epochenbruch gesorgt. Al Quaida war aber nur der "Türöffner" für diese Entwicklung. Seitdem können wir beobachten, wie solche terroristischen Gruppen mit einer globalen Agenda weltweit Krieg führen. Das andere bedeutende Beispiel ist der sogenannte "Islamische Staat".  Der IS konnte immerhin für vier Jahre den ersten "Terrorstaat" errichten.   

Wenn wir auf das Guerilla-Konzept schauen: Klassische Kriege haben einen klaren Anfang und ein klares Ende. Gilt das hier auch noch?

Das, was Russland zurzeit
in der Ukraine macht, das ist Staatsterror

Der Guerilla-Krieg ist vor allem ein Krieg ohne Fronten. Und das macht es dann tatsächlich schwierig, genau Anfang und Ende zu bestimmen. Was das bedeutet, kann man gut an einem historischen Beispiel zeigen: In diesem Jahr jährt sich zum 50. Mal der Anschlag palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München. Nachdem der Sechstagekrieg verloren worden war, hat die palästinensische Seite ihre Strategie im Kampf gegen Israel geändert und ist eben auf die Form des "Kleinen Krieges" übergegangen. Durch solche Kleinkriege im Sinne von Carl von Clausewitz kann man zwei Ziele erreichen: Zum einen macht man weltweit auf die eigene politische Agenda aufmerksam. Zum anderen wird der Terror exportiert. Die großen westlichen Metropolen werden so zum Angriffsziel, obwohl sie außerhalb des eigentlichen Kampfgebietes liegen. Nochmal ein Sprung in die Gegenwart: Das, was Russland zurzeit in der Ukraine macht, das ist Staatsterror. Die russische Armee terrorisiert die Ukraine und macht dort in ihrem Zerstörungswerk einfach alles platt. Der Terror des "Kleinen Krieges" ist aber viel subtiler. Sowohl mit Blick auf den physischen Einsatz, es sind viel weniger "Terrorkrieger" nötig, als auch auf die propagandistischen Möglichkeiten, die sich bieten.

Eine zentrale Facette der "neuen Kriege" ist der sogenannte "Cyberwar". Wie sieht diese Form der Kriegsführung aus und welche strategischen Herausforderungen ergeben sich dadurch?

Rolf Tophoven

Die Digitalisierung bietet für diese Kriegsführung ungeheure Möglichkeiten. Es kommt zu einer Mixtur aus physischer und virtueller Kriegsführung. Und diese virtuelle Form entlastet in gewisser Weise auf der physischen Ebene, weil weniger "Krieger" nötig sind, um sie umzusetzen. Heute kann ein einziger Terrorist durch einen Druck auf die Tastatur auf seinem Laptop mehr Schaden anrichten als mit einer Bombe. Die Digitalisierung hat aber auch Auswirkungen auf die Rekrutierung neuer "Krieger". Die Anschläge im Westen werden ja größtenteils durch sogenannte Einzeltäter durchgeführt. Eine Ausnahme waren die Anschläge in Paris 2015, wo ein gut ausgebildetes Attentäterteam des IS aktiv war. Die Einzeltäter aber kann man via Internet mobilisieren. Dort werden sie einmal propagandistisch indoktriniert und sie finden dort auch Anleitungen für ihre Anschläge. Voraussetzung ist dabei, dass diese Gruppen so wie der "IS" eine Ideologie mit einer globalen Agenda vertreten und ihr Feindbild sozusagen weltweit exportieren.

Diese Form des Krieges hat eine psychologische Dimension. Der Gegner wird durch Terror auch psychisch zermürbt. Heute wird neudeutsch vor diesem Hintergrund oft von der sogenannten Resilienz gesprochen. Wie ist es nach Ihrer Sicht um die Resilienz der Deutschen bestellt?

Ich kann mich noch erinnern, als im Weißbuch der Bundeswehr zum ersten Mal der Begriff "Resilienz" auftauchte und mich ein Oberst fragte, was denn eigentlich darunter zu verstehen sei. Man sollte vielleicht lieber von Widerstandsfähigkeit sprechen, das ist besser verständlich. Und wie sieht es mit der aus? Wir haben es jetzt ja im Fall des russischen Angriffskrieges gesehen. In Deutschland hat man so einen Krieg in Europa einfach nicht mehr für möglich gehalten. Wir müssen lernen, mit solchen neuen Bedrohungen umzugehen.In Israel etwa ist das anders, dort ist man gewohnt, damit zu leben. 

Ziel solcher Cyberwar-Attacken sind nicht nur staatliche Stellen. Auch die Wirtschaft kann angegriffen werden. Ist diese Bedrohung in Deutschland schon erkannt worden?

"Die Cyberkriminalität ist die am
schnellsten wachsende Kriminalitätsform"

Die Cyberkriminalität ist die am schnellsten wachsende Kriminalitätsform. Betroffen sind vor allem kleine und mittelständische Unternehmen. Die Wirtschaft ist technologisch hier oft noch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts. Das ist aber natürlich auch alles eine Frage des Geldes. Ist der Unternehmer bereit, zu investieren oder geht er das Risiko ein, nicht zum Opfer eines Angriffes zu werden? Es gibt hier eine exorbitante Schwachstelle. Vielfach werden die Lücken erst geschlossen, nachdem es bereits passiert ist. Die durch Internetkriminalität erzeugte Schäden gehen allein in deutschen Unternehmen in zweistellige Milliarden Euro (geschätzt über 54 Milliarden, europaweit über 327 Milliarden Euro).

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