Politik

Großer Wandel in der kleinen Herde

Millionen Touristen besuchen Jahr für Jahr die christlichen Spuren Konstantinopels. An den Christen von heute gehen sie jedoch achtlos vorüber. Eine Spurensuche im Heute Istanbuls. Von Stephan Baier
Hagia Sopia - Millionen Touristen besuchen Jahr für Jahr die christlichen Spuren Konstantinopels.
Foto: sb, Adobe Stock

Aus den Lautsprechern auf den Minaretten der Hagia Sophia dröhnt blechern der Ruf des Muezzin. Im Wechsel mit jenen der nahen Sultanahmet-Moschee ruft er die gläubigen Muslime zum Gebet. Fast ein Jahrtausend lang war die Hagia Sophia die größte Kirche der Christenheit, der Nabel des byzantinischen Reichs und Krönungsort seiner Kaiser. Dem Drängen radikaler Splittergruppen, die in ihr nur die Reichsmoschee des Osmanischen Imperiums sahen, die sie von 1453 bis zum Ende des Sultanats ja auch war, hat die Türkei bisher nicht nachgegeben. Seit 1935 gilt sie als staatliches Museum. Der Ruf des Muezzin weckt angesichts der prachtvollen christlichen Mosaike der Hagia Sophia gleichwohl Wehmut über das Verlorene, Verschüttete, Vergangene.

Was sucht, wer heute nach Spuren des christlichen Konstantinopel fahndet? Nur das Gestern? Im Jahr 1914 waren nur 44 Prozent der Einwohner Istanbuls Muslime. Heute leben bestenfalls 150 000 Christen unter 81 Millionen Muslimen in der Türkei. Eine verschwindend kleine Minderheit, fast erwürgt vom Laizismus früherer Regierungen, fast vergessen vom Westen. Mit der AKP kam die Wende: „Seit 16 Jahren ist die Regierung der Türkei sehr achtsam gegenüber den Christen. Das haben wir in der Geschichte der Türkischen Republik so nie erlebt. Diese Regierung versucht uns zu helfen“, sagt der Präsident der syrisch-orthodoxen Kirchenstiftung, Sait Susin, im Gespräch mit der „Tagespost“. Die Kirche könne heute alles kaufen, Geld aus dem Ausland annehmen, Gebäude renovieren. Angesprochen auf die Enteignungen syrisch-orthodoxer Besitzungen im Tur Abdin vor zwei Jahren versichert Susin, da seien alle Probleme gelöst: „Die Regierung machte ein spezielles Gesetz, aufgrund dessen uns alles zurückgegeben wurde. Ein Spezialgesetz, nur für uns!“

Woher rührt dann das Misstrauen der aramäischen Emigration gegen Erdogan? Susins Stellvertreter, Ilyas Gençoglu, erklärt das damit, dass Erdogan von vielen für die Zustände in Syrien verantwortlich gemacht werde. Die Zwischenrufe der Emigranten ärgern ihn: „Seit diese Regierung am Ruder ist, geschehen viele gute Sachen. Wir leben hier in der Türkei und können die Lage beurteilen.“ Die These, hier lebende Christen seien aus Angst vor der Regierung angepasst und eingeschüchtert, weist er zurück: „Wir leben hier als freie Menschen. Niemand zwingt uns, zu lügen!“

Der syrisch-orthodoxe Metropolit Çetin versichert im Gespräch mit dieser Zeitung: „Wir sind loyal zu diesem Land, und jetzt bemüht sich die Regierung, auch loyal zu uns zu sein.“ Der juristische Status seiner Kirche sei absolut zufriedenstellend. Probleme hätten nur jene christlichen Gemeinschaften, die historisch spät ins Land kamen, nicht aber die alten Kirchen.

Das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche in der Türkei, Erzbischof Aram Atesyan, sieht das etwas anders: Der Rechtsstatus des armenischen Patriarchats, das immerhin von Sultan Mehmet II., dem Eroberer Konstantinopels, errichtet wurde, solle endlich anerkannt werden, fordert er im „Tagespost“-Interview. „Zu mir kommen Regierungschefs, Minister, Botschafter und Abgeordnete. Also existiere ich. Aber rein rechtlich gibt es keinen Patriarchen und kein Patriarchat.“ Seit zehn Jahren kämpfe er darum, den Rechtsstatus wiederzuerlangen. Das Patriarchatsgebäude, in dem wir uns unterhalten, gehöre einer Kirchenstiftung. Diese werde verwaltet von armenischen Laien: „Diese Leute könnten sogar unsere Kirchen verkaufen“, klagt der Patriarchalvikar.

Auch er ist mit der AKP-Regierung zufrieden: „Nach 1915 haben nicht nur wir Armenier, sondern alle Christen schwer gelitten. Tausende Besitzungen haben sie uns weggenommen. Sie erlaubten nicht, dass wir unsere Kirchen renovieren und unsere Schulen erhalten.“ Die Wende kam mit der Machtübernahme von Erdogans AKP 2002: Mehr als 500 Kirchen wurden allein den Armeniern zurückgegeben. „Die Regierung erlaubt nicht nur, unsere Kirchen zu renovieren, sondern hat selbst damit begonnen.“ Vor 2002 hätten viele Armenier in der Türkei Angst gehabt, sich zu ihrer Identität zu bekennen. Darum ließen sie als Bekenntnis im Ausweis „Muslim“ eintragen, um für Türken gehalten zu werden. Heute hätten sie die Angst verloren – und zudem die Möglichkeit, den Eintrag zu ändern. „Jene, die Christen sein wollen, können ihren Religionseintrag wechseln.“ Nicht mehr vor Gericht, wie früher, sondern unproblematisch bei der Behörde. Auch Konversionen seien heute möglich.

Besonders wichtig ist Erzbischof Atesyan, dass über die Gräueltaten gegen die Armenier im Jahr 1915 endlich offen gesprochen wird: „Diese Regierung hat genehmigt, über die Geschehnisse von 1915 zu diskutieren – sogar im Parlament.“ Mittlerweile werde im türkischen Fernsehen darüber debattiert. Seit 2015 erhalte er jedes Jahr eine Kondolenzkarte des Präsidenten. Warum aber sehen das die Armenier im Ausland so ganz anders? „Das liegt am Nationalismus der Armenier in Armenien wie in der Diaspora. Sie mögen die Türkei nicht und wollen nicht akzeptieren, dass sich in diesem Land viel verändert hat. Aber wir leben hier und erleben, was sich ändert“, antwortet der Erzbischof. Und weiter: „Fanatische Armenier fordern, die Regierung müsse die Taten als Genozid anerkennen. Wir türkischen Armenier brauchen das nicht! Wir sind glücklich, dass der Präsident uns schreibt und uns sein Beileid ausspricht.“ Immerhin habe Erdogan „das Böse, das geschah“ öffentlich bedauert.

Für das frostige Klima zwischen Ankara und Jerewan macht Atesyan beide verantwortlich: „Ich glaube derzeit nicht, dass man näher zusammenrücken kann, weil fanatische Armenier von der Türkei verlangen, die Untaten von 1915 als Genozid anzuerkennen. Und weil diese Seite umgekehrt verlangt, Armenien müsse sich aus Berg-Karabach zurückziehen.“ Es gebe Armenier, die sich weigerten, die Türkei zu besuchen. Der Patriarchalvikar lächelt: „Aber jene, die kommen, wollen gar nicht mehr gehen. Mehr als 30 000 Armenier kamen in die Türkei, um hier zu arbeiten. Sie beantragten Visa für einen Monat – und blieben zehn Jahre.“ Für 70 000 Gläubige ist Atesyan verantwortlich, das ist „die Mehrheit innerhalb der christlichen Minderheit“. Fast alle leben mittlerweile in Istanbul, wo sie 35 Kirchen besitzen. Für die etwa 2 000 Armenier im Rest des Landes stehen weitere sieben Kirchen zu Verfügung. 13 Schulen besitzt die armenisch-apostolische Kirche, drei die armenisch-katholische Kirche.

Anders als in Ägypten gebe es in der Türkei keine Attacken auf Priester oder Kirchen. Vor einigen Tagen habe jemand „Mit euch ist es aus!“ an eine Kirchentüre geschmiert. Der Polizeichef habe ihm versichert, den Kerl rasch zu schnappen – alles sei videoüberwacht, schmunzelt der Erzbischof. Der armenische Bischof Sahak Maºalyan sieht im Gespräch mit dieser Zeitung kein Problem der Islamisierung: „99 Prozent der Einwohner sind Muslime, und die Politik orientiert sich an der Bevölkerung des Landes. Ich glaube aber, dass dieses Land starke säkulare Wurzeln hat.“

Tatsächlich sind die armenischen, griechischen und katholischen Kirchen Istanbuls nicht nur gut sichtbar, sondern meist ohne Kontrolle zu betreten. Vor dem armenischen Patriarchat in Kumkapi und vor dem Sitz des Ökumenischen Patriarchen in Fener hat die Polizei verkehrsberuhigte Zonen eingerichtet, mehr nicht. In den katholischen Kirchen Sent Antuan und St. Maria Draperis schauen oft neugierige Muslime vorbei. Vor dem Kommuniongang in der gut besuchten Antoniuskirche verschafft sich eine Gemeindemitarbeiterin Gehör: Nur Katholiken seien zur Kommunion eingeladen, sagt sie, und es gebe nur Mundkommunion.

In der Stephanskirche von Yeºilköy bringt der polnische Kapuzinerpater Pawel Szymala neue Farben ins Bild: Aggressionen gegen die Kirche gebe es nicht, aber als Minderheit müsse man vorsichtig sein. In seiner Heimat Polen würde man einen Muslim ja auch fragen, was er denn hier mache. So gehe es auch Nicht-Muslimen in der Türkei. „Man muss aufpassen, was man kritisiert. Sonst hört man schnell: Geh doch weg, wenn es dir hier nicht gefällt.“ Die Christen hätten in der Türkei nicht wegen ihres Glaubens zu leiden, sondern allenfalls weil sie in der Minderheit sind, weil sie „nicht Teil eines Clans sind“. Das betrifft auch Konvertiten: „In meiner Gemeinde gibt es mehr getaufte Türken als alte Lateiner“, versichert der Pater, der für die Begleitung von türkischen Taufbewerbern im ganzen Land zuständig ist.

Das alte Bild von der katholischen Ausländerkirche stimmt immer weniger: Immer öfter wird die Messe auf Türkisch zelebriert. Katechumenen, die keinen speziellen nationalen Hintergrund mitbringen, werden in die römisch-katholische Kirche integriert. Die Altorientalen täten sich viel schwerer, getaufte Ex-Muslime zu akzeptieren, weiß Pater Pawel. Drei Jahre dauert das Katechumenat hier, denn einige Interessenten kämen mit „unzureichender Motivation“, etwa weil sie in der Taufe ein Ticket nach Europa oder die Chance auf Wohlstand sehen würden. Ein Pater, der seit vielen Jahrzehnten in Istanbul wirkt, bestätigt gegenüber dieser Zeitung: Konversionen von Muslimen zum Christentum seien in der Türkei unproblematisch. Verboten seien lediglich die anti-islamische Agitation und die Taufe muslimischer Kinder.

Bedrohlich geschmolzen ist die Zahl der einst dominierenden griechisch-orthodoxen Kirche. Auf 1 500 bis 2 000 Gläubige schätzen Experten die Gemeinde des Ökumenischen Patriarchats am Bosporus. Für die Kemalisten galt Bartholomaios nur als Seelsorger dieser Orthodoxen türkischer Staatsbürgerschaft. Jede internationale Kompetenz wurde ihm abgesprochen. Unter Erdogan wird der „Ökumenische Patriarch von Konstantinopel“ wieder offiziell als solcher tituliert, zu hochrangigen Begegnungen mit Staatspräsidenten und Regierungschefs geladen, von der Regierung empfangen und hofiert. Dass der Patriarch den griechischen Regierungschef Alexis Tsipras jüngst auf die Prinzeninsel Heybeliada (griechisch „Chalki“) führte, wo das im Jahr 1971 konfiszierte orthodoxe Priesterseminar steht, auf dessen Rückgabe Bartholomaios hofft, störte Erdogan nicht. Im Gegenteil, hofft der Präsident doch auf einen guten Deal mit Griechenland: Ankara würde Bartholomaios die Immobilie auf Chalki gerne rückerstatten, wenn Athen im Gegenzug den Bau einer Moschee erlaubt. Ganz umsonst sind die Gnadenerweise des Sultans selten.

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