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Glaubensfreiheit in der Krise: Venezuelas Kirche zwischen Staat und Gewalt

In Venezuela geht der Katholizismus zurück, evangelikale Kirchen wachsen. Gleichzeitig dokumentieren Berichte Einschüchterung, „administratives Lawfare“ und neuen Druck auf unabhängige kirchliche Stimmen.
Heiligsprechung von José Gregorio Hernández und Carmen Rendiles
Foto: IMAGO/Ivan Mc Gregor (www.imago-images.de) | Am 19. Oktober 2025 feierten die Venezolaner die ersten Heiligsprechungen von Landsleuten: José Gregorio Hernández und Carmen Rendiles.

Die jüngsten Umbrüche in Venezuela – die Festnahme Nicolás Maduros am 3. Januar 2026 einerseits, die Heiligsprechung der ersten venezolanischen Heiligen José Gregorio Hernández und Carmen Rendiles am 19. Oktober 2025 andererseits – haben die Rolle von Religion und besonders der katholischen Kirche, wieder in den Mittelpunkt gerückt. Denn Venezuela erlebt zugleich einen Wandel der religiösen Landschaft und wachsenden Druck auf unabhängige Glaubensakteure.

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Im letzten Jahrzehnt ist das Land deutlich pluraler geworden. Nach Daten des „Pew Research Center“ wuchsen 2014 noch 86 Prozent der Venezolaner katholisch auf, doch nur 73 Prozent bezeichneten sich (damals) als katholisch; rund 17 Prozent wurden als Protestanten erfasst. Pew betont außerdem, dass Protestanten im Schnitt stärker religiös engagiert sind als Katholiken – und dass dieser Abstand in Venezuela besonders groß ausfällt.

Deutlich niedrigere Katholikenzahlen im Jahr 2024

Für 2024 kursieren deutlich niedrigere Katholikenzahlen: Ein religiös orientierter Account („Gracias Dios TV“) nennt 48 Prozent Katholiken und rund 31 Prozent Evangelikale, dazu 14 Prozent Nichtreligiöse und sieben Prozent andere Religionen. Diese Werte sind schwer zu verifizieren und hängen stark von Erhebungsmethoden ab; als Trendindikator passen sie jedoch zu vielen Beobachtungen: Der Katholizismus bleibt kulturell prägend, verliert aber an exklusiver Dominanz, während evangelikale und Pfingstkirchen sichtbarer und politisch relevanter werden.

Neben den großen christlichen Konfessionen gehören synkretistische und volksreligiöse Praktiken weiterhin zum Religionsalltag. Oft wird dafür pauschal „Santería“ gesagt; venezolanisch besonders markant ist jedoch die Religion um María Lionza. Sie wird landesweit praktiziert, gilt aber nicht als Mainstream und wurde lange abgewertet – zugleich gibt es Versuche kultureller Aufwertung. Bei Festen wie in Quibayo wird María Lionza als Göttin von Natur, Liebe, Frieden und Harmonie dargestellt; Rituale werden teils mit Narrativen über indigene Tradition und Widerstand verknüpft.

Katholische Volksfrömmigkeit bleibt parallel über nationale Symbolfiguren stark – besonders über José Gregorio Hernández, den „Arzt der Armen“. Seine Verehrung ist im Land sichtbar, von Straßenkunst bis zu Hausaltären. Die Heiligsprechung erscheint vielen als identitätsstiftendes Ereignis in einer Phase tiefer Krisenerfahrung.

Religion als Spielball der Politik

Politisch wurde Religion spätestens rund um die umstrittene Präsidentschaftswahl 2024 erneut zum Konfliktfeld: Kirchliche Stimmen forderten Transparenz und warnten vor einem Klima der Angst. Gleichzeitig suchte der Staat andere religiöse Verbündete – evangelikale Gemeinden wurden teils öffentlich aufgewertet und mit Vorteilen umworben.

Diese Dynamik entfaltet sich in einem Umfeld, in dem Religionsfreiheit zwar verfassungsrechtlich garantiert ist, in der Praxis aber unter Druck gerät. Berichte schildern eine Kluft zwischen säkularem Anspruch und politischer Realität: Unter Maduro wurde Religion selektiv gefördert oder behindert. Kritische Stimmen – besonders aus dem katholischen Umfeld – waren demnach Diffamierungen, Schikanen und Überwachung ausgesetzt. Die „United States Commission on International Religious Freedom“ (USCIRF) spricht in ihrem Bericht vom November 2025 von „verdeckter Repression“: Dazu zählen Einschüchterung und Überwachung nicht regimetreuer religiöser Führungspersonen, „administratives Lawfare“ (NGO-Gesetz 2024, „Gesetz gegen Hassäußerungen“, Registrierungspflichten, verschleppte Verfahren) sowie Behinderungen beim seelsorgerlichen Zugang zu Gefangenen.

Der Bericht „Religionsfreiheit weltweit 2025“ von Kirche in Not zieht Parallelen zu Kuba und Nicaragua: Ein vom kubanischen Modell inspirierter Zugriff auf gesellschaftliche Kontrolle schlage sich in Überwachung, rechtlicher Behinderung, Einschränkung öffentlicher Veranstaltungen und staatlichen Diffamierungskampagnen nieder. Der Staat habe den Aufbau einer „regierungsnahen Kirche“ gefördert und zugleich pastorale Aktivitäten jener Akteure eingeschränkt, die marginalisierte Gruppen begleiten oder Repression kritisieren – mit dem Ziel, die unabhängige, „prophetische“ Stimme der Kirchen zu schwächen.

So reagierten die christlichen Kirchen auf den US-Militäreinsatz

Hinzu kommt Druck jenseits des Staates: In Grenzregionen schränken kriminelle Gruppen und eine kolumbianische Guerilla laut Bericht religiöse Arbeit ein, indem sie Genehmigungen für Messen, Prozessionen und Seelsorge verlangen und Termine, Reisen oder die Nutzung von Gebetsstätten kontrollieren.

Nach dem US-Militäreinsatz am 3. Januar 2026 reagierten beide großen christlichen Lager mit ähnlicher Tonlage. Die katholischen Bischöfe zeigten Solidarität mit Verletzten und Angehörigen, warben für Besonnenheit und lehnten Gewalt ab; sie riefen zu Gebet, Hoffnung und gegenseitiger Hilfe auf. Der Evangelische Rat Venezuelas (CEV) äußerte ebenfalls Sorge, versprach geistliche Solidarität, mahnte zu Weisheit und Zurückhaltung – einschließlich der Empfehlung, weniger Zeit in sozialen Medien zu verbringen – und bekräftigte sein Engagement für Gemeinwohl und Frieden.

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José García Religionsfreiheit

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