Glaube und Vernunft dürfen sich nicht ausschließen

Benedikt XVI. hat in der Universität Regensburg vor den „Pathologien der Religion“ gewarnt

Wenn der Heilige Vater an einem einzigen Tag in zwei unterschiedlichen Ansprachen vor höchst unterschiedlichem Publikum eine Gefahr fast wortgleich anspricht, dann darf man hellhörig werden. In Regensburg warnte Papst Benedikt XVI. vor einer Viertelmillion Menschen in seiner Predigt vor „Pathologien und lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft“, vor den „Zerstörungen des Gottesbildes durch Hass und Fanatismus“. Diese Warnung griff der Papst am Dienstagnachmittag vor siebenhundert Wissenschaftlern und Studierenden in seiner Vorlesung an der Regensburger Universität noch einmal auf: „Dieser Zustand ist für die Menschheit gefährlich: Wir sehen es an den uns bedrohenden Pathologien der Religion und der Vernunft, die notwendig ausbrechen müssen, wo die Vernunft verengt wird, dass ihr die Fragen der Vernunft und des Ethos nicht mehr zugehören.“

Hier liegen die Missverständnisse offenbar nah: Manche Medien meldeten, der Papst habe erklärt, die Wissenschaft genüge nicht. Ganz im Gegenteil hatte sich Benedikt XVI. jedoch dagegen verwehrt, „dass die Methode (der Wissenschaft) als solche die Gottesfrage ausschließt und sie als unwissenschaftliche oder vorwissenschaftliche Frage erscheinen lässt“. Er wandte sich scharf gegen Kant, der „den Glauben ausschließlich in der praktischen Vernunft verankert und ihm den Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit“ abspricht. Er plädierte für eine „Selbstkritik der modernen Vernunft“, und zwar ausdrücklich, ohne „hinter die Aufklärung zurück“ zu gehen. Er mahnte an, dass das Ethos der Wissenschaftlichkeit im „Gehorsam gegenüber der Wahrheit“ bestehen müsse.

Mit kaum überbietbarer Klarheit sprach sich der Papst dagegen aus, die Theologie zu profanisieren und zur reinen Humanwissenschaft verkommen zu lassen, um so die Anerkennung im Konzert der Universität zu gewinnen. Deshalb stemmte er sich intellektuell gegen die so genannte „Enthellenisierung“, komme sie nun im Namen des reformatorischen „sola scriptura“ daher oder als Unterscheidung zwischen dem Gott der Philosophen einerseits und dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs andererseits, oder – wie heute mitunter – im Namen der Inkulturation.

„Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann“

Das Neue Testament sei nicht nur griechisch geschrieben, sondern „trägt in sich selber die Berührung mit dem griechischen Geist“. Das Zusammenwirken des biblischen Glaubens mit dem griechischen philosophischen Fragen sei „ein nicht nur religionsgeschichtlich, sondern weltgeschichtlich entscheidender Vorgang, der uns auch heute in die Pflicht nimmt“. Daraus schließt der Papst: „Diese Begegnung, zu der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann.“

Dennoch geht es ihm hier nicht nur um eine europäische Identitäts- oder Spurensuche, auch wenn sich Papst Benedikt XVI. ebenso wie sein großer Vorgänger mit diesem Thema immer wieder profund auseinandergesetzt hat. Es geht ihm um „den Zusammenhang des Glaubens mit dem Suchen der menschlichen Vernunft“, ja sogar um die „Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs“.

Warum scheint dem Papst „dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft“ so gefährlich? Die Antwort blieb der Heilige Vater bei seiner Regensburger Vorlesung den aufmerksamen Hörern nicht schuldig: Dieser Ausschluss des Göttlichen werde von den „tief religiösen Kulturen der Welt ... als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen“. Weiter erläuterte Benedikt XVI.: „Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen.“ Wer also etwas voreilig die lange Darstellung der Kontroverse zwischen dem gelehrten byzantinischen Kaiser Manuel II. und einem muslimischen Perser als Distanzierung vom interreligiösen Dialog verstehen möchte, hat die päpstliche Vorlesung gerade nicht verstanden. Der Papst will zum „Dialog der Kulturen“ einladen, aber „in dieser Weite der Vernunft“.

„Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe“

Benedikt XVI. hat einen Maßstab gesetzt, dem derzeit wohl weder der Westen noch der Islam gerecht werden. Wörtlich meinte der Papst: „Der Westen ist seit langem von dieser Abneigung gegen die grundlegenden Fragen seiner Vernunft bedroht und kann damit nur einen großen Schaden erleiden.“ Gefordert sei deshalb „Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe“. Umgekehrt muss sich der Islam wohl sagen lassen, dass seine Lehre „auf das Bild eines Willkür-Gottes zulaufen“ könnte, also eines Gottes, „der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist“.

Der aufmerksame Hörer oder Leser der Vorlesung Papst Benedikts wird aber feststellen, dass er an christlichen Theologen, namentlich an dem Franziskaner-Theologen Duns Scotus, festmachte, was heute auf Teile des Islam zutreffen dürfte: „Die Transzendenz und die Andersheit Gottes werden so weit übersteigert, dass auch unsere Vernunft, unser Sinn für das Wahre und Gute kein wirklicher Spiegel Gottes mehr sind“ (im Wortlaut dokumentiert ist der Vortrag des Heiligen Vaters auf Seite 14).

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