Vorwürfe gegen emeritierten Papst

Gauweiler: Benedikt ist Brückenbauer zwischen Menschen, Völkern, Religionen

Er habe den emeritierten Papst als "Ausnahmeerscheinung" kennengelernt, schreibt der CSU-Politiker Peter Gauweiler in einem Beitrag für die Tagespost. Das Wohl der Menschen sei ihm Beruf und Berufung zugleich.
Frauenkirche München
Foto: Sven Hoppe (dpa) | Das Benedikt XVI.–Relief an der Münchner Frauenkirche. Als Zeichen seiner Verbundenheit mit dem emeritierten Papst legte Peter Gauweiler nach der Veröffentlichung des Münchner Gutachtens am 20. Januar dort Blumen nieder.

Liebe und Hass sind Ausdruck eines starken Gefühls. Wir entwickeln diese Gefühlslagen nicht „freiwillig“, sondern aus uns heraus. Wie und was uns jemand bedeutet oder aufregt, steht im Gegensatz zu Empfindungen wie „gleichgültig“ oder „egal“.

Auch insofern ist Joseph Ratzinger unter den lebenden Deutschen der bedeutendste: Die meisten – nicht nur in der westlichen Welt – haben zu ihm eine Meinung. Manche seiner wütendsten Kritiker sagen zwar, er sei völlig irrelevant – aber sie sagen das mit verzerrter Stimme und schwer atmend. So weiß man, dass auch bei ihnen das Gegenteil richtig ist. In der vorvergangenen Woche war Papa Benedetto (wieder einmal) niemandem mehr gleichgültig.

Auf dem Petersplatz jubelte ich bei Benedikts Inthronisation

Mir geht das schon lange so. Seit seinen ersten Tagen in München – als ich ihn im Mai 1977 bei seiner Amtseinführung in der Frauenkirche predigen hörte: „Ein Bayern, in dem nicht mehr geglaubt würde, hätte seine Seele verloren und keine Denkmalpflege auf der Welt könnte darüber hinwegtäuschen.“ Da sprach einer, der das evangelische Paradox ernst nahm und ihm nachlebte: Freier Herr und dienstbarer Knecht. Und 28 Jahre später, auf dem Petersplatz in Rom, jubelte ich mit den Gebirgsschützen der Kompanie Traunstein. Gemeinsam mit über 350.000 Gläubigen und Gästen bei der feierlichen Inthronisation des neuen Papstes Benedikt XVI. am 24. April 2005.

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In dieser Sternstunde war ein Text fast vergessen, den er vier Wochen zuvor, noch als Kardinal, verfasst hatte: „Das verschmutzte Gewand und Gesicht deiner Kirche erschüttern uns.“ Während Papst Johannes Paul II. im Sterben lag, am Karfreitag 2005, hatte Kardinal Ratzinger für den Kreuzweg am Kolosseum ein besonderes Gebet verfasst: „Wie viel Schmutz gibt es in deiner Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum Christus ganz zugehören sollten?“

Anfang dieses Jahres hat eine mittelständische Münchner Anwaltskanzlei medienwirksam ein selbstverfasstes „Gutachten“ präsentiert, in dem tatsächliche und vermeintliche Fälle sexuellen Missbrauchs im Erzbistum München und Freising aus mehreren Jahrzehnten zusammengeschrieben und ausgebreitet worden waren. Dabei ging es nicht nur um die Täter, sondern auch darum, wie die institutionellen Strukturen damals angeblich agierten. In dem Gutachten identifizieren die Anwälte für einen Zeitraum von 77 Jahren (ab 1945) insgesamt 497 Fälle von Missbrauchsvorwürfen gegen Priester, Diakone oder andere Mitarbeiter der Kirche. In ihrer Schlussfolgerung warfen sie sämtlichen Münchner Erzbischöfen seit dem Zweiten Weltkrieg Fehlverhalten im Umgehen mit den Vorfällen vor.

Ohne Gegenprüfung, aber mit kirchenamtlicher Billigung

Ohne Gegenprüfung durch Dritte und trotz eingestandenem „lückenhaften Aktenmaterial“, aber mit kirchenamtlicher Billigung bot die Kanzlei der Presse für den Nachmittag des 20.01.2022 ein Konvolut von über 1 800 Seiten an, das von dort innerhalb von Minuten und erkennbar nur angelesen als finale Bestätigung dessen aufgegriffen wurde, was man/frau schon lange vermutete: dass nämlich der Altherren-Verein katholische Kirche schrecklichste Straftaten bewusst und ohne Rücksicht auf Verluste vertuscht hat, um die eigenen Reihen und die Institution Kirche zu schützen. Wie gut es sich doch anfühlt, die eigenen Vorurteile bestätigt zu sehen und aus Herzenslust richten zu dürfen. Und das auch noch über einen Papst. Nicht irgendeinen Pontifex, sondern jenen Landsmann im weißen Kleid, der seit den 1980er Jahren, noch als Kardinal, gemeinsam mit Wojtyla der Welt einen anderen Dreh gegeben hatte.

Peter Gauweiler


Hinsichtlich seiner faktischen Teilnahme an einer Vierzig-Jahre-zuvor-Sitzung korrigierte Ratzinger den Irrtum über seine Anwesenheit in kürzest möglicher Zeit, was jedenfalls den Anspruch der Medien selbst für eine Korrektur eigener Falschmeldungen deutlich unterschritt. Ausweislich des aufgetauchten Protokolls der damaligen Sitzung stellte sich auch noch heraus, dass es dort gar nicht um den Wechsel eines missratenen Seelsorgers nach München gegangen war, sondern um die Gestattung einer Unterkunft in kirchlicher Einrichtung während seiner für ihn angeordneten Therapie. In keinem der weiteren „Fälle“ gab es – außer Hörensagen – einen belastbaren Beweis, dass der Kardinal Kenntnis einer „Missbrauchsvorgeschichte“ gehabt hätte. Es sei ja nur ein „Anfangsverdacht“, sagten die Anwälte dazu. Trotzdem posaunten sie ihn in der Presse heraus. Geliefert wurden von der Kanzlei Anklagen und Urteile aus einer Hand. Das hätte eine rechtsstaatlich verfasste Körperschaft als Mandantin niemals gestatten dürfen und war ein Missbrauch des Missbrauchs.
Unabhängig davon: wie die Kritik von heute an innerkirchlichen Reaktionen auf deviantes Verhalten von vor 40 Jahren und früher darzustellen und einzuordnen ist, hätte sich natürlich nicht auf das kirchliche Binnengeschehen reduzieren dürfen.

Benedikt war es, der dem Missbrauch entgegentrat

Den gesellschaftspolitischen Kontext der Zeit von 1980 und im Jahrzehnt davor zeigt ein im Jahr 2014 vorgelegtes Gutachten des Göttinger Instituts für Demokratieforschung im Auftrag der Grünen, das deren Verhältnis zu „Pädophilie-Gruppen“ kritisch untersucht hatte.

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Dazu berichtete die taz: „Das Göttinger Institut für Demokratieforschung sieht in seinem Gutachten die damaligen Vorgänge bei den Grünen eng verknüpft mit ähnlichen Debatten außerhalb der Partei. Forderungen nach Straffreiheit für Sex mit Kindern hat es schon vor der Gründung der Grünen gegeben, sagte Institutsleiter Franz Walther bei der Vorstellung des Abschlussberichts. Er verwies dabei auf den Linksliberalismus und erwähnte die FDP oder Organisationen wie die Humanistische Union.“ Der Gutachter führte das gesellschaftliche Verhalten auf Tendenzen im fortschrittlichen Bereich der Gesellschaft zurück, „die Positionen von Minderheiten unkritisch zu übernehmen. […] Minderheiten seien per se gut gewesen.“

Es war der Panzerkardinal aus München, der nach seiner Berufung in die Kurie durch den Papst 1982 diesem Trend weltweit entgegentrat. „Benedikt hat in Kampf und Wirken gegen Missbrauch in der Kirche“ – so der international höchst renommierte Psychologe Manfred Lütz – „mehr erreicht als jeder andere Katholik.“

Ein weißer Revolutionär

Auch meine eigenen Begegnungen mit Benedikt haben mich ihn als eine Ausnahmeerscheinung kennenlernen lassen, dem das Wohl der Menschen nicht nur am Herzen liegt, sondern Beruf und Berufung zugleich ist. Er ist Brückenbauer – zwischen Menschen, Völkern und Religionen. Besonders deutlich wurde mir dies im März 2003, kurz vor Beginn des dritten Irak-Kriegs. Der damalige Papst Johannes Paul hatte mehrfach eindringlich vor einer militärischen Auseinandersetzung gewarnt. In den letzten Tagen vor dem Krieg besuchten mein damaliger Bundestagskollege Willy Wimmer und ich den chaldäischen Patriarchen von Babylon. Er hatte uns eine Einladung ausgesprochen, die uns über Kardinal Ratzinger zugestellt wurde. Im Anschluss trafen wir Ratzinger in Rom. Ziel unserer Reisen und Gespräche war es, in Deutschland die Auswirkungen eines Krieges auf die christliche Gemeinde im Irak zu verdeutlichen und schlussendlich die Sinnlosigkeit einer militärischen Auseinandersetzung auch aus christlich-demokratischer Politik argumentativ zu untermauern.

„Das war ein exzellenter Schachzug des Heiligen Geistes“, sagte der polnische Schriftsteller Andzej Stasink, als Benedikt bei seinem Polen-Besuch im Mai 2005 in der Nachfolge von Karol Wojtyla zum Helden der Massen wurde: „An die Stelle des besten aller Polen tritt der gute Deutsche.“ Besseres konnte für unser Land nicht geschehen – und so sehe ich den bayerischen Papst bis heute. Ein weißer Revolutionär, den seine Gegner hassen, um nicht an sich selbst zu verzweifeln.


Peter Gauweiler, Jahrgang 1949, gehört zu den bestimmenden CSU-Politikern seiner Generation. Der Anwalt, der sich auch immer wieder publizistisch zu Wort meldet, prägt seit über fünf Jahrzehnten deutsche, vor allem aber bayerische Politik. Der enge Weggefährte von Franz Josef Strauß ist evangelischer Christ. Er war von 1986 bis 1990 Staatssekretär im bayerischen Staatsministerium des Inneren, von 1990 bis 1994 war er bayerischer Staatsminister für Umweltfragen und Landesentwicklung. Von 1990 bis 2002 gehörte Peter Gauweiler dem Landtag in München an, von 2002 bis 2015 war er Abgeordneter des Bundestages  Von 2013 bis 2015 war er stellvertretender CSU-Vorsitzender.

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